Deutschland gilt als Autoland. VW, Mercedes-Benz und BMW stehen international wie kaum andere Unternehmen für den deutschen Wirtschaftsstandort. Eine neue Untersuchung zeichnet nun ein anderes Bild: Danach erzeugt die Digitalwirtschaft jährlich rund 481,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung – knapp zwölf Prozent der gesamten deutschen Wertschöpfung. Damit wäre ihr volkswirtschaftliches Gewicht deutlich größer als das des Automobilbaus. Doch hinter dieser Zahl steckt zugleich eine neue Definition dessen, was überhaupt als Digitalwirtschaft gilt.
229.000 Unternehmen und neun Millionen Arbeitsplätze
Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) hat gemeinsam mit dem Mannheimer Forschungsunternehmen ISTARI.AI rund 1,4 Millionen marktaktive Unternehmen in Deutschland analysiert.
Nach dieser Untersuchung gehören etwa 229.000 Unternehmen zur Digitalwirtschaft. Gemeinsam erwirtschaften sie rund 481,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung. Das entspricht 11,91 Prozent der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung des Jahres 2025. Rund neun Millionen Menschen arbeiten nach der Modellrechnung in diesen Unternehmen.
Auffällig ist dabei, wer hinter dieser Größe steckt: Rund 95 Prozent der erfassten Digitalunternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen. Digitalwirtschaft bedeutet nach dieser Definition also keineswegs nur SAP, große Plattformen oder internationale Tech-Konzerne.
Das passt zu einem zweiten Befund: Digitale Unternehmen finden sich über das gesamte Bundesgebiet. Besonders hohe Digitalisierungsgrade misst die Untersuchung zwar in Städten wie München, Hamburg, Darmstadt, Berlin und Frankfurt am Main. Doch auch außerhalb der großen Technologiezentren ist digitale Wertschöpfung längst Teil der regionalen Wirtschaft.
Warum bisher niemand diese 481 Milliarden gesehen hat
Der entscheidende Unterschied liegt in der Methode.
Traditionelle Wirtschaftsstatistiken ordnen Unternehmen nach festen Wirtschaftszweigen ein. Ein Softwareunternehmen landet in der Informations- und Kommunikationsbranche, ein Händler im Handel, eine Versicherung bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.
Digitalisierung hält sich allerdings nicht an solche Grenzen.
Der BVDW teilt die Wirtschaft deshalb in konzentrische Kreise ein. Zur digitalen Kernwirtschaft zählen Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen selbst weitgehend digital sind – beispielsweise Softwareanbieter, Plattformen, Marktplätze oder Digitalagenturen.
Die zweite Gruppe umfasst digital getriebene Geschäftsmodelle. Dazu gehören Unternehmen, deren Leistung zwar auch eine physische Komponente haben kann, deren Geschäft ohne digitale Technologien aber kaum in derselben Form funktionieren würde – beispielsweise reine Onlinehändler oder datengetriebene Dienstleister.
Diese beiden Gruppen zusammen ergeben die 229.000 Unternehmen und die 481 Milliarden Euro.
Damit wird bereits klar: Die Studie misst wesentlich breiter als die klassische Kategorie Information und Kommunikation.
Aus 481 Milliarden wird sogar mehr als eine Billion
Der BVDW geht noch einen Schritt weiter.
Eine dritte Kategorie umfasst traditionelle Branchen, deren Kerngeschäft nicht digital ist, die ihre Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle aber stark digitalisiert haben. Genannt werden etwa Banken, Versicherungen, Energieunternehmen, Industrieunternehmen oder klassische Händler mit umfangreichem Onlinegeschäft.
Wer auch diese Unternehmen einbezieht, kommt nach der Modellrechnung auf rund 1,01 Billionen Euro Wertschöpfung.
Das entspräche gut einem Viertel der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung. Mehr als 15 Millionen Beschäftigte wären dann mit digital geprägter Wertschöpfung verbunden.
Die Zahlen verdeutlichen vor allem eines: Digitalisierung ist inzwischen weniger eine eigene Branche als eine Technologie- und Geschäftslogik, die durch zahlreiche klassische Branchen hindurchläuft.
Der Vergleich mit der Autoindustrie klingt einfacher, als er ist
Damit braucht auch die Schlagzeile vom Überholen der Automobilindustrie eine Einschränkung.
Die Größenordnung ist durchaus bemerkenswert. Eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bezifferte den Anteil der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen an der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung für 2024 auf etwa 4,1 Prozent. Die nach BVDW-Definition abgegrenzte Digitalwirtschaft kommt auf 11,91 Prozent.
Trotzdem werden hier zwei unterschiedliche Dinge miteinander verglichen.
Der Automobilbau ist ein klassisch definierter Wirtschaftszweig. Die Digitalwirtschaft des BVDW zieht sich dagegen durch zahlreiche Wirtschaftszweige und umfasst vom Softwareanbieter bis zum Onlinehändler sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle.
Die Aussage »Digitalwirtschaft ist größer als Automobilindustrie« ist deshalb innerhalb der verwendeten Definition richtig. Daraus folgt aber nicht ohne Weiteres, dass eine neue einzelne Leitbranche die Automobilindustrie abgelöst hätte.
Das Digitale ist vielmehr quer durch die Wirtschaft gewachsen.
Die 481 Milliarden sind zudem keine direkt gemessenen Umsätze
Auch ein zweiter Punkt ist wichtig.
Die Studie summiert nicht die Geschäftsberichte von 229.000 Unternehmen und liest daraus deren tatsächliche individuelle Wertschöpfung ab.
ISTARI.AI analysiert zunächst öffentlich verfügbare Informationen: Unternehmenswebseiten, Registerdaten, Geschäftsberichte, Nachrichten und andere Quellen. KI-Modelle ordnen die Unternehmen anschließend anhand ihrer Geschäftstätigkeit einer Kategorie zu und vergeben einen Digitalisierungsgrad.
Danach wird der Beitrag zur Wirtschaftsleistung hochgerechnet.
Weil die tatsächliche Wertschöpfung nicht für jedes einzelne Unternehmen verfügbar ist, nutzt die Studie Beschäftigtenzahlen beziehungsweise Größenklassen als Näherung für das wirtschaftliche Gewicht. Ein Kleinstunternehmen erhält dabei beispielsweise ein Gewicht von drei Beschäftigten, ein Großunternehmen eines von 500. Diese Gewichte werden anschließend mit der amtlichen Bruttowertschöpfung der jeweiligen Wirtschaftsbereiche kombiniert.
Die 481,5 Milliarden Euro sind damit das Ergebnis eines Modells, keine neue amtliche Statistik.
Das macht die Untersuchung nicht wertlos. Es bedeutet aber, dass ihre Genauigkeit davon abhängt, wie gut die KI Unternehmen klassifiziert und wie realistisch die verwendeten Annahmen das tatsächliche wirtschaftliche Gewicht abbilden.
Hinzu kommt die Interessenlage: Der BVDW ist selbst die Interessenvertretung der Digitalwirtschaft. Die Studie liefert damit eine neue Datengrundlage, zugleich aber aus einem Umfeld, das ein nachvollziehbares Interesse daran hat, die wirtschaftliche Bedeutung digitaler Geschäftsmodelle sichtbar zu machen.
Die amtlichen Daten bestätigen zumindest die Richtung
Dass digitale Bereiche wirtschaftlich robuster sind als viele klassische Industriezweige, lässt sich allerdings auch unabhängig von der BVDW-Untersuchung beobachten.
Während die preisbereinigte Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes 2025 insgesamt um 1,3 Prozent sank, legte der Bereich Information und Kommunikation zu. Das Statistische Bundesamt verwies zugleich ausdrücklich auf Einbußen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau.
Auch für 2026 erwartet der Branchenverband Bitkom weiteres Wachstum bei Informationstechnik und Telekommunikation. Der Markt soll nach dessen Prognose um 4,1 Prozent auf rund 246 Milliarden Euro Umsatz zulegen. Besonders Software, Netze sowie Hardware für KI und Cloud treiben die Entwicklung.
Umsatz und Bruttowertschöpfung sind allerdings unterschiedliche Kennzahlen und dürfen nicht direkt miteinander verglichen werden. Beide Entwicklungen weisen aber darauf hin, dass digitale Technologien auch in einer insgesamt schwach wachsenden deutschen Wirtschaft weiter expandieren.
Deutschland ist digital stark – und hat trotzdem erhebliche Schwächen
Auch deshalb wäre die Schlussfolgerung zu einfach, Deutschland sei plötzlich zur digitalen Musternation geworden.
Der aktuelle Bericht der Europäischen Kommission zur Digitalen Dekade bescheinigt Deutschland zwar Stärken unter anderem bei Halbleitern und Quantentechnologien. Gleichzeitig sieht Brüssel erhebliche Defizite bei Glasfaserausbau, digitalen öffentlichen Diensten und der Nutzung fortgeschrittener Technologien wie künstlicher Intelligenz. Auch der Mangel an IT-Fachkräften bleibt nach Einschätzung der Kommission ein Wachstumshemmnis.
Das ergibt einen scheinbaren Widerspruch: Die digitale Wertschöpfung kann bereits enorm sein, während die digitale Infrastruktur und staatliche Digitalisierung trotzdem hinterherhinken.
Tatsächlich zeigt gerade das, wie breit das Thema inzwischen geworden ist.
Eine deutsche Versicherung, ein Onlinehändler oder ein Industriebetrieb kann wirtschaftlich hoch digitalisiert arbeiten, obwohl Bürger noch immer auf einen Behördentermin warten oder in manchen Regionen der Glasfaseranschluss fehlt.
Die interessantere Frage ist nicht Auto oder Digital
Der Wert der neuen Untersuchung liegt deshalb weniger in einem Wettbewerb zwischen Automobil und Digitalwirtschaft.
Autos selbst werden schließlich längst zu digitalisierten Produkten. Software bestimmt zunehmend Fahrzeugfunktionen, Produktionsprozesse sind datengetrieben, Lieferketten vernetzt und autonomes Fahren basiert auf gewaltigen Datenmengen.
Die Grenzen zwischen klassischer Industrie und Digitalwirtschaft werden dadurch immer unschärfer.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet die spektakulärste Zahl der Studie nicht ihre wichtigste.
481 Milliarden Euro zeigen, wie groß der digital geprägte Teil der Wirtschaft nach der neuen Abgrenzung bereits ist. Die strukturell interessantere Erkenntnis lautet jedoch: Digitalisierung lässt sich immer weniger als einzelner Wirtschaftszweig behandeln.
Wenn ein Viertel der deutschen Wertschöpfung zumindest in erheblichem Maß digital geprägt ist, wird Digitalpolitik tatsächlich zu Wirtschaftspolitik – unabhängig davon, ob der nächste Euro mit Software, einer Versicherung, einem Onlinehandel oder einem Auto verdient wird.
Stefanie S. Klief