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Fachkräfte gesucht – doch immer weniger Azubis sind zufrieden

Warum Deutschlands Ausbildungsproblem längst nicht nur an fehlenden Bewerbern liegt

9 Min.

21.08.2026

Deutschland sucht Fachkräfte. Doch ausgerechnet am Anfang der Fachkräftekarriere häufen sich die Probleme. Nur noch 65,7 Prozent der vom Deutschen Gewerkschaftsbund befragten Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden – 5,9 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit Beginn des Ausbildungsreports. Zugleich fühlt sich jeder zweite Azubi psychisch belastet. Die neuen Zahlen treffen auf einen Ausbildungsmarkt, der ohnehin paradox wirkt: Zehntausende Betriebe finden keinen Nachwuchs, während gleichzeitig Zehntausende junge Menschen keinen Ausbildungsplatz haben.

Die Zufriedenheit fällt auf einen Tiefstand

Für den Ausbildungsreport 2026 hat die DGB-Jugend über einen Zeitraum von zwölf Monaten bis Mai insgesamt 13.227 Auszubildende aus den 25 am stärksten besetzten dualen Ausbildungsberufen befragt.

65,7 Prozent bewerten ihre Ausbildung als zufriedenstellend oder sehr zufriedenstellend. Im Vorjahr waren es noch 71,6 Prozent. Damit sank der Wert um 5,9 Prozentpunkte.

Die Unterschiede zwischen den Berufen sind erheblich.

Besonders zufrieden zeigen sich unter anderem angehende Kaufleute für Versicherungen und Finanzanlagen, Industriemechaniker, Verwaltungsfachangestellte, Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik. Am unteren Ende liegen unter anderem Friseure, Maler, Tischler, Automobilkaufleute und Hotelfachleute.

Der Ausbildungsreport ist dabei keine amtliche Vollerhebung über sämtliche Auszubildenden in Deutschland, sondern eine Befragung des DGB. Seine Ergebnisse sollten deshalb als Einschätzung der befragten Azubis gelesen werden. Die hohe Teilnehmerzahl und die wiederkehrende Erhebung ermöglichen jedoch, Entwicklungen über die Jahre sichtbar zu machen.

Und die zeigen in diesem Jahr deutlich nach unten.

Mehr als die Hälfte fühlt sich psychisch belastet

Schwerpunkt des aktuellen Reports ist die mentale Gesundheit.

50,6 Prozent der Befragten geben an, während ihrer Ausbildung psychische Belastungen zu erleben. Als Ursachen nennen sie unter anderem Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck sowie Personalmangel im Ausbildungsbetrieb.

Die Belastung endet nicht am Werkstor.

49,9 Prozent fühlen sich durch ihre finanzielle Situation belastet, 35 Prozent durch ihre Wohnsituation. 65,3 Prozent erklären, von ihrer Ausbildungsvergütung weniger gut oder gar nicht selbstständig leben zu können. Fast ein Drittel erhält Unterstützung von Eltern oder anderen Angehörigen, etwa jeder achte Auszubildende arbeitet zusätzlich in einem Nebenjob.

Damit trifft die Ausbildung auf ein Lebensumfeld, das sich in den vergangenen Jahren deutlich verteuert hat.

Wer von seiner Vergütung Miete, Lebensmittel, Mobilität und weitere Lebenshaltungskosten nicht decken kann, startet zwar formal in die wirtschaftliche Selbstständigkeit – bleibt tatsächlich aber häufig auf zusätzliche Hilfe angewiesen.

Betreuung macht einen erstaunlich großen Unterschied

Besonders interessant ist deshalb, wie stark der Report die psychische Belastung mit der konkreten Ausbildungsqualität in Verbindung bringt.

Sind Ausbilder nach Angaben der Befragten immer verfügbar, fühlen sich lediglich 8,5 Prozent stark belastet. Sind die zuständigen Ansprechpartner dagegen selten oder nie erreichbar, steigt der Anteil auf 36 Prozent.

Das beweist noch nicht, dass fehlende Betreuung allein die psychischen Probleme verursacht. Beide Faktoren können mit anderen betrieblichen Bedingungen zusammenhängen.

Der Unterschied ist dennoch erheblich.

Eine Ausbildung unterscheidet sich schließlich gerade dadurch von einem normalen Arbeitsverhältnis, dass junge Menschen einen Beruf erst lernen sollen. Sie benötigen Anleitung, Rückmeldung und die Möglichkeit, Fehler zu machen.

Fehlt dafür die Zeit, droht aus Ausbildung schnell Beschäftigung mit reduziertem Gehalt zu werden.

Mehr als jeder dritte Azubi macht regelmäßig Überstunden

Auch bei den Arbeitszeiten verschlechterte sich der Befund.

35,4 Prozent der befragten Auszubildenden geben an, regelmäßig Überstunden zu leisten. Das sind 3,1 Prozentpunkte mehr als im vergangenen Ausbildungsreport.

Bereits im Vorjahr berichteten zudem 14,7 Prozent von regelmäßigen ausbildungsfremden Tätigkeiten – etwa Putzen, Botengängen oder anderen Aufgaben ohne direkten Bezug zum Ausbildungsziel.

Nicht jede zusätzliche Arbeitsstunde und nicht jede Hilfstätigkeit macht eine Ausbildung schlecht. Problematisch wird es dort, wo Personalmangel dazu führt, dass Auszubildende dauerhaft Lücken in der normalen Belegschaft schließen, während Anleitung und Lernzeit zu kurz kommen.

Genau damit berührt der DGB-Report eine größere wirtschaftliche Frage. Denn Deutschlands Unternehmen beklagen seit Jahren, nicht genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Wenn Auszubildende bereits während ihrer Qualifizierung zur Kompensation fehlender Fachkräfte eingesetzt werden, kann der Mangel beginnen, sich selbst zu verstärken.

Deutschland hat gleichzeitig freie Stellen und unversorgte Jugendliche

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt macht diesen Widerspruch besonders sichtbar. Nach den jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hatten sich von Oktober 2025 bis Juli 2026 rund 418.000 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle registriert. Gleichzeitig waren 437.000 Ausbildungsstellen gemeldet.

Rechnerisch liegen die Größenordnungen damit inzwischen relativ dicht beieinander. Trotzdem hatten im Juli 147.000 junge Menschen weder eine Ausbildungsstelle noch eine Alternative gefunden. Gleichzeitig waren 162.000 Ausbildungsplätze weiterhin unbesetzt.

Es existieren also gleichzeitig Menschen ohne Stelle und Stellen ohne Menschen. Das ist kein mathematisches Problem. Berufswünsche passen nicht zu den angebotenen Stellen, Ausbildungsplätze befinden sich in anderen Regionen, Unternehmen erwarten andere Qualifikationen, Jugendliche können sich einen Umzug nicht leisten oder bestimmte Berufe erscheinen ihnen aufgrund von Bezahlung und Arbeitsbedingungen wenig attraktiv.

Die Bundesagentur für Arbeit spricht deshalb ausdrücklich von regionalen, beruflichen und qualifikatorischen Ungleichgewichten.

Und gleichzeitig bieten Unternehmen weniger Ausbildungsplätze an

Hinzu kommt inzwischen die schwächere Konjunktur. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer befragte im Mai mehr als 14.000 Unternehmen. 29 Prozent der Ausbildungsbetriebe gaben an, 2026 weniger Ausbildungsplätze anzubieten als im Vorjahr. Nur 13 Prozent weiten ihr Angebot aus.

Besonders deutlich ist der Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage. Von den Unternehmen mit negativen Geschäftserwartungen reduzieren rund vier von zehn ihr Ausbildungsangebot. Bei Betrieben mit positiven Erwartungen sind es 26 Prozent.

Auch die amtliche Statistik zeigt inzwischen weniger Stellen: Im Juli waren bei den Arbeitsagenturen 35.000 Ausbildungsplätze weniger gemeldet als ein Jahr zuvor.

Das ist für die langfristige Fachkräftesicherung problematisch. Wer in einer konjunkturellen Schwächephase weniger ausbildet, spart kurzfristig Kosten. Die fehlenden Ausbildungsjahrgänge werden jedoch einige Jahre später zu fehlenden Fachkräften. Aus vergangenen Krisen ist dieser Mechanismus bekannt.

Die Unternehmen sehen das Problem allerdings anders

Zu einem vollständigen Bild gehört deshalb auch die Arbeitgeberperspektive.

49 Prozent der von der DIHK befragten Unternehmen konnten 2025 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. 2015 hatte dieser Anteil erst bei 31 Prozent gelegen.

Die Unternehmen führen das nicht nur auf mangelndes Interesse an den angebotenen Berufen zurück.

37 Prozent der Betriebe, die inzwischen gar nicht mehr ausbilden, nennen fehlende geeignete Bewerber als Grund. 27 Prozent verweisen auf schlechte Erfahrungen mit Auszubildenden. Unternehmen beklagen unter anderem Defizite bei schulischen Grundkompetenzen.

Auch auf die aktuellen DGB-Zahlen reagiert die Arbeitgeberseite deshalb zurückhaltender.

Die DIHK betont, psychische Gesundheit könne nicht allein den Ausbildungsbetrieben zugerechnet werden. Schulen, Elternhäuser, Beratungsstellen und Politik trügen ebenfalls Verantwortung. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks verweist zusätzlich darauf, dass Betriebe zunehmend junge Menschen mit Lücken bei Grundkompetenzen und Sprachkenntnissen auffangen müssten.

Diese Einwände sind relevant. Psychische Belastungen entstehen nicht automatisch im Ausbildungsbetrieb, nur weil sie während einer Ausbildung auftreten. Ebenso wenig lässt sich jeder unbesetzte Ausbildungsplatz mit schlechten Arbeitsbedingungen erklären.

Das Problem liegt zwischen beiden Seiten

Gerade deshalb greift die verbreitete Erzählung vom Ausbildungsmarkt zu kurz. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die sagen: Wir finden keine geeigneten Bewerber. Auf der anderen stehen Jugendliche, die sagen: Ausbildung wird belastender, die Vergütung reicht nicht und Betreuung fehlt teilweise.

Beide Befunde können gleichzeitig stimmen. Dazwischen liegt ein Ausbildungsmarkt, dessen Passungsprobleme größer werden.

Besonders deutlich wird das beim Thema Wohnen. Ein freier Ausbildungsplatz in München, Hamburg oder Frankfurt hilft einem Jugendlichen wenig, wenn die Vergütung nicht reicht, um dort ein Zimmer zu bezahlen. Umgekehrt nutzt einem Unternehmen eine theoretisch große Zahl von Bewerbern wenig, wenn niemand den angebotenen Beruf lernen möchte oder die notwendigen Grundlagen fehlen.

Selbst das viel zitierte Problem des Fachkräftemangels ist deshalb weniger eindimensional, als es häufig dargestellt wird. Deutschland fehlen nicht einfach Menschen. Es fehlen an bestimmten Orten Menschen mit bestimmten Qualifikationen, die bereit und finanziell in der Lage sind, bestimmte Berufe zu erlernen – und Betriebe, die diese Menschen anschließend so ausbilden, dass sie im Beruf bleiben wollen.

Ausbildung ist bereits Fachkräftesicherung

Gerade der Rückgang der Zufriedenheit sollte deshalb nicht als Wohlfühlkennzahl abgetan werden. Eine Ausbildung ist normalerweise der erste längere Kontakt junger Menschen mit einem Beruf, einer Branche und einem Arbeitgeber.

Wer dort gute Erfahrungen macht, hat einen Grund zu bleiben. Wer Überstunden leistet, sich schlecht betreut fühlt, finanziell kaum über die Runden kommt und kurz vor der Abschlussprüfung noch nicht weiß, ob er übernommen wird, möglicherweise nicht.

Mehr als ein Drittel der befragten Auszubildenden im letzten Ausbildungsjahr weiß laut DGB kurz vor dem Abschluss noch nicht, ob der Betrieb sie weiterbeschäftigen wird. Dabei zeigt die DIHK-Befragung zugleich, dass die große Mehrheit der Unternehmen ihre erfolgreichen Absolventen durchaus halten möchte: Rund zwei Drittel übernehmen sämtliche Auszubildenden, vier von fünf Unternehmen mindestens 75 Prozent.

Auch hier liegen Problem und Chance dicht beieinander. Deutschland besitzt mit der dualen Ausbildung weiterhin ein System, um junge Menschen direkt im Betrieb zu Fachkräften zu entwickeln.

Aber genau deshalb kann die Antwort auf den Fachkräftemangel nicht erst beim Recruiting fertiger Beschäftigter beginnen. Sie beginnt mehrere Jahre früher – bei denen, die gerade erst lernen sollen, eine Fachkraft zu werden.

Stefanie S. Klief

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