Deutschland braucht ein neues Wirtschaftswunder. Der Begriff klingt nach Ludwig Erhard, Vollbeschäftigung und zweistelligen Wachstumsraten – und damit nach einer Epoche, die sich nicht wiederholen lässt. Auf dem Deutschland-Gipfel von Handelsblatt und WirtschaftsWoche ging es deshalb weniger um ein Wunder als um einen Bauplan. Unternehmer, Investoren, Ökonomen und Politik setzten dabei erstaunlich ähnliche Prioritäten: mehr Investitionen, mehr europäischer Binnenmarkt, wettbewerbsfähige Energiepreise, höhere Erwerbsbeteiligung und vor allem mehr Tempo. Der eigentliche Befund ist deshalb fast unbequemer: Deutschland weiß ziemlich genau, was zu tun wäre.
Die Stimmung ist schlechter als die Konjunktur
In diesen Tagen hellen sich die wirtschaftlichen Aussichten etwas auf.
Die Bundesregierung will ihre Wachstumsprognose für 2026 nach bisherigen Informationen deutlich anheben. Statt der noch im Frühjahr erwarteten 0,5 Prozent dürfte sie nun von rund 1,3 Prozent realem Wachstum ausgehen.
Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält inzwischen etwa ein Prozent für möglich. Nach mehreren Jahren der Stagnation wäre das ein spürbarer Fortschritt.
Doch ein Wirtschaftswunder ist es nicht.
Ein erheblicher Teil der Erholung kommt aus staatlichen Ausgaben für Infrastruktur, Verteidigung und Klimaschutz. Privater Konsum und Unternehmensinvestitionen ziehen deutlich langsamer an. Damit wächst Deutschland wieder – aber noch nicht aus eigener struktureller Stärke. Diese Unterscheidung prägte auch die Diskussion in Berlin.
Das Kapital wäre da
Dorothee Blessing von J.P. Morgan brachte eines der Probleme auf den Punkt: Es mangele nicht an Kapital, sondern an investierbaren Projekten und geeigneten Rahmenbedingungen.
Das passt zu einem scheinbaren Widerspruch der deutschen Wirtschaft.
Unternehmen verfügen über hohe Ersparnisse. Gleichzeitig blieben private Investitionen über Jahre schwach. Infrastruktur altert, Wohnungsbau stockt, Stromnetze müssen erweitert und Fabriken für neue Technologien aufgebaut werden.
Die OECD nennt geringe öffentliche und private Investitionen ausdrücklich als einen Grund für Deutschlands schwaches Produktivitätswachstum. Mehr staatliches Geld allein löst dieses Problem deshalb nicht.
Wenn Planungs- und Genehmigungsverfahren Investitionen verzögern, Fachkräfte fehlen oder Unternehmen nicht wissen, welche Regeln in fünf Jahren gelten, bleibt Kapital ungenutzt.
Das neue Sondervermögen kann Straßen, Schienen und Energienetze finanzieren. Ob daraus zusätzlich private Investitionen entstehen, hängt davon ab, wie schnell das Geld tatsächlich in Projekte übersetzt wird.
Deutschland arbeitet teuer – und wenig produktiver
Ein zweites Thema provoziert stärker: die Arbeitszeit.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing forderte, dass in Deutschland wieder mehr gearbeitet werden müsse. Henkel-Chef Carsten Knobel bezeichnete eine Orientierung in Richtung 40 Wochenstunden als vernünftig.
So einfach ist die Rechnung allerdings nicht.
Deutschland hat einen hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten. Deshalb fällt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigem im internationalen Vergleich niedrig aus. Eine pauschale Verlängerung der Arbeitszeit beantwortet aber weder die Frage nach Kinderbetreuung noch die nach Pflege, Steuern auf Zweitverdiener oder Fachkräftemangel.
Ökonomisch entscheidender ist zudem nicht allein, wie viele Stunden gearbeitet werden, sondern was in diesen Stunden entsteht.
Und genau dort liegt die zweite Schwäche. Die Arbeitsproduktivität je geleisteter Stunde stieg 2025 in Deutschland lediglich um 0,4 Prozent. In den beiden Jahren zuvor war sie sogar gesunken.
Mehr Arbeitsstunden können das gesamte Arbeitsvolumen erhöhen. Ohne stärkere Produktivität lösen sie Deutschlands langfristiges Wachstumsproblem jedoch nicht.
Digitalisierung, Automatisierung, Kapitalausstattung und Qualifikation sind deshalb mindestens ebenso wichtig.
Der größte Markt liegt direkt vor der Haustür
Vielleicht die erstaunlichste Zahl des Gipfels betrifft nicht Deutschland allein, sondern Europa.
KKR-Europachef Philipp Freise verwies auf die wirtschaftlichen Barrieren innerhalb des europäischen Binnenmarkts. Unterschiedliche nationale Regeln, Standards und Genehmigungen wirken besonders im Dienstleistungsbereich wie enorme zusätzliche Handelskosten.
Die Größenordnung klingt zunächst grotesk: Studien des Internationalen Währungsfonds beziffern verbleibende Barrieren für Dienstleistungen auf ein Äquivalent von rund 110 Prozent Zoll.
Das bedeutet nicht, dass tatsächlich ein solcher Zoll erhoben wird. Die Zahl versucht vielmehr auszudrücken, wie stark unterschiedliche nationale Vorschriften grenzüberschreitende Geschäfte verteuern.
Auch die Europäische Zentralbank kommt zu dem Ergebnis, dass der Binnenmarkt weit von seiner vollständigen wirtschaftlichen Integration entfernt ist.
Bei Dienstleistungen ist das besonders relevant. Sie stehen für rund 70 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung und Beschäftigung.
Europa diskutiert deshalb häufig darüber, wie es im Wettbewerb mit den USA und China bestehen kann – während Unternehmen innerhalb der EU noch immer auf 27 nationale Regelwerke treffen.
Mehr Binnenmarkt wäre damit eine Wachstumspolitik, die weder neue Schulden noch Subventionen voraussetzt.
Souveränität ohne Abschottung
Gleichzeitig hat sich die Debatte über wirtschaftliche Unabhängigkeit verändert. Henkel-Chef Knobel brachte die Spannung auf eine kurze Formel: Europa brauche Souveränität, aber keine Abschottung.
Dahinter steckt eine Lehre der vergangenen Jahre.
Deutschland war abhängig von russischem Gas, Europa von asiatischen Halbleitern und Batterien, bei Cloud-Infrastruktur und künstlicher Intelligenz dominieren amerikanische Konzerne.
Die Antwort darauf kann jedoch kaum lauten, jede Technologie künftig ausschließlich selbst zu produzieren. Das wäre teuer und in vielen Bereichen unrealistisch.
Strategische Souveränität bedeutet deshalb zunehmend etwas anderes: In entscheidenden Technologien eigene Fähigkeiten besitzen, Lieferketten diversifizieren und trotzdem internationale Märkte nutzen.
Das gilt für Energie ebenso wie für Halbleiter, KI, Pharma und Verteidigung.
Der Staat soll strategischer werden
Hier trafen sich beim Gipfel sogar Positionen, die politisch normalerweise weit auseinanderliegen.
Bayer-Chef Bill Anderson kritisierte, Deutschland habe bei entscheidenden Industrien zu wenig strategisch gedacht. Die Ökonomin Isabella Weber forderte ebenfalls mehr strategische Kompetenz des Staates.
Die klassische wirtschaftspolitische Auseinandersetzung lautete lange: mehr Markt oder mehr Staat. Die gegenwärtige Debatte verläuft anders.
Es geht zunehmend darum, wo der Staat Prioritäten setzen soll – und wo er sich anschließend wieder zurückhalten muss. Bei Energieinfrastruktur, Netzen, Forschung oder strategischen Technologien kann er Investitionen ermöglichen, die einzelne Unternehmen kaum allein tragen können.
Gleichzeitig können Bürokratie, langsame Genehmigungen und immer neue Detailvorschriften genau jene Investitionen wieder ausbremsen.
Industriepolitik funktioniert deshalb nicht automatisch durch mehr Subventionen. Sie funktioniert nur, wenn staatliche Strategie und private Investitionen zusammenpassen.
Deutschland besitzt noch erhebliche industrielle Substanz
Auch deshalb war der Ton in Berlin weniger pessimistisch als viele aktuelle Wirtschaftsschlagzeilen.
Deutschland besitzt weiterhin Weltmarktführer im Maschinenbau, eine starke Chemie- und Pharmaindustrie, große Automobilkonzerne, hoch spezialisierte Mittelständler sowie wachsende Unternehmen in Robotik, Biotechnologie und künstlicher Intelligenz.
Gabriel Felbermayr, Mitglied des Sachverständigenrats, warnte deshalb davor, wirtschaftliche Substanz mit einem unveränderlichen Erbe zu verwechseln. Substanz müsse sich permanent transformieren. Darin liegt Deutschlands Problem.
Andere OECD-Staaten verändern Arbeitsmärkte, Wohnungsbau, Digitalisierung oder Unternehmensregeln teilweise schneller. Ein vorhandener industrieller Vorsprung schützt nur so lange, wie Unternehmen ihn in neue Technologien übersetzen können.
Die deutsche Autoindustrie liefert dafür gerade das sichtbarste Beispiel. Jahrzehntelange Ingenieurskompetenz garantiert noch keinen Vorsprung bei Batterie, Software oder autonomem Fahren.
Selbst der Binnenmarkt könnte Produktivität freisetzen
Wie groß das Potenzial struktureller Reformen ist, zeigen Berechnungen zum europäischen Binnenmarkt.
Der Internationale Währungsfonds kommt zu dem Ergebnis, dass eine Verringerung europäischer Binnenmarktbarrieren auf das Niveau zwischen US-Bundesstaaten die Produktivität erheblich steigern könnte.
Solche Modellrechnungen sind keine Wachstumsprognose. Sie zeigen aber, dass Europa nicht ausschließlich auf die nächste technologische Revolution warten muss.
Ein Teil des Wachstumspotenzials steckt bereits im bestehenden Wirtschaftssystem – in weniger Doppelregulierung, einheitlicheren Standards, besseren Kapitalmärkten und leichterem grenzüberschreitendem Geschäft. Damit wird ausgerechnet Bürokratieabbau zu einer Form von Investitionspolitik.
Mehr Arbeit allein reicht nicht
Dasselbe gilt für die viel diskutierte Arbeitszeit. Deutschland braucht angesichts der alternden Bevölkerung mehr verfügbares Arbeitsvolumen. Doch das kann auf unterschiedlichen Wegen entstehen.
Ältere Beschäftigte können länger im Beruf bleiben. Teilzeitkräfte könnten ihre Stunden erhöhen, wenn Betreuung und steuerliche Anreize stimmen. Zuwanderung kann zusätzliche Fachkräfte bringen. Digitalisierung kann Arbeit produktiver machen.
Eine gesellschaftliche Debatte über Arbeitszeit ist deshalb legitim. Die ökonomische Frage lautet jedoch nicht einfach: Wie bringen wir alle wieder auf 40 Stunden? Sondern: Wie bekommen wir aus einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung möglichst viel qualifizierte und produktive Arbeit?
Das ist ein wesentlich anspruchsvolleres Problem.
Politik und Unternehmen schieben sich die Verantwortung zu oft gegenseitig zu
Christian Sewing warnte davor, dass Unternehmen ausschließlich auf Berlin schauen und auf bessere Bedingungen warten. Auch die Wirtschaft müsse selbst investieren und Risiken eingehen.
Umgekehrt können Unternehmen mangelnde Investitionen nicht dauerhaft mit schlechten Rahmenbedingungen erklären, während der Staat jeden Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit allein der Wirtschaft zuschreibt.
Beides hängt zusammen. Unternehmen investieren dort, wo sie Rendite erwarten. Politik beeinflusst diese Erwartung durch Steuern, Energiepreise, Infrastruktur, Regulierung und Verlässlichkeit. Aber sie kann unternehmerische Entscheidungen nicht ersetzen.
Das Wirtschaftswunder wäre deshalb ziemlich unspektakulär
Deutschland benötigt keine einzelne spektakuläre Erfindung und keinen geheimen Wachstumsschalter. Die bekannten Probleme greifen ineinander.
Mehr öffentliche Investitionen helfen wenig, wenn sie an Genehmigungen scheitern. Mehr Arbeitsstunden helfen wenig, wenn die Produktivität stagniert. Mehr europäische Souveränität hilft wenig, wenn daraus Abschottung entsteht. Und Milliarden für Zukunftstechnologien helfen wenig, wenn junge Unternehmen anschließend in den USA skalieren, weil dort Kapital und Märkte leichter erreichbar sind.
Ein neues Wirtschaftswunder würde deshalb vermutlich erstaunlich unspektakulär beginnen.
Die Ideen dafür liegen längst auf dem Tisch. Die knappste Ressource scheint inzwischen eine andere zu sein:
Zeit.
Stefanie S. Klief