Die AfD könnte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September ihr Ergebnis von 2021 verdoppeln. Gleichzeitig warnen Wirtschaftsforscher vor erheblichen ökonomischen Folgen ihrer Migrationspolitik. Und weil ein deutlicher Wahlsieg noch keine Regierungsmehrheit garantiert, zeichnet sich ein zweites politisches Szenario ab, das bis vor Kurzem kaum vorstellbar schien: Eine CDU-geführte Minderheitsregierung könnte auf Stimmen der Linken angewiesen sein. Deren Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek zeigt sich dafür grundsätzlich offen – allerdings nicht bedingungslos.
42 Prozent – und trotzdem keine sichere Mehrheit
Die letzte ARD-Vorwahlumfrage von Infratest dimap macht die Dimension der Verschiebung deutlich. Die AfD kommt auf 42 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze nur noch auf 22 Prozent. Die Linke erreicht elf Prozent, die SPD acht und die Grünen sechs. BSW und FDP würden mit vier beziehungsweise drei Prozent derzeit an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Damit würde die AfD ihr Ergebnis von 2021 mit damals 20,8 Prozent ungefähr verdoppeln. Eine eigene Mehrheit ergibt sich aus der aktuellen Umfrage dennoch nicht. Wie knapp es tatsächlich wird, hängt auch davon ab, welche kleineren Parteien den Einzug in den Landtag schaffen.
Für die CDU entsteht daraus ein kaum weniger schwieriges Problem. Selbst gemeinsam mit SPD und Grünen reicht es nach den gegenwärtigen Umfragewerten nicht für eine parlamentarische Mehrheit. Eine CDU-geführte Minderheitsregierung könnte deshalb auf Unterstützung der Linken angewiesen sein.
Und damit gerät neben der Brandmauer zur AfD plötzlich auch der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU gegenüber der Linken in den Mittelpunkt.
Reichinnek öffnet die Tür – aber nur einen Spalt
Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek hat nun signalisiert, dass ihre Partei eine solche Konstruktion nicht grundsätzlich ausschließt.
»Wir werden mit niemandem zusammenarbeiten, der am Ende AfD-Politik umsetzen will«, sagte sie der »Augsburger Allgemeinen«. Die Forderungen ihrer Partei müssten sich zudem »klar im Haushalt niederschlagen«. Konkrete Einzelbedingungen nannte Reichinnek in dem Interview zunächst nicht.
Als mögliches Vorbild verweist sie auf Sachsen. Dort regiert Ministerpräsident Michael Kretschmer mit einer Minderheitsregierung; für parlamentarische Mehrheiten gibt es einen Konsultationsmechanismus mit Oppositionsparteien außerhalb der AfD. Reichinnek kritisiert zugleich, dass die CDU eine formelle Zusammenarbeit mit der Linken weiterhin ausschließt.
Ob die CDU in Sachsen-Anhalt zu einer solchen Konstruktion bereit wäre, bleibt offen. Ministerpräsident Schulze wich dieser Frage auch in der jüngsten MDR-Wahlarena aus und verwies zunächst auf das Wahlergebnis.
Während damit um mögliche Mehrheiten nach der Wahl gerungen wird, bekommt die Auseinandersetzung eine zweite Dimension. Denn die wirtschaftlichen Voraussetzungen Sachsen-Anhalts machen einen zentralen Teil des AfD-Programms besonders relevant.
Der Wirtschaft gehen die Beschäftigten aus
Sachsen-Anhalts Arbeitsmarkt schrumpft bereits heute. Im ersten Quartal 2026 arbeiteten noch rund 971.000 Menschen im Land, 0,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Schon im Gesamtjahr 2025 war die Zahl der Erwerbstätigen zurückgegangen. Auch das reale Bruttoinlandsprodukt sank 2025 um 0,2 Prozent.
Dahinter steckt neben der schwachen Konjunktur ein langfristiges Problem: Die Bevölkerung altert, und mehr deutsche Beschäftigte erreichen das Rentenalter, als jüngere nachrücken.
Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), argumentiert deshalb, dass die wirtschaftliche Entwicklung des Landes inzwischen wesentlich von Zuwanderung getragen werde. In einzelnen Branchen sei der Anteil ausländischer Beschäftigter besonders hoch. Gropp nennt für Lebensmittelherstellung, Bau, Gastronomie und Logistik Werte zwischen 33 und 40 Prozent; rund jeder fünfte Arzt im Land komme aus dem Ausland.
Aus dieser Abhängigkeit leitet das Institut ein beträchtliches Risiko für eine AfD-Regierung ab.
Bis zu ein Prozent weniger Wachstum
Gropp spricht von vorläufigen Schätzungen, nach denen das Wirtschaftswachstum Sachsen-Anhalts bei einer AfD-geführten Regierung um etwa 0,5 bis ein Prozent pro Jahr geringer ausfallen könnte.
Der angenommene Mechanismus ist vergleichsweise einfach: Wenn sich weniger ausländische Arbeitskräfte für Sachsen-Anhalt entscheiden oder bereits dort lebende Beschäftigte das Land verlassen, fehlt ihre Arbeitsleistung in einer Volkswirtschaft, deren einheimisches Erwerbspersonenpotenzial ohnehin schrumpft.
Das IWH stützt seine Einschätzung unter anderem auf Untersuchungen von Regionen, in denen migrationskritische oder rechtsgerichtete Parteien politische Macht übernommen haben. Dazu gehören der Landkreis Sonneberg in Thüringen nach der Wahl eines AfD-Landrats, Großbritannien nach dem Brexit sowie norditalienische Kommunen unter Führung der Lega Nord. In den untersuchten Fällen ging die Zuwanderung zurück.
Die Größenordnung von 0,5 bis einem Prozent ist dennoch keine präzise Prognose für Sachsen-Anhalt. Gropp bezeichnet die Berechnungen ausdrücklich als vorläufig. Wirtschaftsentwicklung wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst, und Erfahrungen anderer Regionen lassen sich nicht eins zu eins auf ein Bundesland übertragen.
Der ökonomische Konflikt dahinter ist allerdings real.
Die AfD setzt auf deutsche Rückkehrer
Die AfD beschreibt die Lösung des Fachkräfteproblems anders. In ihrem Wahlprogramm spricht sie sich gegen die Anwerbung sogenannter »kulturfremder Fachkräfte« aus und will stattdessen stärker einheimischen Nachwuchs fördern sowie ausgewanderte Deutsche mit einem Rückkehrprogramm nach Sachsen-Anhalt holen.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund weist den Vorwurf zurück, seine Partei mache Stimmung gegen ausländische Fachkräfte. Zuwanderung sei lediglich keine langfristige Lösung für die demografischen Probleme des Landes. Stattdessen müssten eigene junge Menschen stärker gefördert werden.
Gropp hält einen weitgehenden Ersatz ausländischer Beschäftigter durch deutsche Rückkehrer hingegen für unrealistisch.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche demografische Strategien gegenüber: Die AfD will den Fachkräftebedarf stärker aus dem vorhandenen beziehungsweise zurückkehrenden deutschen Arbeitskräftepotenzial decken. Das IWH bezweifelt, dass dieses Potenzial ausreicht, um den altersbedingten Rückgang auszugleichen.
Auch beim Haushalt klaffen die Vorstellungen auseinander
Der Streit um Zuwanderung ist nicht der einzige wirtschaftspolitische Konflikt.
Bereits Anfang August hatte das IWH das Regierungsprogramm der AfD auf seine finanziellen Folgen untersucht. Das Institut kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen bezifferbaren zusätzlichen Ausgaben, Steuersenkungen und möglichen Einsparungen eine Finanzierungslücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro jährlich entstehen könnte. Die AfD verspricht gleichzeitig, neue Schulden zu vermeiden.
Zum Größenvergleich: Der gesamte Landeshaushalt Sachsen-Anhalts umfasst 2026 rund 15,6 Milliarden Euro.
Siegmund hatte frühere Berechnungen des IWH mit dem Hinweis zurückgewiesen, das Wahlprogramm beschreibe eine langfristige Perspektive für das Land und müsse nicht vollständig innerhalb einer Legislaturperiode umgesetzt werden.
Auch hier wird erst eine mögliche Regierungsverantwortung zeigen, welche Versprechen tatsächlich Priorität hätten und wie sie finanziert würden.
Nach der Wahl beginnt die schwierigere Rechnung
Damit entwickelt sich Sachsen-Anhalts Landtagswahl zu mehr als einem Kräftemessen zwischen AfD und CDU.
Die AfD kann deutlich stärkste Partei werden und dennoch vor dem Problem stehen, keine eigene Mehrheit zu besitzen. Die CDU könnte weit abgeschlagen auf Platz zwei landen und trotzdem den Ministerpräsidenten stellen – müsste dafür womöglich Unterstützung von einer Partei akzeptieren, mit der ihre Bundespartei offiziell nicht zusammenarbeiten will.
Parallel dazu trifft die politische Auseinandersetzung auf eine wirtschaftliche Realität, die sich durch einen Regierungswechsel nicht verändert: Sachsen-Anhalt verliert Beschäftigte, altert schneller als viele andere Regionen und muss gleichzeitig Unternehmen, Investitionen und Arbeitskräfte im Land halten.
Für die Parteien geht es am 6. September deshalb um Macht.
Für Sachsen-Anhalt geht es ebenso darum, welches wirtschaftliche Modell unter diesen Bedingungen überhaupt funktionieren kann.
Stefanie S. Klief