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Um Big Tech zu treffen, sollen alle Großen zahlen

Brüssel sucht nach einer Steuer, die Trump nicht provoziert

8 Min.

08.10.2026

Brüssel sucht Geld. Washington droht mit Zöllen. Dazwischen stehen Apple, Meta und Google. Die EU-Kommission möchte große US-Techkonzerne stärker an der Finanzierung Europas beteiligen, schreckt aber vor einer klassischen Digitalsteuer zurück. Donald Trump hat Ländern mit solchen Abgaben Zölle von bis zu 100 Prozent angedroht. Nun nimmt die Kommission offenbar einen Umweg in den Blick: Statt ausschließlich Digitalunternehmen zu belasten, könnte eine bestehende geplante Abgabe für Großunternehmen ausgeweitet werden. Dann zahlen auch europäische Konzerne.

Die Steuer soll nicht wie eine Digitalsteuer aussehen

Nach Informationen der Financial Times, die sich auf sechs mit den Beratungen vertraute Personen beruft, prüft die EU-Kommission Änderungen an ihrer geplanten »Corporate Resource for Europe«, kurz CORE.

Die Idee ist nicht neu.

CORE gehört bereits seit Juli 2025 zu den vorgeschlagenen neuen Einnahmequellen für den nächsten EU-Haushalt von 2028 bis 2034. Unternehmen mit mindestens 100 Millionen Euro Jahresumsatz sollen danach eine jährliche Pauschale an den EU-Haushalt zahlen.

Der politische Reiz des Modells liegt nun jedoch in etwas anderem. CORE unterscheidet nicht zwischen einem französischen Industriekonzern, einem deutschen Handelsunternehmen und einem amerikanischen Technologieriesen.

Dadurch könnten Apple, Google oder Meta stärker belastet werden, ohne dass Brüssel eine Abgabe beschließt, die ausdrücklich auf US-Digitalkonzerne zielt.

Trump hat mit 100-Prozent-Zöllen gedroht

Warum diese Unterscheidung inzwischen so wichtig ist, liegt in Washington.

Donald Trump erklärte im Juni, Länder mit Digitalsteuern gegen amerikanische Unternehmen müssten mit Zöllen von bis zu 100 Prozent auf ihre Exporte in die USA rechnen. Die Drohung richtet sich insbesondere gegen Abgaben, die nach Auffassung der US-Regierung amerikanische Technologieunternehmen diskriminieren.

Frankreich erhebt bereits seit 2019 eine Digitalsteuer. Auch Italien, Spanien und andere europäische Staaten haben entsprechende Modelle eingeführt. Eine EU-weite Abgabe würde den Konflikt jedoch auf eine andere Größenordnung heben.

Der transatlantische Waren- und Dienstleistungshandel besitzt ein Volumen von rund zwei Billionen Dollar jährlich. Schon bestehende Zollkonflikte haben gezeigt, wie schnell Steuerfragen zu handelspolitischen Druckmitteln werden können.

Brüssel sucht deshalb nach einer Konstruktion, die Einnahmen schafft, ohne Washington einen offensichtlichen Angriffspunkt zu liefern.

Die Rechnung bekommen dann auch Europas Unternehmen

Eine Digitalsteuer ließe sich gezielt auf bestimmte digitale Geschäftsmodelle ausrichten: Onlinewerbung, digitale Vermittlungsplattformen oder die Monetarisierung von Nutzerdaten. Eine allgemeine Großkonzernabgabe trifft dagegen Unternehmen unabhängig davon, womit sie ihr Geld verdienen.

Wer Apple und Google erfassen will, nimmt damit zugleich europäische Industrie-, Handels-, Pharma- und Energiekonzerne in die Pflicht. Aus einer Auseinandersetzung über die Besteuerung amerikanischer Techgiganten wird so eine allgemeine Unternehmensabgabe.

Politisch könnte das den Konflikt mit den USA entschärfen. Innerhalb Europas macht es die Einigung aber nicht unbedingt leichter.

Bislang wären maximal 750.000 Euro fällig

Der bisherige CORE-Vorschlag ist dabei noch erstaunlich moderat.

  • Unternehmen mit mehr als 100 Millionen und weniger als 250 Millionen Euro Nettoumsatz sollen jährlich 100.000 Euro zahlen.
  • Ab 250 Millionen Euro steigt die Pauschale auf 250.000 Euro.
  • Zwischen 500 und 750 Millionen Euro Umsatz wären 500.000 Euro fällig.
  • Unternehmen mit mindestens 750 Millionen Euro Jahresumsatz zahlen maximal 750.000 Euro.

Für einen globalen Konzern ist das kaum mehr als ein Rundungsfehler.

Ein Unternehmen mit 750 Millionen Euro Umsatz würde damit 0,1 Prozent seines Umsatzes abführen. Bei einem Konzern mit 100 Milliarden Euro Umsatz entsprächen 750.000 Euro nur noch 0,00075 Prozent. Nun wird darüber diskutiert, ob die Konstruktion verändert werden muss.

Die größten Unternehmen könnten mehr zahlen

Nach den aktuellen Berichten erwägt die Kommission, kleinere beziehungsweise mittelgroße Unternehmen stärker zu schonen und dafür die größten Konzerne höher zu belasten. Das würde zwei politische Probleme gleichzeitig adressieren.

Zum einen gibt es in mehreren Mitgliedstaaten Widerstand dagegen, Firmen mit etwas mehr als 100 Millionen Euro Umsatz eine zusätzliche EU-Abgabe aufzuerlegen.

Zum anderen ist der bisherige Höchstbetrag von 750.000 Euro zu niedrig, wenn über CORE wirklich nennenswerte zusätzliche Einnahmen gerade von Apple, Alphabet oder Meta erzielt werden sollen.

Wie eine neue Staffelung aussehen könnte, ist noch offen. Auch eine konkrete höhere Belastung einzelner Unternehmen ist bislang nicht beschlossen.

Brüssel braucht das Geld für einen Zwei-Billionen-Haushalt

Die Debatte ist Teil eines wesentlich größeren Finanzproblems. Die EU-Kommission schlägt für die Jahre 2028 bis 2034 einen langfristigen Haushalt von nahezu zwei Billionen Euro vor. Damit sollen unter anderem Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit, Forschung, Infrastruktur, Klimapolitik und die Rückzahlung gemeinsamer Corona-Schulden finanziert werden.

Gleichzeitig wollen viele Mitgliedstaaten ihre nationalen Beiträge möglichst wenig erhöhen. Deshalb sucht Brüssel nach sogenannten Eigenmitteln – Einnahmen, die direkt oder mittelbar dem EU-Haushalt zufließen.

CORE ist eine von fünf neuen Finanzierungsquellen.

Nach dem bisherigen Modell soll die Unternehmensabgabe durchschnittlich rund 6,8 Milliarden Euro pro Jahr einbringen.

Zusammen mit Einnahmen aus Emissionshandel, CO₂-Grenzausgleich, Tabak und Elektroschrott sollen die neuen Instrumente knapp 60 Milliarden Euro jährlich mobilisieren.

Eine Digitalsteuer könnte ebenfalls Milliarden bringen

Die Alternative wäre durchaus lukrativ. Die Kommission hatte im Frühjahr berechnet, dass eine EU-weite Digitalsteuer von drei Prozent rund fünf Milliarden Euro pro Jahr in den gemeinsamen Haushalt bringen könnte.

Das Modell orientierte sich an bereits bestehenden Abgaben in Frankreich, Italien und Spanien. Erfasst würden unter anderem Einnahmen aus digitaler Werbung, Vermittlungsplattformen und der wirtschaftlichen Nutzung von Nutzerdaten.

Für die europäische Steuerpolitik besitzt dieses Konzept seit Jahren einen besonderen Reiz. Digitale Konzerne können erhebliche Umsätze in einem Land erzielen, ohne dort dieselbe physische Präsenz zu besitzen wie klassische Unternehmen mit Fabriken, Filialen und Beschäftigten.

Es wird seit Langem darüber gestritten, wo deren Gewinne eigentlich besteuert werden sollten. Eine globale Lösung ist bislang nicht umgesetzt worden.

Der internationale Steuerkompromiss steckt fest

2021 hatten sich mehr als 130 Staaten im Rahmen der OECD auf eine grundlegende Reform der internationalen Unternehmensbesteuerung verständigt. Ein Teil dieses Pakets sollte dafür sorgen, dass sehr große Konzerne einen größeren Teil ihrer Gewinne dort versteuern, wo ihre Kunden sitzen.

Dieser sogenannte Pillar One ist jedoch nicht wirksam geworden. Damit bleibt das ursprüngliche Problem bestehen.

Europäische Staaten wollen einen größeren Anteil an den Erträgen internationaler Digitalkonzerne besteuern. Die USA sehen nationale oder europäische Digitalsteuern dagegen als Benachteiligung ihrer Unternehmen. Mit der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus ist aus diesem Steuerstreit erneut ein Handelskonflikt geworden.

CORE hat einen anderen Haken

Auch die allgemeine Unternehmensabgabe ist wirtschaftlich keineswegs elegant. Sie richtet sich nach dem Umsatz, nicht nach dem Gewinn. Ein hochprofitabler Softwarekonzern und ein Handelsunternehmen mit sehr geringen Margen können deshalb bei gleichem Umsatz dieselbe Pauschale zahlen.

Selbst ein Unternehmen, das in einem Jahr Verlust macht, wäre grundsätzlich abgabepflichtig. Der Europäische Rechnungshof hat auf dieses Problem bereits hingewiesen.

Ein weiteres Kuriosum entsteht durch die festen Stufen. Ein Unternehmen knapp unter einer Umsatzgrenze zahlt erheblich weniger als eines knapp darüber. Gleichzeitig nimmt die relative Belastung immer weiter ab, je größer ein Unternehmen innerhalb der höchsten Kategorie wird.

Der bisherige CORE-Vorschlag ist damit einfach zu verwalten – aber ökonomisch ziemlich grob.

Und 27 Staaten müssen zustimmen

Ob aus den Überlegungen tatsächlich eine Abgabe wird, ist völlig offen. Bei den neuen EU-Eigenmitteln ist Einstimmigkeit im Rat erforderlich. Jeder der 27 Mitgliedstaaten kann die Regelung damit blockieren. Anschließend können je nach Ausgestaltung zusätzlich nationale Ratifizierungen notwendig werden.

Schon der ursprüngliche CORE-Vorschlag stößt in mehreren Hauptstädten auf Widerstand. Manche Regierungen lehnen zusätzliche Belastungen für Unternehmen grundsätzlich ab. Andere fürchten Nachteile für besonders umsatzstarke heimische Konzerne. Und ausgerechnet der Versuch, den Konflikt mit den USA zu vermeiden, könnte damit einen neuen Konflikt innerhalb Europas erzeugen.

Trump verändert Europas Steuerpolitik, ohne am Tisch zu sitzen

Die EU entscheidet nicht mehr allein nach der Frage, welches Steuermodell sie für wirtschaftlich sinnvoll hält. Sie kalkuliert gleichzeitig ein, wie Washington darauf reagieren könnte.

Eine gezielte Digitalsteuer wäre einfacher zu erklären: Sie soll die besonderen Geschäftsmodelle großer Plattformkonzerne erfassen. Politisch könnte sie jedoch einen neuen Zollkrieg auslösen.

Eine allgemeine Konzernabgabe wäre gegenüber amerikanischen Unternehmen formal weniger selektiv. Dafür müssten europäische Unternehmen mitbezahlen.

Noch ist das nur eine mögliche Lösung. Aber schon die Diskussion zeigt, wie stark Handelspolitik inzwischen in Steuerpolitik hineinreicht.

Brüssel sucht nach einer Möglichkeit, Apple, Google und Meta stärker zur Finanzierung Europas heranzuziehen – ohne Donald Trump zu provozieren.

Am Ende könnte genau deshalb die Rechnung bei sehr viel mehr Unternehmen landen.

Stefanie S. Klief

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