Wirtschaft

Klingbeils Haushalt setzt auf Schulden, Sicherheit und Einschnitte

Der Bund plant höhere Ausgaben, mehr Verteidigung und Kürzungen beim Klimafonds

5 Min.

06.07.2026

Das Bundeskabinett hat den Haushaltsentwurf für 2027 beschlossen. Die Ausgaben steigen auf 555,4 Milliarden Euro, die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt auf 118,7 Milliarden Euro. Besonders brisant ist der Blick nach vorn: Bis 2030 könnten die Zinsausgaben des Bundes auf 80,7 Milliarden Euro steigen.

Der Bundeshaushalt 2027 steht für eine finanzpolitische Verschiebung, die Deutschland noch lange beschäftigen dürfte. Das Kabinett hat den Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil beschlossen. Geplant sind Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro. Die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt soll bei 118,7 Milliarden Euro liegen.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Rechnet man die zusätzlichen Schulden aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie für die Bundeswehr hinzu, kommt der Bund 2027 auf eine Gesamtneuverschuldung von gut 200 Milliarden Euro. Nach Berechnungen der Tagesschau sind es 203,7 Milliarden Euro: 118,7 Milliarden Euro im Kernhaushalt, 54,9 Milliarden Euro im Sondervermögen Infrastruktur und 30 Milliarden Euro im Sondervermögen Bundeswehr.

Damit bewegt sich der Haushalt auf einem außergewöhnlich hohen Schuldenniveau. Die Bundesregierung begründet das mit Sicherheitslage, Investitionsbedarf und schwächerem Wachstum. Kritiker sehen dagegen eine riskante Verschiebung von Lasten in die Zukunft.

Die Zinslast wird zur eigenen Haushaltsmacht

Besonders deutlich wird das Problem bei den Zinsen. Die Ausgaben für Zinsen sollen von 41,9 Milliarden Euro im Jahr 2027 auf 80,7 Milliarden Euro im Jahr 2030 steigen. Damit würde fast ein Betrag erreicht, der größer ist als viele Einzelhaushalte des Bundes.

Das ist politisch brisant, weil Zinsen kein Gestaltungsprojekt sind. Sie bauen keine Brücken, modernisieren keine Schulen, finanzieren keine Forschung und stärken keine Bundeswehr. Sie sind der Preis früherer und aktueller Kreditaufnahme. Je stärker dieser Posten wächst, desto weniger Spielraum bleibt später für politische Prioritäten.

Genau hier liegt der langfristige Konflikt des Haushalts. Die Bundesregierung will gleichzeitig investieren, aufrüsten, entlasten und konsolidieren. Doch wachsende Zinsausgaben machen jede künftige Haushaltsaufstellung schwerer.

Verteidigung wächst besonders stark

Ein Schwerpunkt des Haushalts ist die Verteidigung. Im Kernhaushalt sind für 2027 rund 109,7 Milliarden Euro im Verteidigungsetat vorgesehen. Das ist etwa ein Drittel mehr als im Budget 2026. Bis 2030 sollen die Verteidigungsausgaben weiter stark steigen.

Die Bundesregierung verweist auf die Bedrohung durch Russland, die neuen NATO-Fähigkeitsziele und die Notwendigkeit, die Bundeswehr strukturell besser auszustatten. Hinzu kommen rund 11,6 Milliarden Euro zur Unterstützung der Ukraine.

Finanzpolitisch ist das eine neue Realität. Sicherheit wird nicht mehr als Ausgabeposten unter vielen behandelt, sondern als Priorität, die andere Bereiche verdrängen kann. Für Verteidigungsminister Boris Pistorius bedeutet das mehr Spielraum. Für andere Ressorts bedeutet es mehr Druck.

Investitionen bleiben hoch, aber der Haushalt bleibt eng

Der Bund plant 2027 Investitionen von rund 117,5 Milliarden Euro. Geld aus den Sondervermögen soll unter anderem in marode Brücken, Straßen, Bahnnetz und weitere Infrastruktur fließen. Damit versucht die Bundesregierung, den Vorwurf zu entkräften, neue Schulden würden nur laufende Ausgaben finanzieren.

Doch die Lage bleibt angespannt. Klingbeil musste eine Haushaltslücke schließen, die zuvor auf 34 Milliarden Euro beziffert worden war. Dafür sollen unter anderem Rücklagen in Höhe von 6,8 Milliarden Euro genutzt werden. Zudem sind Einsparungen in den Ressorts vorgesehen.

Auch die Sozialkassen werden Teil der Konsolidierung. Bundeszuschüsse an Rentenversicherung und gesetzliche Krankenversicherung sollen zurückgefahren werden. Gleichzeitig braucht die Bundesagentur für Arbeit zusätzliche Liquiditätshilfen, weil der Arbeitsmarkt schwächer geworden ist.

Neue Einnahmen, weniger Klimafonds

Mehr Geld bringen sollen unter anderem eine Plastikabgabe sowie höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und Sekt. Außerdem ist eine stärkere Belastung sehr hoher Einkommen im Gespräch. Der Haushalt setzt damit nicht nur auf neue Schulden, sondern auch auf zusätzliche Einnahmen und Kürzungen.

Besonders umstritten ist der Klima- und Transformationsfonds. Die Bundesregierung plant Kürzungen bei Finanzhilfen aus dem KTF. Bereits zugesagte Förderungen sollen nicht angetastet werden. Künftig sollen aber Einnahmen aus dem Emissionshandel, die bislang in den KTF flossen, teilweise zur Konsolidierung des Kernhaushalts genutzt werden. Im Raum stehen 2,7 Milliarden Euro.

Aus dem KTF werden zentrale Programme finanziert, darunter die Bundesförderung für effiziente Gebäude. Kritiker warnen deshalb vor Einschnitten beim Klimaschutz. Die Bundesregierung argumentiert dagegen, alle Bereiche müssten zur Haushaltskonsolidierung beitragen.

Der Haushalt löst ein Problem und verschiebt andere

Klingbeil kann für sich reklamieren, die akute Lücke für 2027 geschlossen zu haben. Der Haushalt ist politisch handlungsfähig und soll verfassungsgemäß sein. Doch der Preis ist hoch: mehr Schulden, höhere Zinslasten, Rückgriff auf Rücklagen, Einschnitte im Klimafonds und neue Abgaben.

Der Entwurf zeigt damit nicht nur, wie Deutschland 2027 finanziert werden soll. Er zeigt auch, wie eng die Spielräume geworden sind. Sicherheit, Transformation, Sozialstaat und Schuldendienst konkurrieren immer härter miteinander.

Die wichtigste Zahl steht deshalb nicht nur im Jahr 2027. Sie steht im Jahr 2030: 80,7 Milliarden Euro Zinsen. Das ist der Betrag, an dem sichtbar wird, dass Schulden nicht abstrakt bleiben. Sie kommen wieder – jedes Jahr, im Haushalt, als feste Rechnung.

SK

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