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850 PS und Milliardenpläne: Saudi-Arabien baut seine eigene Automarke

Ceer soll mehr sein als ein Elektroauto – das Königreich will eine komplette Fahrzeugindustrie ansiedeln

7 Min.

23.09.2026

Präsentation der ersten Elektrofahrzeuge von CEER in der King Abdullah Economic City in Saudi-Arabien am 21.09.2026

Saudi-Arabien besitzt Öl, Kapital und einen der größten Automärkte am Golf. Was dem Land bislang weitgehend fehlte, war eine eigene Automobilindustrie. Das soll sich ändern. Mit dem Exobot präsentiert die neue Marke Ceer ihre ersten Fahrzeuge. Hinter der futuristischen Limousine und dem SUV steckt jedoch ein weit größeres Vorhaben: Das Königreich will nicht länger vor allem Autos importieren und internationale Hersteller finanzieren, sondern selbst entwickeln, produzieren und eine lokale Zulieferindustrie aufbauen.

Der Exobot ist vor allem ein industrielles Signal

5,26 Meter lang, drei Elektromotoren, 850 PS und bis zu 600 Kilometer Reichweite: Mit Zurückhaltung startet Saudi-Arabiens erste eigene Automarke nicht.

Ceer hat unter dem Namen Exobot eine elektrische Luxuslimousine und ein großes SUV vorgestellt. Beide sollen in der King Abdullah Economic City an der Westküste Saudi-Arabiens produziert werden. Die Fertigung soll im vierten Quartal 2026 anlaufen, die ersten Fahrzeuge sollen im Frühjahr 2027 ausgeliefert werden. Preise wurden bislang nicht genannt.

Die Limousine soll nach Herstellerangaben in 2,6 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen, das SUV in 2,9 Sekunden. Eine Batterie mit 112 Kilowattstunden Kapazität soll Reichweiten um 600 Kilometer ermöglichen. Hinzu kommen 800-Volt-Technik, bis zu 250 Kilowatt Ladeleistung, Hinterachslenkung und eine rein elektronische Steer-by-Wire-Lenkung.

Auffällig sind die fast drei Meter langen, am Dach angeschlagenen »Shahin-Wing«-Türen. Auch das Klima der Golfregion wurde bei der Entwicklung berücksichtigt: Ceer verspricht besonders leistungsfähige Klimatisierung und stark wärmereflektierende Verglasung.

Als Prestigeobjekt eignet sich das hervorragend.

Wirtschaftlich interessanter ist allerdings, wie dieses Auto überhaupt entstanden ist.

Saudi-arabisches Kapital, taiwanische Elektronik, deutsche Technik

Ceer wurde 2022 als Gemeinschaftsunternehmen des saudischen Staatsfonds Public Investment Fund, kurz PIF, und des taiwanischen Elektronikkonzerns Foxconn gegründet.

Foxconn entwickelt die elektrische Architektur der Fahrzeuge. Von BMW lizenziert Ceer Komponententechnologie, die bei der Fahrzeugentwicklung eingesetzt wird. Hinzu kommt inzwischen ein internationales Netzwerk aus Unternehmen wie Hyundai Transys, Rimac, Siemens, Lear, Benteler, Dürr und weiteren Zulieferern.

Das ist keine ungewöhnliche Strategie für einen Neueinsteiger.

Eine moderne Automarke besteht längst nicht nur aus einem Motor, einer Batterie und einer Karosserie. Elektronikarchitektur, Software, Antrieb, Sitze, Fahrwerk, Glas, Produktionsanlagen und Fertigungstechnik stammen auch bei etablierten Herstellern von zahlreichen Spezialisten.

Für Saudi-Arabien kommt jedoch ein zusätzlicher Faktor hinzu: Das industrielle Netzwerk muss vielerorts überhaupt erst entstehen.

Ceer beschäftigt inzwischen nach eigenen Angaben rund 2.300 Menschen. Bis 2034 sollen 45 Prozent der Wertschöpfung lokal erfolgen. Achtzig Prozent der direkten Arbeitsplätze sollen dann mit saudischen Beschäftigten besetzt sein.

Das Auto ist damit auch ein Instrument zum Wissenstransfer.

Nicht das erste Auto aus Saudi-Arabien – aber die erste eigene Marke

Eine wichtige Unterscheidung geht in der aktuellen Berichterstattung leicht verloren.

Ceer baut nicht das erste Auto, das jemals in Saudi-Arabien gefertigt wurde.

Der US-Elektroautohersteller Lucid eröffnete bereits 2023 in der King Abdullah Economic City ein Montagewerk. Anfangs wurden dort in den USA vorgefertigte Fahrzeugteile zusammengesetzt. Inzwischen wird die Anlage für eine vollständige Produktion erweitert. Lucid bezeichnet sie als erste Automobilfabrik des Königreichs.

Ceer ist etwas anderes: die erste saudische Automarke mit dem Anspruch, Fahrzeuge im Land zu entwickeln, zu konstruieren, zu produzieren, zu verkaufen und zu warten.

Der Unterschied ist wirtschaftlich erheblich.

Ein ausländisches Werk schafft Arbeitsplätze und industrielle Erfahrung. Eine eigene Marke kann darüber hinaus Entwicklung, Einkauf, Vertrieb, geistiges Eigentum und einen größeren Teil der Wertschöpfung im Land halten.

Zumindest ist das das Ziel.

Die Autoindustrie soll helfen, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren

Ceer ist Teil der saudischen »Vision 2030«, mit der das Königreich seine Wirtschaft breiter aufstellen will.

Die Ausgangslage ist paradox: Saudi-Arabien gehört zu den bedeutendsten Erdölproduzenten der Welt und finanziert seine wirtschaftliche Transformation zu einem erheblichen Teil mit Einnahmen aus genau diesem Rohstoff. Dieses Kapital wird nun unter anderem eingesetzt, um Industrien aufzubauen, die künftig zusätzliche Einnahmequellen schaffen sollen.

Die Automobilbranche eignet sich dafür besonders gut, weil sie weit über das eigentliche Fahrzeug hinaus Wertschöpfung erzeugt: Stahl und Aluminium, Chemie, Kunststoffe, Elektronik, Batterien, Logistik, Software, Maschinenbau und zahlreiche Dienstleistungen hängen an ihr.

Saudi-Arabiens Industrialisierungsstrategie sieht bis 2030 Produktionskapazitäten von rund 280.000 bis 300.000 Fahrzeugen jährlich sowie eine stärkere Lokalisierung der Wertschöpfungsketten vor.

Neben Ceer und Lucid entsteht zudem ein Werk von Hyundai. Der staatliche Investitionsfonds versucht damit nicht nur, einzelne Hersteller anzusiedeln, sondern einen Automotive-Cluster mit Zulieferern und Infrastruktur aufzubauen. Im Vision-2030-Bericht für 2025 werden Ceer, Lucid, Hyundai und Pirelli ausdrücklich als Bestandteile dieses entstehenden Automobilclusters genannt.

30.000 Arbeitsplätze und acht Milliarden Dollar Wirtschaftsleistung

Wie groß die Erwartungen sind, zeigen die Prognosen des Staatsfonds.

Bis 2034 soll Ceer nach Angaben des PIF direkt acht Milliarden Dollar zur saudischen Wirtschaftsleistung beitragen und die Handelsbilanz um rund 21 Milliarden Dollar verbessern. Rund 30.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze sollen entstehen.

Diese Zahlen sind Zielgrößen des Eigentümers und keine unabhängigen Prognosen. Ob sie erreicht werden, hängt davon ab, ob Ceer tatsächlich hohe Stückzahlen verkauft, Zulieferer im Land ansiedelt und einen relevanten Anteil der Wertschöpfung lokalisiert.

Gerade bei einer neuen Automarke ist das keineswegs selbstverständlich.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie kapitalintensiv der Aufbau eines Autoherstellers ist. Entwicklung, Produktionsanlagen, Vertrieb und Service verschlingen Milliarden, lange bevor ausreichende Stückzahlen erreicht werden.

Viele Elektroauto-Start-ups mussten ihre ursprünglichen Wachstumspläne deshalb deutlich reduzieren oder ganz aufgeben.

Ceer versucht, dieses Risiko durch die Kombination aus staatlicher Finanzierung, etablierten Technologiepartnern und zunächst regionalem Wachstum zu begrenzen.

Der zweite Schritt wird schwerer als der erste

Auch deshalb plant Ceer keine überstürzte globale Expansion.

Zunächst soll der Heimatmarkt bedient werden. Ab 2028 sind nach Angaben von Reuters weitere Märkte der Region vorgesehen. Erst anschließend soll die Expansion breiter werden. Firmenchef Jim DeLuca verweist ausdrücklich auf Fehler anderer Elektroauto-Start-ups, die zu früh große Stückzahlen und internationale Märkte anvisierten.

Bis 2030 plant Ceer sieben Modelle. Auf die beiden großen Exobot-Varianten sollen Mittelklasse- und Kompaktfahrzeuge folgen. Das Unternehmen beziehungsweise der PIF spricht inzwischen auch von unterschiedlichen Antriebsformen innerhalb des künftigen Portfolios; Reuters berichtet neben Elektrofahrzeugen auch über Plug-in-Hybride und Verbrenner.

Das ist bemerkenswert.

Ceer wurde 2022 ausdrücklich als Elektroautomarke gegründet. Vier Jahre später zeigt sich bereits, dass auch Saudi-Arabien seine industrielle Strategie an einen Automarkt anpasst, dessen Übergang zur Elektromobilität regional sehr unterschiedlich verläuft.

Eine Automarke lässt sich kaufen – eine Autoindustrie nicht

Kapital ist bei diesem Projekt vermutlich das geringste Problem.

Saudi-Arabiens Staatsfonds kann Fabriken finanzieren, internationale Manager anwerben, Technologie lizenzieren und Beteiligungen eingehen.

Schwieriger ist der Aufbau dessen, was über Jahrzehnte gewachsene Autostandorte ausmacht: erfahrene Ingenieure, spezialisierte Zulieferer, Entwicklungswissen, Qualitätskultur und Produktionsprozesse, die hunderttausende Fahrzeuge zuverlässig hervorbringen.

Dass Ceer dafür auf BMW, Foxconn, Siemens, Dürr, Rimac und andere internationale Partner zurückgreift, ist deshalb kein Widerspruch zum Ziel einer saudischen Autoindustrie.

Es zeigt vielmehr, wie eine solche Industrie heute entsteht.

Nicht durch nationale Autarkie, sondern durch das Zusammenziehen international vorhandenen Wissens – mit dem Ziel, davon immer mehr im eigenen Land zu verankern.

Der Exobot wird zeigen müssen, ob Käufer eine neue Marke aus Saudi-Arabien akzeptieren.

Für das Königreich steht allerdings mehr auf dem Spiel als der Erfolg eines einzelnen Modells: Aus einem Land, das jahrzehntelang Autos mit Öleinnahmen importierte, soll eines werden, das einen Teil davon selbst entwickelt und exportiert.

Stefanie S. Klief

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