Wirtschaft

Putins Krieg wird Kasachstan zu teuer

Tokajew fordert vor laufenden Kameras ein Einfrieren der Kämpfe

8 Min.

30.07.2026

Kasachstan gehört zu Russlands engsten Partnern. Umso ungewöhnlicher war die Szene im sibirischen Omsk: Präsident Kassym-Schomart Tokajew saß neben Wladimir Putin und erklärte öffentlich, die Kämpfe müssten beendet werden. Wenige Tage zuvor hatten Drohnenangriffe Kasachstans wichtigste Ölroute zeitweise lahmgelegt und die Förderung des Landes einbrechen lassen.

Ein bemerkenswert direkter Appell

Beim russisch-kasachischen Forum in Omsk schlug Tokajew am 25. Juli vor, den Krieg in der Ukraine zunächst »einzufrieren« und zu Verhandlungen zurückzukehren. Als Grundlage nannte er eine weiterentwickelte »Istanbul-Formel 2.0« mit Sicherheitsgarantien großer Mächte.

Noch ungewöhnlicher als der Vorschlag war seine Begründung. Die Natur des Konflikts sei »für viele, auch für uns, nicht ganz verständlich«, sagte Tokajew. Es sei beschämend, dass junge Menschen sterben. »All das muss gestoppt werden«, zitierte ihn der »Spiegel«.

Tokajew formulierte höflich, lobte sogar Putins angebliche diplomatische Flexibilität und vermied eine offene Schuldzuweisung. Dennoch sagte hier der Präsident eines eng mit Russland verbundenen Staates dem Kremlchef vor laufenden Kameras, dass dessen Krieg keinen erkennbaren Ausweg mehr besitzt.

Nicht wörtlich – aber in der Sache

Ganz so zugespitzt, wie man Tokajews Botschaft zusammenfassen könnte, sprach er es nicht aus:

Wladimir, wenn du so weitermachst, gerät der Krieg außer Kontrolle – und ich bekomme mein Öl nicht mehr aus dem Land.

Von einem Verlust der Krim oder des Asowschen Meeres sprach Tokajew nicht. Der zeitliche Zusammenhang mit den jüngsten Angriffen auf russische Transport- und Energieinfrastruktur ist jedoch kaum zu übersehen.

Nur zwei Tage vor seinem Auftritt in Omsk hatte Kasachstan seine Ölproduktion reduzieren müssen. Mutmaßlich ukrainische Drohnenangriffe auf Tanker am russischen Schwarzmeerterminal bei Noworossijsk hatten die Beladung vorübergehend gestoppt. Die Ukraine äußerte sich zunächst nicht zu den russischen Vorwürfen.

Damit war der Krieg unmittelbar in Kasachstans wichtigster Einnahmequelle angekommen.

Mehr als 80 Prozent des Öls laufen durch Russland

Kasachstan ist einer der zehn größten Ölproduzenten der Welt, besitzt als größter Binnenstaat jedoch keinen eigenen Zugang zu den Weltmeeren.

Mehr als 80 Prozent seiner Ölexporte werden durch das System des Caspian Pipeline Consortium, kurz CPC, transportiert. Die mehr als 1.500 Kilometer lange Leitung verbindet die großen Ölfelder im Westen Kasachstans mit dem russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Dort wird das Rohöl auf Tanker verladen.

Diese Route wickelt rund zwei Prozent des weltweiten täglichen Rohölangebots ab. An den kasachischen Feldern und der Pipeline sind internationale Energiekonzerne wie Chevron und ExxonMobil beteiligt.

Solange die russische Schwarzmeerküste als sicherer Exportkorridor galt, war diese Abhängigkeit wirtschaftlich bequem. Mit der Ausweitung ukrainischer Angriffe tief in russisches Gebiet verwandelt sie sich zunehmend in ein strategisches Risiko.

Die Ölproduktion brach um mehr als die Hälfte ein

Als der CPC-Terminal aus Sicherheitsgründen kein weiteres Öl mehr annahm, füllten sich die kasachischen Speicher. Die Produzenten mussten ihre Förderung drosseln.

Am Tengiz-Feld, dem größten Ölfeld des Landes, sank die Produktion zeitweise von durchschnittlich rund 925.000 auf etwa 406.000 Barrel täglich. Landesweit ging die Öl- und Kondensatförderung zunächst von rund 2,07 Millionen auf 1,63 Millionen Barrel pro Tag zurück.

Am 26. Juli lag die Produktion laut Reuters sogar nur noch bei rund einer Million Barrel täglich und damit weniger als halb so hoch wie im Juni. Die Beladung der Tanker wurde inzwischen wieder aufgenommen. Der Vorfall zeigte jedoch, wie schnell Angriffe auf russische Infrastruktur die gesamte kasachische Energiewirtschaft treffen können.

Tokajews Friedensappell war deshalb nicht nur diplomatisch oder humanitär motiviert.

Der Krieg wird für sein Land immer teurer.

Kasachstan wahrt seit 2022 Abstand

Astana versucht seit Beginn des russischen Großangriffs, ein schwieriges Gleichgewicht zu halten.

Kasachstan ist wirtschaftlich, geografisch und sicherheitspolitisch eng mit Russland verbunden. Beide Staaten gehören unter anderem der Eurasischen Wirtschaftsunion und dem von Moskau geführten Militärbündnis OVKS an. Gleichzeitig hat Tokajew die von Russland beanspruchten Gebiete in der Ukraine nicht anerkannt und Moskaus Krieg nie ausdrücklich unterstützt.

Diese Position ist auch von eigener Sorge geprägt. Im Norden Kasachstans lebt eine große russischsprachige Bevölkerung. Russische Nationalisten haben wiederholt historische Ansprüche auf Teile des Landes angedeutet. Das Narrativ, mit dem der Kreml sein Vorgehen in der Ukraine rechtfertigt, könnte theoretisch auch gegen Kasachstan verwendet werden.

Tokajew kann Russland daher weder offen zum Gegner erklären noch dessen imperialer Politik vorbehaltlos folgen.

Seine Außenpolitik besteht aus vorsichtigem Abstand bei gleichzeitiger enger Zusammenarbeit.

Der Krieg zerstört diese Balance

Je länger die Kämpfe dauern und je weiter sie geografisch ausgreifen, desto schwieriger wird dieser Kurs.

Westliche Sanktionen erschweren Handel und Zahlungsverkehr. Neue Kontrollen sollen verhindern, dass Kasachstan als Umgehungsroute für sanktionierte Waren genutzt wird. Gleichzeitig bedrohen ukrainische Angriffe auf russische Häfen, Raffinerien und Transportsysteme auch Lieferketten, die nicht ausschließlich Russland dienen.

Kasachstan wird dadurch für einen Krieg wirtschaftlich haftbar gemacht, den es weder begonnen noch politisch unterstützt hat.

Der CPC-Terminal ist dafür das sichtbarste Beispiel: Über die russische Infrastruktur fließt überwiegend kasachisches Öl, produziert unter Beteiligung westlicher Konzerne. Militärisch liegt die Anlage jedoch in einem Gebiet, das für die Ukraine Teil der russischen Kriegslogistik sein kann.

Die Trennung zwischen russischen und kasachischen Interessen wird auf dem Schlachtfeld zunehmend unmöglich.

Putin weist den Vorschlag zurück

Putin reagierte auf Tokajews öffentliche Intervention zunächst nur mit der Ankündigung, ihm die Lage an der »ukrainischen Front« ausführlich erklären zu wollen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow stellte anschließend klar, ein Einfrieren des Krieges sei angesichts der Position Kyjiws nicht möglich. Russland könne die Kampfhandlungen beenden, sobald die Ukraine die aus Moskauer Sicht notwendigen Entscheidungen treffe.

Damit blieb der Kreml bei seiner bekannten Linie: Die Ukraine müsse sich aus vier von Russland beanspruchten Regionen zurückziehen und auf einen NATO-Beitritt verzichten. Kyjiw lehnt diese Forderungen ab, weil sie auf eine Anerkennung russischer Eroberungen hinauslaufen würden.

Tokajews Appell erzielte daher keinen unmittelbaren politischen Durchbruch.

Seine Bedeutung liegt an anderer Stelle.

Ein Verbündeter benennt die Kosten

Russland präsentiert den Krieg gern als Auseinandersetzung mit dem gesamten Westen und verweist auf seine Partnerschaften in Asien, Afrika und dem postsowjetischen Raum.

Tokajews Auftritt zeigt jedoch, dass auch enge Partner zunehmend unter den Folgen leiden.

Kasachstan benötigt ein stabiles Russland als Handelsweg und Nachbarn. Es benötigt aber kein Russland, dessen Häfen, Pipelines und Verkehrsadern dauerhaft Teil eines immer größeren Kriegsgebiets werden.

Tokajew stellte Putin nicht moralisch zur Rede. Er drohte auch nicht mit einem Bruch.

Seine Botschaft war pragmatischer – und gerade deshalb womöglich unangenehmer:

Der Krieg stärkt Russland nicht. Er macht selbst seine Verbündeten verletzlich und zwingt sie, nach Alternativen zu suchen.

Kasachstan arbeitet längst an Ausweichrouten

Astana versucht bereits seit Jahren, seine Abhängigkeit von Russland zu verringern. Eine Alternative führt über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und von dort über Georgien und die Türkei weiter nach Europa.

Diese Route besitzt bislang jedoch nicht annähernd die Kapazität des CPC-Systems. Der Transport über Schiffe, mehrere Häfen und unterschiedliche Pipelines ist zudem aufwendiger und teurer.

Kurzfristig kann Kasachstan die russische Verbindung deshalb nicht ersetzen.

Jede weitere Störung erhöht jedoch den politischen und wirtschaftlichen Anreiz, zusätzliche Exportwege auszubauen. Langfristig könnte Putins Krieg damit genau jene Entwicklung beschleunigen, die Moskau eigentlich verhindern möchte: die Loslösung Zentralasiens von russischer Infrastruktur.

Was bleibt

Kassym-Schomart Tokajew ist weder Oppositioneller noch Friedensaktivist.

Er ist der Präsident eines rohstoffreichen Landes, dessen wichtigste wirtschaftliche Lebensader durch Russland führt – und das inzwischen erleben muss, wie diese Verbindung zum Kriegsrisiko wird.

Sein Appell an Putin war deshalb so bemerkenswert, weil er Moral und Eigeninteresse miteinander verband. Junge Menschen sterben in einem Krieg, dessen Sinn selbst ein enger Partner Russlands nicht erkennen kann. Gleichzeitig verliert Kasachstan Milliarden, sobald Angriffe den russischen Schwarzmeerterminal lahmlegen.

Tokajew sagte nicht, Putin werde die Kontrolle über die Krim oder das Asowsche Meer verlieren.

Er machte jedoch deutlich, dass der Kreml bereits die Kontrolle über die wirtschaftlichen Folgen seines Krieges verliert.

Und diese Folgen treffen längst nicht mehr nur Russland und die Ukraine.

Sie erreichen nun auch jene Staaten, auf deren Loyalität Moskau weiterhin angewiesen ist.

SK

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