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365 Meter hoch: Dieses Windrad könnte die Regeln an Land verändern

Der Weltrekord von Schipkau soll zeigen, ob Höhenwind schwächere Standorte wirtschaftlich attraktiver machen kann

7 Min.

14.09.2026

Montage des GICON-Höhenwindturm. Stand: 30.06.2026

Noch ist das ungewöhnlichste Windrad Deutschlands nur 167 Meter hoch. In wenigen Tagen beginnt auf einer ehemaligen Braunkohlefläche in Brandenburg jedoch der technisch heikelste Teil des Projekts. Turbine und Rotoren werden montiert, anschließend soll ein innerer Turm hydraulisch auf 300 Meter Nabenhöhe ausgefahren werden. Mit aufgerichtetem Rotor erreicht die Anlage schließlich rund 365 Meter. Der Weltrekord ist spektakulär. Energiewirtschaftlich viel interessanter ist allerdings, was dort oben geschieht.

Der entscheidende Unterschied beginnt über den heutigen Windrädern

Der Standort liegt bei Schipkau im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, zwischen bestehenden Windparks auf der Hochfläche Klettwitz. Dort errichtet das Dresdner Ingenieurunternehmen GICON im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND beziehungsweise ihrer Tochter Beventum eine Pilotanlage, die nach Fertigstellung zur höchsten Windenergieanlage der Welt werden soll. Der Außenturm hat seit Juli seine endgültige Höhe von rund 167 Metern erreicht.

Am 20. September soll nach derzeitiger Planung ein weiterer entscheidender Bauabschnitt beginnen. Ein Raupenkran hebt Maschinenhaus, Nabe und Rotorblätter zunächst auf etwa 165 Meter. Anschließend kommt eine Technik zum Einsatz, die eher aus Schwerlastlogistik und Brückenbau bekannt ist: Hydraulische Litzenheber ziehen den Innenturm mitsamt Windenergieanlage innerhalb des äußeren Stahlfachwerks nach oben. Die Nabe soll am Ende 300 Meter über dem Boden liegen. Zusammen mit dem senkrecht stehenden Rotorblatt ergeben sich rund 365 Meter Gesamthöhe.

Die Konstruktion löst damit ein sehr praktisches Problem. Selbst extrem leistungsfähige Mobil- und Raupenkräne können eine komplette Windturbine nicht ohne Weiteres in 300 Metern Höhe montieren. Beim GICON-Konzept geschieht die eigentliche Montage deshalb wesentlich weiter unten; erst danach wird der innere Turm ausgefahren.

In 300 Metern weht ein anderer Wind

Der technische Aufwand ergibt nur Sinn, wenn die zusätzliche Höhe entsprechend mehr Strom liefert.

Dafür existieren inzwischen reale Messdaten. Zwischen April 2023 und April 2024 erfasste ein 300 Meter hoher Messmast am Standort Klettwitz die Windbedingungen in unterschiedlichen Höhen. Zusätzlich wurden Lidar-Systeme eingesetzt.

Das Ergebnis fällt deutlich aus. Die mittlere Windgeschwindigkeit lag nach den Messmastdaten in 150 Metern Höhe bei 6,66 Metern pro Sekunde. In 200 Metern waren es 7,38 Meter, in 300 Metern 8,51 Meter pro Sekunde.

Der Unterschied wirkt auf den ersten Blick überschaubar. Für Windenergie ist er es nicht. Der Energiegehalt des Windes wächst stark mit seiner Geschwindigkeit. Schon ein vergleichsweise kleiner Zuwachs kann deshalb erheblich mehr Stromertrag ermöglichen.

Die Forscher berechneten für eine exemplarische Windenergieanlage vom Typ Vestas V164 mit 9,5 Megawatt Leistung, welche Brutto-Jahresproduktion sich aus den gemessenen Windverhältnissen ergäbe. Bei 150 Metern Nabenhöhe kamen sie auf 22,4 Gigawattstunden, bei 200 Metern auf 28,5 und bei 300 Metern auf 36,6 Gigawattstunden.

Von 150 auf 300 Meter entspricht das einem Zuwachs von 63,4 Prozent. Der rechnerische Kapazitätsfaktor steigt von 26,8 auf 43,8 Prozent.

Diese Zahlen sind für die Einordnung wichtig. GICON spricht für eine spätere Serienanwendung davon, bei gleichem Rotordurchmesser einen etwa doppelt so hohen Stromertrag wie mit herkömmlichen Anlagen erreichen zu können. Der veröffentlichte Messbericht bestätigt eindeutig ein großes Höhenpotenzial, aber nicht pauschal eine Verdoppelung gegenüber jeder konventionellen Windkraftanlage. Er untersucht einen konkreten Standort und ein exemplarisches Turbinenmodell.

 

Auch schwacher Wind wird seltener

Noch interessanter als der höhere Spitzen- oder Jahresertrag könnte eine zweite Eigenschaft sein: In größerer Höhe wird der Wind gleichmäßiger.

Nach den Messungen verbrachte die exemplarisch modellierte Anlage in 150 Metern rund 1.075 Stunden des Jahres im Stillstand. Bei 300 Metern reduzierte sich dieser Wert auf rund 850 Stunden. Gleichzeitig stieg die Zeit, in der die Anlage mehr als 30 Prozent ihrer Nennleistung erzeugen würde, von etwa 2.870 auf rund 4.473 Stunden.

Das löst die Schwankungen erneuerbarer Energien nicht auf. Auch ein 300 Meter hohes Windrad produziert keinen Strom, wenn in allen Luftschichten Flaute herrscht.

Für das Stromsystem kann eine regelmäßigere Produktion dennoch wertvoll sein. Anlagen mit höheren Volllaststunden benötigen bei gleicher Jahresproduktion weniger installierte Leistung und liefern ihren Strom gleichmäßiger über das Jahr verteilt.

Daher untersucht das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik im Forschungsprojekt HIGH-TOWER inzwischen, welchen Beitrag Windkraftanlagen mit Nabenhöhen bis 300 Meter zum deutschen Energiesystem leisten könnten. Analysiert werden neben geeigneten Flächen auch Umweltwirkungen, rechtliche Bedingungen und die Frage, ob Höhenwind während sogenannter Dunkelflauten zusätzliche Energie liefern kann.

Windparks könnten eine zweite Ebene bekommen

Daraus ergibt sich eine Idee, die wirtschaftlich weit über eine einzelne Rekordanlage hinausgeht. Neue Windkraftflächen sind knapp und Genehmigungen häufig konfliktträchtig. Höhenwindanlagen könnten deshalb nicht nur auf neuen Standorten entstehen, sondern bestehende Windparks ergänzen.

SPRIND spricht von einer Art zusätzlicher Ebene: Herkömmliche Windräder nutzen den Wind in den heute üblichen Höhen, während einzelne Höhenwindanlagen darüber auf Luftströmungen in rund 300 Metern zugreifen. Fraunhofer untersucht ausdrücklich diese Nutzung oberhalb vorhandener Windparks.

Damit könnte ausgerechnet die Höhe helfen, eines der größten Probleme beim Ausbau erneuerbarer Energien zu entschärfen: den Flächenbedarf.

Ob dieses Konzept tatsächlich funktioniert, hängt allerdings nicht nur vom Wind ab. Die Abstände zwischen Anlagen, Turbulenzen, Netzanbindungen, Genehmigungsrecht, Luftverkehr, Natur- und Artenschutz sowie die deutlich größere Konstruktion müssen für jeden Standort berücksichtigt werden.

Auch wirtschaftlich steht der Beweis noch aus.

25 Millionen Euro für einen Prototyp

Die Pilotanlage in Schipkau kostet nach Angaben von Beventum rund 25 Millionen Euro. Verbaut werden mehr als 2.000 Tonnen Stahl und rund 22.000 Einzelteile. Der Turmfuß misst etwa 48 Meter Seitenlänge. Die eigentliche Windturbine ist dagegen vergleichsweise konventionell: Vorgesehen ist eine VENSYS-Anlage mit 3,8 Megawatt Leistung und rund 126 Metern Rotordurchmesser.

GICON prognostiziert für sie mindestens rund 18 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, rechnerisch genug für etwa 6.000 Haushalte. Ob diese Größenordnung im realen Dauerbetrieb erreicht wird und welche Wartungs- und Betriebskosten in 300 Metern Höhe entstehen, kann der Prototyp naturgemäß erst nach seiner Inbetriebnahme zeigen.

Und so fällt auch das Urteil der Windbranche bislang vorsichtig aus. Der Bundesverband Windenergie betrachtet das Projekt nach Angaben der ARD zunächst vor allem als Forschungs- und Entwicklungsvorhaben. Für den regulären Ausbau der kommenden Jahre spiele diese Größenklasse bislang keine wesentliche Rolle.

Die Skepsis ist nicht unbegründet. Eine Anlage, die erheblich mehr Stahl, aufwendigere Fundamente und neuartige Montageverfahren benötigt, muss ihren zusätzlichen Ertrag über viele Betriebsjahre wirtschaftlich rechtfertigen.

Auch der Bau selbst verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Ende 2025 wurden Abweichungen an gelieferten Stahlelementen eines Subunternehmens festgestellt. GICON stoppte beziehungsweise verzögerte Arbeiten, prüfte die Komponenten und ließ betroffene Teile ersetzen. Im März 2026 wurden die Hochbauarbeiten wieder aufgenommen.

Der Rekord ist eigentlich nur der Versuch

Damit wird Schipkau erst nach Fertigstellung zeigen können, ob aus der beeindruckenden Physik auch ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht. Dass stärkerer Wind in größerer Höhe vorhanden ist, haben die Messungen inzwischen belegt. Dass dadurch erheblich höhere Energieerträge möglich sind, ebenfalls.

Offen sind die Fragen, die für eine neue Technologie letztlich entscheidend werden: Wie teuer lässt sich eine Serienanlage bauen? Wie hoch sind Wartungs- und Reparaturkosten? Welche Standorte lassen sich tatsächlich genehmigen? Und wie lange muss ein solcher Turm arbeiten, damit der höhere Material- und Kapitalaufwand durch zusätzliche Stromproduktion ausgeglichen wird?

Sollte diese Rechnung aufgehen, wäre die wichtigste Zahl von Schipkau deshalb nicht 365 Meter.

Es wäre die zusätzliche Energiemenge, die sich aus einer Fläche gewinnen lässt, die bereits heute für Windkraft genutzt wird.

Stefanie S. Klief

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