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Nestlé blieb in Russland – nun entscheidet Moskau über das Geschäft

Warum Putins Zwangsverwaltung auch für andere westliche Unternehmen eine Warnung ist

6 Min.

18.09.2026

Vier Jahre lang versuchte Nestlé, zwischen Rückzug und Verbleib einen Mittelweg zu finden. Der Konzern stoppte Investitionen, Werbung und große Teile seines Sortiments in Russland, produzierte aber weiter Lebensmittel, die er als essenziell einstufte. Nun hat Moskau dem Schweizer Konzern die Kontrolle über zentrale Teile seines Russland-Geschäfts entzogen. Für westliche Unternehmen wird damit ein Risiko sichtbar, das weit über Nestlé hinausreicht.

Putins Dekret betrifft Nestlé und Auchan

Russlands Präsident Wladimir Putin stellte am 17. September die russischen Vermögenswerte von Nestlé sowie des französischen Einzelhändlers Auchan unter eine sogenannte temporäre externe Verwaltung.

Bei Nestlé betrifft der Erlass unter anderem die Gesellschaften »Nestlé Russia« und »Nestlé Kuban«. Die von Schweizer beziehungsweise deutschen Nestlé-Gesellschaften gehaltenen Anteile wurden zur vorübergehenden Verwaltung an die russische Aktiengesellschaft L.E.V. Management übertragen.

Nestlé bestätigte den Vorgang am Freitag. Man prüfe die Situation und die verfügbaren Optionen und werde die notwendigen Schritte ergreifen, um die eigenen Rechte sowie die Fortführung des Geschäfts insbesondere im Interesse der Beschäftigten zu schützen.

Formal handelt es sich damit zunächst nicht um eine endgültige Enteignung. Praktisch verliert Nestlé jedoch die Kontrolle über die betroffenen Gesellschaften.

Hinter dem Verwalter steckt eine kaum bekannte Gesellschaft

Aber – wem hat Russland die Unternehmen anvertraut?

L.E.V. Management wurde nach russischen Unternehmensangaben erst im Oktober 2024 in Moskau registriert. Angaben zu den Eigentümern sind nicht öffentlich; nach den verfügbaren Geschäftszahlen entfaltete das Unternehmen 2025 kaum operative Tätigkeit. Nun soll es Vermögenswerte mehrerer großer internationaler Konzerne verwalten.

Neben Nestlé und Auchan umfasst Putins Erlass auch Vermögenswerte des Logistikkonzerns FM Logistic sowie einen verbliebenen französischen Anteil an der ehemaligen Russland-Tochter von Leroy Merlin.

Der Zugriff kommt dabei nicht völlig überraschend. Bereits im August hatte die russische Zeitung »Kommersant« berichtet, dass das Unternehmen KS Logistika beim Präsidenten die Zwangsverwaltung mehrerer Nestlé-Gesellschaften beantragt habe. Als Begründung wurden fehlende Pläne zum Ausbau russischer Produktionskapazitäten sowie eingestellte Exporte aus Russland genannt.

Nestlé hatte Russland nie vollständig verlassen

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geriet Nestlé 2022 wegen seiner fortgesetzten Geschäftstätigkeit stark unter Druck.

Der Konzern reagierte mit einer weitgehenden Einschränkung seines Angebots. Investitionen und Werbung wurden gestoppt, nicht notwendige Importe und Exporte eingestellt. Bekannte Marken wie KitKat und Nesquik sollten nicht mehr produziert beziehungsweise verkauft werden. Das verbleibende Geschäft sollte sich nach Unternehmensangaben auf notwendige Produkte wie Babynahrung und medizinische Ernährung konzentrieren und nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sein.

Vollständig zog sich Nestlé jedoch nie zurück.

Noch 2025 betrieb das Unternehmen sechs Fabriken in Russland, unter anderem für Kaffee, Tiernahrung und Säuglingsnahrung. Rund 7.000 Menschen arbeiten dort. 2021, im letzten Jahr vor dem großflächigen Angriff auf die Ukraine, hatte Nestlé in Russland rund zwei Milliarden Schweizer Franken Umsatz erzielt. Analysten schätzen, dass Russland nach der Verkleinerung des Geschäfts zuletzt nur noch ungefähr ein Prozent zum Konzernumsatz beitrug.

Finanziell ist der unmittelbare Schaden für einen Konzern von Nestlés Größe deshalb begrenzt. Grundsätzlich ist der Vorgang erheblich größer.

Russland hat dafür seit 2023 ein Instrument

Die rechtliche Grundlage für solche Eingriffe schuf Putin im April 2023 mit dem Präsidialdekret Nummer 302.

Es erlaubt dem russischen Staat, Vermögenswerte von Eigentümern aus Staaten, die Moskau als »unfreundlich« einstuft, unter vorübergehende Verwaltung zu stellen. Offiziell reagiert Russland damit auf Maßnahmen gegen russisches Eigentum im Ausland. Tatsächlich hat das Instrument dem Kreml einen erheblichen Zugriff auf Vermögenswerte westlicher Unternehmen verschafft.

Betroffen waren unter anderem der finnische Energieversorger Fortum, der französische Lebensmittelkonzern Danone und die russische Brauereitochter des dänischen Carlsberg-Konzerns.

Die Erfahrungen dieser Unternehmen zeigen, warum der Begriff »vorübergehend« nur begrenzte Sicherheit bietet.

Danone verlor 2023 zunächst die operative Kontrolle über sein Russland-Geschäft und verkaufte es schließlich 2024 mit erheblichen finanziellen Einbußen. Auch Carlsberg verlor zeitweise die Kontrolle über seine russische Tochter Baltika und einigte sich erst später auf deren Verkauf.

Eine Zwangsverwaltung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Eigentum unmittelbar und endgültig auf den russischen Staat übergeht. Sie kann jedoch die Vorstufe eines Verkaufs oder Eigentümerwechsels sein, über dessen Bedingungen das ausländische Unternehmen kaum noch bestimmen kann.

Der frühere Zielkonflikt hat sich verschoben

Nach Beginn des Krieges standen westliche Unternehmen vor einer schwierigen Entscheidung.

Wer Russland verließ, musste Fabriken, Geschäfte und jahrzehntelang aufgebaute Vertriebsstrukturen verkaufen. Moskau verschärfte die Bedingungen für solche Verkäufe zunehmend, verlangte hohe Abschläge und zusätzliche Abgaben. Wer blieb, musste sich dagegen mit Sanktionen, Reputationsrisiken und der Frage auseinandersetzen, ob selbst ein reduziertes Geschäft indirekt den russischen Staat stabilisierte.

Nestlé wählte einen Zwischenweg.

Das Unternehmen argumentierte, dass Lebensmittelversorgung und Verantwortung für Beschäftigte einen vollständigen Rückzug erschwerten. Mit dem Verzicht auf Werbung, Investitionen und zahlreiche bekannte Marken sollte das Russland-Geschäft gleichzeitig so weit wie möglich begrenzt werden.

Putins Dekret zeigt nun, dass auch dieser Mittelweg keinen Schutz des Eigentums garantiert.

Bleiben schützt nicht mehr vor Verlust

Für internationale Unternehmen verändert das die wirtschaftliche Kalkulation erheblich.

Normalerweise stehen bei einer Auslandsinvestition Absatzmarkt, Kosten, Steuern, Regulierung und politische Stabilität gegeneinander. Russland hat dem politischen Risiko seit 2022 eine weitere Dimension hinzugefügt: Selbst ein Unternehmen, das seine Fabriken weiterbetreibt, Arbeitsplätze erhält und das Land nicht vollständig verlässt, kann die operative Kontrolle über seine Vermögenswerte verlieren.

Damit lässt sich das Risiko kaum noch allein durch unternehmerische Entscheidungen steuern.

Nestlés Russland-Geschäft ist für den Gesamtkonzern inzwischen zu klein, um dessen wirtschaftliche Zukunft zu bestimmen. Für die Bewertung internationaler Investitionen besitzt der Fall dennoch Gewicht. Denn Fabriken, Marken und Vertriebsnetze haben für einen Eigentümer nur dann ihren bilanziellen Wert, wenn er auch darüber verfügen kann.

In Russland ist selbst diese Grundannahme für westliche Unternehmen längst nicht mehr selbstverständlich.

Stefanie S. Klief

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