Ein riesiges Anti-US-Banner in Teheran mit dem Sologan: »Great Victory!« auf Englisch und Persisch
Die Märkte starten mit einer unangenehmen Kombination in die neue Woche. Nach einer erneuten militärischen Eskalation zwischen den USA und Iran ist der Brent-Preis am Montag wieder über 90 Dollar je Barrel gestiegen. Gleichzeitig hat Fed-Chef Kevin Warsh beim Zentralbanktreffen in Jackson Hole deutlich gemacht, dass weitere Zinserhöhungen möglich bleiben. Für Anleger hängen beide Entwicklungen enger zusammen, als es zunächst scheint: Je länger hohe Energiepreise die Inflation stützen, desto weniger Spielraum besitzt die US-Notenbank für eine Lockerung ihrer Geldpolitik.
Der geopolitische Aufschlag ist zurück
Die USA griffen am Wochenende nach eigenen Angaben zwei iranische Raketenstellungen auf der Insel Larak in der Straße von Hormus an. Iran reagierte mit Raketenangriffen auf amerikanische Militärstützpunkte in Jordanien. Es war der erste direkte US-Angriff auf iranischem Gebiet seit Ende Juli.
Der Ölmarkt reagierte unmittelbar. Brent verteuerte sich am Montag zeitweise um rund 2,7 Prozent auf mehr als 90 Dollar je Barrel, US-Rohöl legte ähnlich stark zu.
Entscheidend ist dabei weniger die unmittelbare Fördermenge Irans als die Lage an der Straße von Hormus. Vor Beginn des Konflikts wurden durch die Meerenge mehr als 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte täglich transportiert – rund ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs. Im zweiten Quartal 2026 waren die Mengen nach Berechnungen der US-Energiebehörde EIA infolge des Krieges zeitweise auf durchschnittlich nur noch 4,9 Millionen Barrel täglich eingebrochen.
Zuletzt hatten sich die Transportmengen wieder deutlich erholt. Damit verschwand auch ein Teil der geopolitischen Risikoprämie aus dem Ölpreis. Der neue Schlagabtausch erinnert die Märkte nun daran, wie fragil diese Normalisierung bleibt. Reuters zufolge wurden zuletzt wieder rund 15 bis 16 Millionen Barrel täglich durch die Region transportiert.
Warsh will sich von den Märkten nicht festlegen lassen
Parallel dazu hat Fed-Chef Kevin Warsh in Jackson Hole einen deutlich restriktiveren Ton angeschlagen.
Er vermied zwar eine konkrete Ankündigung für die nächste Sitzung am 16. September. Seine Botschaft war dennoch eindeutig: Solange die zugrunde liegende Inflation nicht klar und mit ausreichendem Tempo zum Zwei-Prozent-Ziel zurückkehrt, habe die Federal Reserve »noch Arbeit vor sich«.
Warsh bezeichnete die Inflation als weiterhin zu hoch und stellte infrage, ob die gegenwärtigen Finanzierungsbedingungen überhaupt restriktiv genug seien. Gleichzeitig wandte er sich erneut gegen eine Notenbankpolitik, die den Märkten frühzeitig genaue Zinspfade vorgibt. Entscheidungen sollen stärker von aktuellen Daten abhängen.
Die Anleger verstanden die Rede trotzdem als klares Signal.
Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September stieg am Montag auf rund 58 bis 60 Prozent. Barclays änderte nach Warshs Auftritt seine Prognose und erwartet nun sowohl im September als auch im Dezember jeweils einen Zinsschritt um 25 Basispunkte. Zuvor war die Bank davon ausgegangen, dass die Fed ihre Zinsen bis Jahresende unverändert lässt.
Öl macht Warshs Aufgabe schwieriger
Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die für die Märkte ungünstig zusammenwirken können.
Steigende Ölpreise verteuern zunächst Kraftstoffe, Transport und zahlreiche Produktionsprozesse. Bleiben sie länger hoch, können die zusätzlichen Kosten über Lieferketten in weitere Preise einfließen. Deutschland bekommt diese Entwicklung bereits zu spüren: Die Einfuhrpreise für Energie lagen im Juli 26,4 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Destatis führt den kräftigen Anstieg ausdrücklich auch auf die Folgen des Iran-Kriegs zurück.
Für die Fed bedeutet ein steigender Ölpreis allerdings nicht automatisch eine Zinserhöhung. Zentralbanken reagieren normalerweise nicht auf jeden kurzfristigen Energieschock. Kritisch wird es, wenn höhere Energiepreise dauerhaft auf andere Preise übergreifen oder die Inflationserwartungen verändern.
Und ausgerechnet auf diese Gefahr hat Warsh in Jackson Hole hingewiesen. Inflationserwartungen seien derzeit zwar gut verankert, müssten aber genau beobachtet werden.
Der neue Ölpreisschub kommt deshalb zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Aktien bekommen höhere Kosten und höhere Renditen gleichzeitig
An den Börsen war die Kombination am Montag bereits zu erkennen.
Der DAX verlor am Vormittag rund 0,7 Prozent, der europäische STOXX 600 gab leicht nach. Gleichzeitig erreichten die Renditen zweijähriger deutscher Bundesanleihen den höchsten Stand seit Juli 2024. Energieunternehmen gehörten wegen des steigenden Ölpreises dagegen zu den Gewinnern.
Besonders empfindlich reagieren häufig hoch bewertete Technologie- und Wachstumswerte auf steigende Renditen. Ihre erwarteten Gewinne liegen weit in der Zukunft und werden bei höheren Zinsen mit einem höheren Satz abgezinst. Zudem werden die riesigen Investitionen in Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur bei höheren Finanzierungskosten teurer.
Damit entsteht eine Konstellation, die die Märkte aus den vergangenen Jahren gut kennen: Ein Angebotsschock erhöht die Preise, während höhere Zinsen gleichzeitig das Wachstum bremsen können.
Das muss nicht zwangsläufig in eine neue Inflationswelle führen. Öl notiert trotz des aktuellen Sprungs noch deutlich unter seinem Juli-Hoch von zeitweise 105 Dollar, und eine schwächere globale Nachfrage kann weiteren Preisanstiegen entgegenwirken. Auch die EIA erwartet, dass die gedämpfte Ölnachfrage einen Teil der Folgen der Hormus-Störungen abfedern kann.
Diese Woche entscheidet sich, ob aus Nervosität ein neuer Trend wird
Für Anleger verlagert sich die Aufmerksamkeit deshalb nun auf die US-Konjunkturdaten.
Noch in dieser Woche kommen neue Arbeitsmarktzahlen, anschließend folgen die Inflationsdaten. Sie dürften maßgeblich darüber entscheiden, ob die derzeit eingepreiste September-Erhöhung tatsächlich näher rückt. Warsh hat sich bewusst nicht festgelegt.
Gleichzeitig bleibt der Ölmarkt vom Fortgang des Konflikts abhängig. Schon eine erneute Verschärfung der Schifffahrtsrisiken in Hormus könnte den Preisaufschlag vergrößern; eine Entspannung würde ihn ebenso schnell wieder reduzieren.
Die Börse muss damit gerade zwei Unsicherheiten gleichzeitig bewerten.
Was in Hormus passiert, entscheidet mit über den Ölpreis. Und der Ölpreis entscheidet mit darüber, wie schwierig Warshs Kampf gegen die Inflation wird.
Damit ist der Iran-Konflikt längst nicht mehr nur ein geopolitisches Risiko für die Märkte.
Er ist wieder zu einem Zinsrisiko geworden.
Stefanie S. Klief