Nestlé erhält durch den Teilverkauf seines Wassergeschäfts neuen finanziellen Spielraum. An der Börse sorgte die Nachricht trotzdem nicht für Erleichterung. Anleger fragen sich, ob ein schlankeres Markenportfolio genügt, um den Lebensmittelriesen wieder auf einen verlässlich profitablen Wachstumskurs zu bringen.
Ein Milliardendeal, der die Anleger nicht überzeugt
Nestlé trennt sich von der Hälfte seines Geschäfts mit Mineralwasser und hochwertigen Getränken. Gemeinsam mit dem US-Finanzinvestor Platinum Equity gründet der Schweizer Lebensmittelkonzern ein Gemeinschaftsunternehmen namens Peranel.
Beide Partner sollen jeweils 50 Prozent halten. Nestlé erwartet durch die Transaktion einen Mittelzufluss von rund 3 Milliarden Euro. Das gesamte Gemeinschaftsunternehmen wird mit 4,9 Milliarden Euro bewertet. Der Abschluss ist nach den erforderlichen Genehmigungen für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen.
Zum neuen Unternehmen gehören mehr als 30 Marken, die in rund 120 Ländern verkauft werden. Darunter befinden sich bekannte Namen wie S.Pellegrino, Source Perrier, Acqua Panna und Nestlé Pure Life sowie mehrere lokale Wassermarken.
Normalerweise könnte ein solcher Abschluss als Befreiungsschlag gelten: Nestlé gibt einen Teil einer vergleichsweise margenschwachen Sparte ab, vereinfacht seine Konzernstruktur und nimmt Milliarden ein.
Die Börse reagierte jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Die Nestlé-Aktie verlor zeitweise 7,3 Prozent – der stärkste Rückgang seit 2020. Entscheidend waren nicht allein die Konditionen des Wassergeschäfts, sondern die gleichzeitig veröffentlichten Halbjahreszahlen und der weiterhin schleppende Gewinnaufschwung.
Nestlé verkauft kein schwaches Geschäft
Der Teilverkauf ist nicht als Notverkauf einer schrumpfenden Sparte zu verstehen.
Das Geschäft mit Wasser und hochwertigen Getränken entwickelte sich zuletzt sogar dynamischer als der Gesamtkonzern. Im ersten Halbjahr erzielte die Sparte ein organisches Wachstum von 5,1 Prozent. Im zweiten Quartal beschleunigte sich das Wachstum auf 6,6 Prozent.
Der Umsatz lag im ersten Halbjahr bei rund 1,8 Milliarden Schweizer Franken. Internationale Marken wie S.Pellegrino und Maison Perrier verzeichneten nach Angaben des Konzerns besonders deutliche Zuwächse.
Damit gibt Nestlé nicht einfach ein Geschäft ab, das keine Nachfrage mehr findet.
Die entscheidende Schwäche liegt an anderer Stelle: Wasser wächst, erwirtschaftet aber deutlich geringere Margen als viele andere Produktgruppen des Konzerns.
Die bereinigte operative Marge des Wasserbereichs lag im ersten Halbjahr bei 9,5 Prozent. Im Gesamtkonzern waren es 16,4 Prozent. Bei Tiernahrung erreichte Nestlé 21,8 Prozent, bei Kaffee 19 Prozent und im Ernährungsgeschäft 19,8 Prozent.
Für Nestlé ist der Teilverkauf deshalb ein strategischer Tausch:
Der Konzern verzichtet künftig auf die Hälfte der Erträge einer wachsenden, aber vergleichsweise wenig profitablen Sparte. Dafür erhält er Kapital und kann sich stärker auf Geschäfte konzentrieren, die höhere Margen oder bessere langfristige Wachstumsmöglichkeiten versprechen.
Nestlé verkauft auch Komplexität
Wasser unterscheidet sich grundlegend von löslichem Kaffee, Tiernahrung oder Schokoriegeln.
Die Produkte sind schwer, ihr Transport ist teuer und ihre Herstellung ist regional an bestimmte Quellen gebunden. Hinzu kommen Kosten für Flaschen, Verpackungen, Logistik und Rücknahmesysteme.
Auch regulatorisch ist das Geschäft anspruchsvoll.
In Frankreich geriet Nestlé wegen nicht genehmigter Aufbereitungsverfahren für natürliches Mineralwasser unter Druck. Außerdem steht die Nutzung von Wasserressourcen angesichts zunehmender Trockenheit und wachsender Umweltbedenken stärker in der öffentlichen Kritik.
Mit Platinum Equity erhält die Sparte nun einen Partner, der auf die Umstrukturierung und eigenständige Entwicklung von Unternehmen spezialisiert ist.
Nestlé-Vorstandschef Philipp Navratil erklärte, Peranel könne mit einer eigenständigeren Struktur und größerer Beweglichkeit seine Strategie besser umsetzen. Für Nestlé bedeutet das zugleich, operative Verantwortung, Investitionen und Risiken künftig zu teilen.
Der Konzern verkauft damit nicht nur einen Anteil an Marken wie Perrier und S.Pellegrino.
Er gibt auch einen Teil der organisatorischen, regulatorischen und logistischen Komplexität des Wassergeschäfts ab.
Der Gewinn bricht um fast ein Drittel ein
Dass die Aktie trotz des Milliardenabschlusses fiel, liegt vor allem an den Ergebnissen des Gesamtkonzerns.
Nestlé erzielte im ersten Halbjahr einen Umsatz von 43,1 Milliarden Schweizer Franken. Organisch – also ohne Währungseffekte und Veränderungen durch Zu- oder Verkäufe – wuchs das Geschäft um 3,6 Prozent.
Das tatsächliche Absatzwachstum, das Nestlé als reales internes Wachstum ausweist, betrug jedoch lediglich 1,5 Prozent. Weitere 2,1 Prozentpunkte des organischen Wachstums stammten aus höheren Preisen.
Der ausgewiesene Konzernumsatz sank wegen negativer Wechselkurseffekte um 2,5 Prozent.
Deutlich stärker ging der Nettogewinn zurück. Er fiel um 31,4 Prozent von 5,07 auf 3,47 Milliarden Schweizer Franken. Das Ergebnis je Aktie sank im gleichen Umfang.
Der starke Rückgang bedeutet allerdings nicht, dass das laufende Geschäft um fast ein Drittel eingebrochen ist.
Belastet wurde das Ergebnis unter anderem durch höhere Restrukturierungskosten und eine nicht zahlungswirksame Abschreibung von 1,3 Milliarden Schweizer Franken auf Geschäftsbereiche, die Nestlé zum Verkauf gestellt hat. Der bereinigte Nettogewinn sank deshalb mit 2,4 Prozent wesentlich weniger stark. Bereinigt um Währungseffekte stieg er sogar um 3,4 Prozent.
Die große Schlagzeilenzahl zeichnet somit ein schlechteres Bild als das operative Geschäft.
Sie zeigt jedoch zugleich, wie teuer der Umbau des Konzerns derzeit ist.
Auch der operative Gewinn steht unter Druck
Der bereinigte operative Gewinn sank um 2,8 Prozent auf 7,1 Milliarden Schweizer Franken.
Die entsprechende Marge verringerte sich leicht von 16,5 auf 16,4 Prozent. Belastend wirkten höhere Preise für Kaffee und Kakao, der Rückruf von Säuglingsnahrung, gestiegene Werbeausgaben sowie Zölle und Wechselkurseffekte. Einsparungen und Preiserhöhungen konnten diese Faktoren weitgehend, aber nicht vollständig ausgleichen.
Nestlé befindet sich damit in einem unangenehmen Übergang.
Der Konzern muss mehr in seine Marken investieren, um Nachfrage und Marktanteile zu stärken. Gleichzeitig erwarten die Anleger Kostensenkungen und höhere Margen.
Beides gleichzeitig zu erreichen, ist schwierig.
Wird bei Werbung, Produktentwicklung und Vertrieb zu stark gespart, verliert der Konzern möglicherweise weiter an Wachstum. Steigen die Investitionen, verzögert sich dagegen die erwartete Verbesserung des Gewinns.
Die Wassersparte zeigt Nestlés Dilemma
Ausgerechnet die Zahlen des abgegebenen Geschäfts machen deutlich, wie kompliziert die Entscheidung ist.
Wasser wächst organisch schneller als Kaffee, Tiernahrung, Ernährung sowie Lebensmittel und Snacks. Zugleich liegt die Marge erheblich unter denen der übrigen Kerngeschäfte.
Nestlé könnte die Sparte vollständig behalten und versuchen, ihre Profitabilität zu steigern. Dafür wären jedoch weitere Investitionen, operative Veränderungen und die Lösung der regulatorischen Probleme erforderlich.
Durch das Gemeinschaftsunternehmen wählt der Konzern einen Mittelweg.
Nestlé gibt die Kontrolle nicht vollständig ab und bleibt an einer möglichen Verbesserung beteiligt. Zugleich erhält das Unternehmen sofort neuen finanziellen Spielraum und überträgt einen Teil der Verantwortung auf Platinum Equity.
Das Modell ähnelt früheren Transaktionen großer Konsumgüterhersteller: Geschäftsbereiche werden nicht immer vollständig verkauft, sondern gemeinsam mit Finanzinvestoren verselbstständigt. Dadurch verschwinden sie teilweise aus der direkten Konzernsteuerung, ohne dass der bisherige Eigentümer auf alle späteren Wertsteigerungen verzichten muss.
Ob Peranel tatsächlich schneller wächst und profitabler wird, muss sich allerdings erst zeigen.
Was Nestlé mit den 3 Milliarden Euro anfangen kann
Nestlé hat noch nicht im Detail festgelegt, wie der erwartete Mittelzufluss verwendet werden soll.
Grundsätzlich erweitert das Geld jedoch den Handlungsspielraum.
Der Konzern könnte Schulden reduzieren, in seine Kernmarken investieren, kleinere Unternehmen übernehmen oder Kapital an die Aktionäre zurückgeben. Ende Juni lag die Nettoverschuldung bei 56,3 Milliarden Schweizer Franken. Sie war damit höher als zum Jahresende, was vor allem an der Dividendenauszahlung von 8 Milliarden Schweizer Franken lag.
Gleichzeitig verbessert sich die eigene Mittelgenerierung.
Der freie Cashflow stieg im ersten Halbjahr um 46,3 Prozent auf rund 3,4 Milliarden Schweizer Franken. Für das Gesamtjahr erwartet Nestlé mehr als 9 Milliarden Schweizer Franken.
Der Konzern benötigt die Einnahmen aus dem Wasserabschluss daher nicht zur kurzfristigen Sicherung seiner Zahlungsfähigkeit.
Sie dienen vielmehr dazu, den Umbau zu beschleunigen und Kapital aus einem weniger profitablen Geschäft in attraktivere Bereiche umzuleiten.
Ob diese Umschichtung Wert schafft, hängt davon ab, was Nestlé anschließend mit dem Geld macht.
Ein Konzernumbau unter Zeitdruck
Nestlé ist mit einem Jahresumsatz in zweistelliger Milliardenhöhe und Hunderten Marken kein Unternehmen, das sich innerhalb weniger Quartale vollständig neu ausrichten lässt.
Genau darin liegt das Problem für Vorstandschef Philipp Navratil.
Der Konzern muss langfristige Strukturen verändern, während die Börse vierteljährlich Fortschritte erwartet. Der Verkauf von Beteiligungen kann die Organisation vereinfachen und die Kennzahlen verbessern. Er ersetzt jedoch keinen dauerhaften Anstieg von Absatz, Marktanteilen und Profitabilität.
Ein Analyst der Royal Bank of Canada fasste die Lage gegenüber Reuters entsprechend vorsichtig zusammen: Die Strategie solle Nestlé auf den früher selbstverständlichen Wachstumspfad zurückführen. Fortschritte seien erkennbar, für ein Erfolgsurteil sei es jedoch noch zu früh.
Genau diese Unsicherheit spiegelt der Kursrückgang wider.
Die Anleger bestreiten nicht grundsätzlich, dass der Teilverkauf des Wassergeschäfts sinnvoll sein kann. Sie bezweifeln vielmehr, dass der Abschluss allein ausreicht, um Nestlés größere Probleme zu lösen.
SK