Der Brexit hat Frankfurt offenbar deutlich stärker genutzt als viele Beobachter zunächst erwartet hatten. 10 Jahre nach dem britischen EU-Referendum sieht sich die Mainmetropole als einer der klaren Gewinner der Neuordnung europäischer Finanzmärkte. Nach Angaben der Standortinitiative Frankfurt Main Finance entstanden seit dem Brexit rund 15.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Finanzsektor.
Hinzu kommen laut der Finanzplatz-Lobby mehr als 45.000 weitere Stellen in angrenzenden Bereichen wie Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung, IT und Unternehmensdienstleistungen. Die Verlagerung von Bankfunktionen aus London habe damit weit größere wirtschaftliche Folgen ausgelöst als nur einige neue Handelsabteilungen großer Geldhäuser.
Frankfurt gewinnt an Bedeutung
Vor allem internationale Banken bauten ihre Präsenz in Frankfurt in den vergangenen Jahren deutlich aus. Hintergrund ist die neue regulatorische Realität nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Viele Institute mussten ihre EU-Geschäfte stärker innerhalb des europäischen Binnenmarkts organisieren und verlagerten deshalb Teile ihres Geschäfts von London nach Frankfurt, Paris, Dublin oder Mailand.
Frankfurt profitierte dabei insbesondere von seiner Rolle als Sitz der Europäischen Zentralbank, der Deutschen Bundesbank und zahlreicher Aufsichtsbehörden. Die Stadt gilt seit Jahren als Deutschlands wichtigster Finanzplatz und konnte ihre Position innerhalb Europas durch den Brexit zusätzlich stärken.
Nicht nur Banken profitieren
Die Entwicklung betrifft längst nicht nur klassische Finanzhäuser. Wo Banken neue Standorte aufbauen, entstehen auch Arbeitsplätze in Kanzleien, Beratungsunternehmen, IT-Firmen, Immobilienwirtschaft und anderen Dienstleistungsbereichen. Genau diese indirekten Effekte gelten inzwischen als einer der größten wirtschaftlichen Vorteile für Frankfurt.
Nach Angaben des Frankfurter Kämmerers Bastian Bergerhoff entstanden seit dem Brexit zusätzlich zwischen 360.000 und 400.000 Quadratmeter hochwertige Büroflächen oder befinden sich in Planung. Vor allem im Premiumsegment seien Nachfrage und Mietpreise deutlich gestiegen.
London bleibt stark – verliert aber Exklusivität
Trotz der Entwicklung bleibt London Europas wichtigstes Finanzzentrum. Viele internationale Banken und Investoren halten weiterhin an der britischen Hauptstadt fest. Dennoch hat der Brexit die Finanzarchitektur Europas verändert.
Internationale Großbanken bauten ihre EU-Standorte gezielt aus, um regulatorische Risiken zu vermeiden und weiterhin direkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu sichern. Besonders Handelsabteilungen, Risikomanagement und regulatorische Funktionen wurden innerhalb der EU neu organisiert.
Analysten gehen davon aus, dass dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Gerade bei Kapitalmarkt-, Clearing- und Investmentbanking-Funktionen könnte Frankfurt in den kommenden Jahren weiter profitieren.
Der Brexit als unerwarteter Standortvorteil
Bemerkenswert ist vor allem, wie stark sich die Wahrnehmung des Brexit verändert hat. Während viele deutsche Wirtschaftsvertreter unmittelbar nach dem Referendum vor allem die Risiken für Europa betonten, zeigt sich inzwischen: Einzelne Standorte innerhalb der EU konnten erheblich profitieren.
Frankfurt entwickelte sich dadurch nicht zum neuen London, gewann aber deutlich an internationaler Sichtbarkeit, regulatorischer Bedeutung und wirtschaftlicher Substanz. Für den Finanzplatz Deutschland ist das eine Entwicklung, die ohne den Brexit kaum in dieser Geschwindigkeit möglich gewesen wäre.
SK