Finanzen

FIFA macht die WM zum Anlageobjekt

Ein 20-Milliarden-Dollar-Deal stellt die Machtfrage im Weltfußball

12 Min.

29.07.2026

US-Präsident Donald Traump mit Gianni Infantino am 19.07.2026 beim Endspiel der WM2026

Die Weltmeisterschaft ist längst ein Milliardengeschäft. Nun will die FIFA einen Teil dieses Geschäfts erstmals unmittelbar für private Kapitalgeber öffnen. Präsident Gianni Infantino spricht von einer Demokratisierung des Fußballs. Seine Kritiker sehen einen historischen Tabubruch – und fürchten, dass künftig nicht mehr nur sportliche, sondern auch finanzielle Renditeerwartungen den Turnierkalender bestimmen.

Eine neue Firma für das globale FIFA-Geschäft

Der Fußball-Weltverband FIFA plant die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft, in der große Teile seines kommerziellen Geschäfts gebündelt werden sollen.

Die FIFA Forward Enterprise, kurz FFE, soll künftig die Vermarktung und operative Durchführung der wichtigsten FIFA-Wettbewerbe übernehmen. Dazu gehören unter anderem die Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften, die Club-WM sowie Jugendturniere.

In die neue Gesellschaft sollen die Einnahmen aus Übertragungsrechten, Sponsoring, Ticketverkauf und Lizenzgeschäften einfließen. Gleichzeitig wäre FFE für wesentliche Teile der organisatorischen Durchführung der Turniere zuständig.

Die FIFA will die Gesellschaft nach eigenen Angaben weiterhin vollständig kontrollieren. Entscheidungen über Regeln, Wettbewerbsformate, den internationalen Spielkalender und andere sportpolitische Fragen sollen ausdrücklich beim Weltverband bleiben.

Neu ist jedoch, dass private Investoren wirtschaftlich an diesem Geschäft beteiligt werden sollen.

Bis zu 4,2 Milliarden Dollar frisches Kapital

Die FIFA bewertet ihre geplante Tochtergesellschaft zunächst mit rund 20 Milliarden Dollar. Externe Kapitalgeber sollen nicht kontrollierende Minderheitsanteile von insgesamt bis zu 20 Prozent erwerben können.

Damit könnte der Weltverband im Laufe des Jahres bis zu 4,2 Milliarden Dollar einnehmen. Die Investmentbank JPMorgan begleitet die Planungen. Als voraussichtlicher führender Investor gilt Thrive Eternal, ein Investmentvehikel des amerikanischen Technologieinvestors Joshua Kushner.

Kushner ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn und früheren Berater von US-Präsident Donald Trump. Die familiäre Verbindung sorgt für zusätzliche politische Brisanz, weil FIFA-Präsident Gianni Infantino seit Jahren auffallend enge Beziehungen zu Trump pflegt.

Die Gespräche befinden sich noch nicht am Ende. Der FIFA-Rat und eine Mehrheit der 211 nationalen Mitgliedsverbände müssen dem Modell zustimmen.

Es handelt sich daher bislang um einen Vorschlag – allerdings um einen, der die wirtschaftliche Struktur des Weltfußballs grundlegend verändern könnte.

Was Investoren eigentlich kaufen

Formal verkauft die FIFA weder die Weltmeisterschaft noch die Kontrolle über den Fußball.

Die Investoren würden Minderheitsanteile an einer Gesellschaft erwerben, die das kommerzielle Geschäft rund um die Turniere organisiert. Sie könnten demnach nicht über Abseitsregeln, Teilnehmerzahlen oder Spielpläne entscheiden.

Wirtschaftlich erhalten sie jedoch Zugang zu einigen der wertvollsten Rechte des internationalen Sports.

Die Fußball-WM generiert Einnahmen aus:

  • globalen Fernseh- und Streamingrechten,
  • Sponsoringverträgen,
  • Ticketverkäufen,
  • Hospitality-Angeboten,
  • Lizenzprodukten,
  • digitalen Inhalten,
  • Werbung und Datenverwertung.

Mit jedem zusätzlichen Spiel, jedem neuen Sponsor und jedem wachsenden Medienmarkt steigt potenziell der Wert der neuen Gesellschaft.

Genau deshalb ist die Behauptung, sportliche Entscheidungen und wirtschaftliche Interessen ließen sich dauerhaft vollständig voneinander trennen, umstritten.

Ein Investor muss nicht selbst über eine Turniererweiterung abstimmen, um von ihr zu profitieren.

Die UEFA sieht eine rote Linie überschritten

Die Europäische Fußball-Union reagierte ungewöhnlich scharf.

Die Führung und die Seele des Fußballs seien keine Handelsware, erklärte die UEFA. Niemand besitze den Fußball – und deshalb stehe er auch nicht der FIFA zum Verkauf. Besonders kritisch sieht der europäische Verband die bislang fehlende Transparenz darüber, welche Investoren beteiligt werden und wer langfristig finanziell von dem Modell profitiert.

In Berichten ist von UEFA-Insidern die Rede, die den Vorstoß mit einer »Atombombe« für den Fußball vergleichen.

Die Wortwahl ist dramatisch, trifft aber den Kern des Konflikts: Es geht nicht nur um die Höhe einer Investition. Es geht um die Frage, wem der wirtschaftliche Wert eines globalen Sportereignisses gehört.

Die FIFA betrachtet ihre Turnierrechte als Vermögenswerte, deren Potenzial sie stärker ausschöpfen kann.

Die UEFA argumentiert dagegen, diese Rechte seien dem Weltverband lediglich zur treuhänderischen Organisation übertragen worden. Die FIFA dürfe daraus nicht ohne umfassende Debatte ein Beteiligungsmodell für Finanzinvestoren machen.

Infantino verspricht zehn Milliarden Dollar für den Fußball

Die FIFA verteidigt das Vorhaben mit einem großen Entwicklungsversprechen.

Innerhalb der kommenden vier Jahre sollen insgesamt zehn Milliarden Dollar in den Fußball fließen. Unterstützt werden sollen unter anderem Infrastrukturprojekte, Trainerprogramme, Nationalmannschaften, Frauenfußball, Jugendwettbewerbe und der Breitensport.

Die regulären Mittel aus dem Programm FIFA Forward sollen pro nationalem Mitgliedsverband im Zyklus von 2027 bis 2030 von bisher acht Millionen auf bis zu 20 Millionen Dollar steigen.

Darüber hinaus stellt die FIFA jedem ihrer 211 Mitgliedsverbände die Möglichkeit in Aussicht, über das neue Finanzierungsmodell einmalig auf bis zu 20 Millionen Dollar Kapital zuzugreifen. Die Teilnahme soll freiwillig sein.

Infantino spricht deshalb von einer weltweiten Demokratisierung des Fußballs. Gerade kleinere und wirtschaftlich schwächere Verbände könnten mit erheblich mehr Geld ausgestattet werden.

Das ist nicht nur ein moralisches Argument.

Es ist auch politisch äußerst wirkungsvoll.

Die Mitgliedsverbände werden zu den Gewinnern

Über große Veränderungen bei der FIFA entscheiden nicht die UEFA oder die finanzstärksten Ligen allein. Jeder der 211 nationalen Verbände besitzt im FIFA-Kongress grundsätzlich eine Stimme.

Deutschland verfügt dort nicht über mehr formale Macht als ein kleiner Inselstaat.

Wenn die FIFA jedem Verband deutlich höhere Zahlungen oder einmalige Kapitalbeträge in Aussicht stellt, schafft sie eine breite Gruppe unmittelbarer wirtschaftlicher Gewinner.

Für kleinere Verbände können 20 Millionen Dollar den Bau eines Trainingszentrums, eines Stadions oder mehrerer Nachwuchsprogramme ermöglichen. Zugleich kann eine solche Summe den betreffenden Verband über Jahre stark von den Zahlungen aus Zürich abhängig machen.

Die FIFA nennt das Verteilungsgerechtigkeit.

Kritiker sehen darin ein System, mit dem Infantino Zustimmung für seine wirtschaftlichen und politischen Projekte organisiert.

Beides kann gleichzeitig zutreffen.

Privates Kapital verändert die Anreize

Finanzinvestoren stellen Milliarden nicht aus Begeisterung für den Amateurfußball zur Verfügung.

Sie erwarten, dass der Wert ihrer Beteiligung steigt und sie ihre Anteile später mit Gewinn verkaufen oder auf andere Weise eine Rendite erzielen können.

Wie diese Rendite konkret entstehen soll, ist bislang nicht vollständig erläutert. Die FIFA betont, sämtliche Nettovorteile der neuen Gesellschaft sollten wieder in den Fußball investiert werden. Gleichzeitig muss das Modell für private Kapitalgeber wirtschaftlich attraktiv genug sein, damit diese überhaupt mehrere Milliarden Dollar einsetzen.

Diese Spannung ist noch nicht aufgelöst.

Denkbar wäre, dass Investoren vor allem auf eine Wertsteigerung ihrer Anteile setzen. Steigen Medien-, Ticket- und Sponsorenerlöse, könnte die FFE bei einem späteren Verkauf deutlich höher bewertet werden.

Damit entsteht jedoch ein dauerhafter Wachstumsdruck.

Ein Unternehmen, das mit 20 Milliarden Dollar bewertet wird, muss Investoren zeigen, dass seine Einnahmen weiter steigen können.

Im Fußball bedeutet Wachstum häufig:

mehr Spiele, größere Turniere, höhere Ticketpreise, zusätzliche Sponsorflächen und neue Medienangebote.

Drohen noch größere Weltmeisterschaften?

Die FIFA betont ausdrücklich, dass private Investoren keinen Einfluss auf den Spielkalender oder die Turnierformate erhalten sollen.

Die Sorge vor einer weiteren Ausweitung der Wettbewerbe ist trotzdem nicht aus der Luft gegriffen.

Die Männer-WM 2026 wurde erstmals mit 48 Mannschaften und 104 Spielen ausgetragen. Auch die Club-WM wurde auf 32 Teams vergrößert. Beide Entscheidungen schufen zusätzliche Begegnungen und damit neue Möglichkeiten für Übertragungs-, Ticket- und Sponsoreneinnahmen.

Nach Berichten könnte die hohe Bewertung der neuen Gesellschaft den wirtschaftlichen Druck erhöhen, Weltmeisterschaften künftig noch größer oder möglicherweise häufiger auszutragen.

Das wäre keine direkte Anweisung der Investoren.

Es wäre ein struktureller Anreiz.

Wenn der Wert eines Unternehmens von der Anzahl und Reichweite seiner Veranstaltungen abhängt, werden Entscheidungen über Turnierformate zwangsläufig auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet.

Schon heute klagen Spieler und Vereine über einen überfüllten Kalender. Eine zusätzliche Kommerzialisierungsrunde könnte den Konflikt weiter verschärfen.

Die FIFA verkauft die Zukunft ihrer Einnahmen

Ökonomisch ähnelt das Modell einer teilweisen Vorabverwertung künftiger Erlöse.

Die FIFA erhält sofort mehrere Milliarden Dollar. Dafür gibt sie privaten Investoren einen Anteil an dem Unternehmen, in dem ihre zukünftigen kommerziellen Einnahmen gebündelt werden.

Das verschafft dem Weltverband kurzfristig viel Kapital.

Langfristig gehört ein Teil des Wertzuwachses jedoch nicht mehr allein der FIFA und ihren Mitgliedsverbänden, sondern auch den privaten Anteilseignern.

Genau deshalb ist die Bewertung von 20 Milliarden Dollar entscheidend.

Ist sie hoch angesetzt, erhält die FIFA viel Kapital für einen vergleichsweise kleinen Anteil. Entwickeln sich die Einnahmen jedoch deutlich stärker als erwartet, könnten die Investoren langfristig den besseren Teil des Geschäfts machen.

Für sie ist die WM ein außergewöhnlicher Vermögenswert: eine weltweit etablierte Marke, hohe Eintrittsbarrieren, eine regelmäßig wiederkehrende Veranstaltung und Milliarden Menschen als potenzielles Publikum.

Konkurrenz durch eine zweite Weltmeisterschaft gibt es praktisch nicht.

Eine Bewertung mit politischen Risiken

So attraktiv das Geschäft wirkt, so ungewöhnlich sind seine Risiken.

Die Einnahmen der FIFA entstehen nicht gleichmäßig. Sie konzentrieren sich stark auf die Jahre, in denen eine Männer-Weltmeisterschaft stattfindet. Turnierausfälle, Boykotte, politische Konflikte oder schwächere Medienmärkte könnten die Erlöse erheblich beeinflussen.

Hinzu kommt, dass Minderheitsinvestoren offenbar nur begrenzte Mitspracherechte erhalten sollen. Die FIFA will die alleinige Kontrolle über Sport, Regulierung und Kalender behalten.

Investoren würden damit Milliarden in ein Unternehmen stecken, dessen wichtigste Entscheidungen weiterhin von einem internationalen Verband und seinen 211 Mitgliedern abhängen.

Reuters Breakingviews verweist deshalb auf unregelmäßige Einnahmen, schwache Minderheitenrechte und erhebliche politische Kontroversen als zentrale Unsicherheiten des Modells.

Ein gewöhnliches Private-Equity-Geschäft ist das nicht.

Der Wert der Beteiligung hängt nicht allein von Umsatz und Gewinn ab, sondern auch von sportpolitischen Entscheidungen, öffentlicher Akzeptanz und dem Verhalten eines Verbands, der regelmäßig in Kontroversen gerät.

Ein alter Plan in neuer Verpackung

Infantino verfolgt die Idee, private Investoren an FIFA-Wettbewerben zu beteiligen, nicht zum ersten Mal.

Bereits 2018 plante er einen milliardenschweren Deal rund um eine ausgeweitete Club-WM und eine neue globale Nations League. Damals war von einem Volumen von bis zu 25 Milliarden Dollar die Rede.

Das Vorhaben scheiterte unter anderem am Widerstand innerhalb des Weltverbands und an Fragen zur Identität und zum Einfluss der vorgesehenen Geldgeber.

Die neue Konstruktion ist umfassender und politisch geschickter.

Sie verbindet die Beteiligung privater Investoren mit dem Versprechen, sämtliche Mitgliedsverbände finanziell profitieren zu lassen. Gleichzeitig soll die FIFA formal die volle sportliche Kontrolle behalten.

Damit begegnet Infantino zwei der damaligen Hauptkritikpunkte:

Er nennt mögliche Investoren und stellt den nationalen Verbänden erhebliche eigene Vorteile in Aussicht.

Die Grundfrage bleibt jedoch dieselbe.

Wie viel Einfluss darf privates Kapital auf Wettbewerbe erhalten, die als gemeinsames Gut des Weltfußballs verstanden werden?

Auch Infantinos Zukunft gerät in den Blick

Der geplante Deal wirft zudem Fragen zu Infantinos persönlicher Rolle auf.

Seine Amtszeit als FIFA-Präsident dürfte nach gegenwärtiger Auslegung der Statuten spätestens 2031 enden. Medienberichten zufolge könnte der heute 56-Jährige anschließend eine führende Funktion bei der neuen Gesellschaft übernehmen – etwa als Geschäftsführer oder Commissioner.

Die FIFA erklärt, über eine solche spätere Rolle sei bislang nicht gesprochen worden.

Gleichzeitig argumentiert sie, die Führung des Weltverbands müsse auch in der neuen Gesellschaft eine zentrale Stellung behalten, damit die Kontrolle im Einklang mit den FIFA-Statuten gesichert sei.

Damit entsteht zumindest der Eindruck einer Konstruktion, die Infantinos Einfluss über seine Präsidentschaft hinaus verlängern könnte.

Gerade deshalb verlangen Kritiker vollständige Transparenz über Führung, Beteiligungen, Vergütung und spätere Ausstiegsmöglichkeiten der Investoren.

Es geht um mehr als Kommerzialisierung

Der Fußball ist längst kommerzialisiert.

Übertragungsrechte werden für Milliardenbeträge verkauft. Vereine gehören Investmentfonds, Staatsfonds und Milliardären. Stadien tragen Sponsorennamen, und Ticketpreise folgen zunehmend der Zahlungsbereitschaft des Marktes.

Der FIFA-Plan unterscheidet sich dennoch von einem weiteren Sponsoringvertrag.

Erstmals sollen private Investoren unmittelbar am zentral gebündelten Geschäftsmodell des Weltverbands beteiligt werden. Sie erhalten damit einen wirtschaftlichen Anteil an den Einnahmen aus den wichtigsten Nationalmannschaftsturnieren der Welt.

Das verändert die institutionelle Grenze zwischen Sportorganisation und Kapitalmarkt.

Bislang verkauft die FIFA Rechte an Fernsehsender, Sponsoren und Vermarkter.

Künftig könnte sie einen Teil der Gesellschaft verkaufen, die all diese Rechte dauerhaft verwaltet.

SK

SK

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben