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Die Bahn verdient wieder – Bilgers Bewährungsprobe beginnt trotzdem 

Der neue Verkehrsminister übernimmt einen Konzern mit Fahrgastrekord, aber weiterhin marodem Netz

7 Min.

30.07.2026

Steffen Bilger bekommt zum Amtsantritt eine Nachricht, die Verkehrsminister nur selten von der Deutschen Bahn erhalten: mehr Fahrgäste, ein deutlich verbessertes Ergebnis und schwarze Zahlen. Doch die Halbjahresbilanz zeigt zugleich, wie weit der Weg von der finanziellen Erholung zu einer zuverlässig funktionierenden Bahn noch ist.

147 Millionen Euro Gewinn statt 760 Millionen Euro Verlust

Die Deutsche Bahn hat das erste Halbjahr 2026 mit einem Gewinn nach Steuern von 147 Millionen Euro im Kerngeschäft abgeschlossen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte der Staatskonzern noch einen Verlust von 760 Millionen Euro ausgewiesen.

Das bereinigte operative Ergebnis verbesserte sich um mehr als 650 Millionen auf 415 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 1,8 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern weiterhin schwarze Zahlen und ein operatives Ergebnis von rund 600 Millionen Euro.

Die Bilanz ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Bahn gleichzeitig mehr investiert hat. Die Bruttoinvestitionen stiegen um 18 Prozent auf den Halbjahresrekord von 8,7 Milliarden Euro. Der größte Teil floss in die Sanierung des Schienennetzes. Dadurch erhöhten sich allerdings auch die Nettofinanzschulden seit Jahresbeginn um rund eine Milliarde auf 21,6 Milliarden Euro.

Rekordnachfrage trotz Verspätungen

Mehr als 960 Millionen Menschen nutzten zwischen Januar und Juni die Züge der Deutschen Bahn. Das waren rund 17 Millionen Reisende mehr als im Vorjahreszeitraum und damit so viele wie noch nie in einem ersten Halbjahr.

Besonders im Nahverkehr wechselten nach Einschätzung des Konzerns mehr Pendler wegen hoher Kraftstoffpreise vom Auto auf die Schiene. Während Benzin teurer wurde, blieben die Bahnpreise vergleichsweise stabil.

Auch neue Angebote kurbelten die Nachfrage an. Rund 600.000 Menschen nutzten das Last-Minute-Ticket, mehr als 200.000 das Familienticket. Die kostenlose Jugend-Bahncard wurde über 50.000-mal bestellt.

Damit zeigt die Bilanz, dass die Nachfrage nach Zugreisen nicht am schlechten Ruf des Konzerns gescheitert ist. Die Menschen wollen Bahn fahren – sofern Preis und Angebot stimmen.

Umbau und Stellenabbau wirken sich aus

Der Ergebnissprung ist jedoch nicht allein auf mehr Fahrgäste zurückzuführen.

Die Bahn nennt auch Kostensenkungen und den begonnenen Personalabbau in der Konzernleitung und bei internen Dienstleistern als Gründe. Der Konzern soll schlanker und dezentraler werden. Mehr Entscheidungen sollen vor Ort getroffen, die dort Verantwortlichen zugleich stärker an ihren Ergebnissen gemessen werden.

Auch die einzelnen Geschäftsfelder entwickelten sich besser. Der Fernverkehr erzielte ein operatives Plus von 148 Millionen Euro, nachdem dort im ersten Halbjahr 2025 noch ein Verlust von 59 Millionen Euro angefallen war.

DB Cargo verbesserte sein Ergebnis um 96 Millionen Euro und verfehlte mit einem Minus von einer Million Euro nur knapp die schwarze Null. Die Güterverkehrssparte bleibt allerdings durch die schwache Nachfrage aus Stahl-, Chemie- und Autoindustrie unter erheblichem Sanierungsdruck.

Die finanzielle Erholung ist deshalb real. Sie beruht aber teilweise auf einem harten Sparkurs, dessen Auswirkungen auf Personal, Betriebsfähigkeit und Servicequalität sich erst langfristig vollständig beurteilen lassen.

Bilgers Amtszeit beginnt mit Rückenwind

Die Zahlen wurden nur einen Tag nach der Ernennung Steffen Bilgers zum Bundesverkehrsminister veröffentlicht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ernannte den CDU-Politiker am 29. Juli zum Nachfolger Patrick Schnieders. Bilger ist damit als Vertreter des Bundes auch politisch für Schieneninfrastruktur und Zugverkehr verantwortlich.

Der Zeitpunkt könnte für den neuen Minister kaum symbolischer sein.

Bilger übernimmt nicht mehr einen Konzern, der wirtschaftlich ungebremst in die falsche Richtung fährt. Bahnchefin Evelyn Palla kann erste Ergebnisse ihres Umbaus vorweisen, der Fernverkehr ist operativ wieder profitabel und selbst DB Cargo nähert sich der schwarzen Null.

Das verschafft dem Minister Handlungsspielraum. Es erhöht allerdings auch die Erwartungen.

Nach dem wirtschaftlichen Turnaround muss nun die Verbesserung folgen, die Fahrgäste tatsächlich bemerken.

Beim Fernverkehr bleibt fast jede zweite Fahrt unpünktlich

Die Halbjahresbilanz liefert selbst die notwendige Einschränkung.

Im Fernverkehr kamen lediglich 59 Prozent der Züge mit weniger als sechs Minuten Verspätung an. Bei knapp vier von zehn Verbindungen wurde die deutsche Pünktlichkeitsgrenze damit überschritten. Nur 76 Prozent der Fernzüge erreichten ihr Ziel mit weniger als 15 Minuten Verspätung.

Als Gründe nennt die Bahn die hohe Zahl von Baustellen, winterliche Einschränkungen zu Jahresbeginn und die Hitzewelle im Juni. Im gesamten Jahr sollen 28.000 Baustellen bearbeitet werden; rund die Hälfte war zur Jahresmitte abgeschlossen.

Die Baustellen sind notwendig, um das über Jahrzehnte vernachlässigte Netz zu erneuern. Kurzfristig sorgen sie jedoch für zusätzliche Sperrungen, Umleitungen und Verspätungen.

Bilger erbt damit dasselbe politische Dilemma wie seine Vorgänger: Die Bahn kann nur zuverlässiger werden, wenn umfangreich gebaut wird. Gerade diese Bauarbeiten machen sie zunächst häufig noch unzuverlässiger.

Der Gewinn löst das Infrastrukturproblem nicht

Besonders deutlich wird die Trennung zwischen wirtschaftlicher Bilanz und Zustand des Netzes bei DB InfraGO.

Die gemeinwohlorientierte Infrastrukturgesellschaft schloss das erste Halbjahr mit einem operativen Verlust von 66 Millionen Euro ab. Die Verkehrsleistung auf dem Netz sank wegen der zahlreichen Baustellen um ein Prozent.

Eine profitable Bahn bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Infrastruktur ausreichend finanziert und funktionsfähig ist.

Bilger muss zentrale Vorhaben seines Vorgängers weiterführen oder neu ordnen. Dazu zählen ein verbindlicher Infraplan mit Zeit-, Qualitäts- und Mengenzielen für DB InfraGO sowie ein Eisenbahninfrastrukturfonds, der die Finanzierung über mehrere Jahre planbarer machen soll. Auch die Reform der Trassenpreise und ab 2028 drohende Finanzierungslücken bei Neu- und Ausbauprojekten gehören zu seiner Aufgabenliste.

Das bessere Ergebnis kann dabei helfen, den Konzern wirtschaftlich zu stabilisieren. Die milliardenschwere Erneuerung des Netzes kann die Bahn jedoch nicht aus eigenen Gewinnen bezahlen. Dafür bleiben langfristige Zusagen des Bundes unverzichtbar.

Palla setzt den richtigen Maßstab

Bahnchefin Evelyn Palla bezeichnete die schwarzen Zahlen als wichtigen Meilenstein. Zufrieden sei sie aber erst, wenn auch die Qualität im täglichen Eisenbahnverkehr überzeuge.

Damit formuliert sie zugleich den Maßstab für den neuen Verkehrsminister.

147 Millionen Euro Gewinn sind für einen Konzern mit 13,6 Milliarden Euro Halbjahresumsatz kein großer finanzieller Puffer. Politisch besitzen sie dennoch Bedeutung: Nach jahrelangen Verlusten zeigt die Bahn, dass Kostendisziplin, höhere Nachfrage und ein besseres operatives Geschäft eine Trendwende ermöglichen.

Bilger darf diese Zahlen als Rückenwind verstehen.

Als Entwarnung eignen sie sich nicht.

Was bleibt

Steffen Bilger beginnt seine Amtszeit mit einer seltenen guten Nachricht von der Deutschen Bahn.

Der Konzern gewinnt Fahrgäste, verbessert sein Ergebnis um mehr als 900 Millionen Euro und schreibt im Kerngeschäft erstmals seit 2019 wieder schwarze Zahlen. Die wirtschaftliche Sanierung unter Evelyn Palla zeigt erste Wirkung.

Doch die entscheidende Währung der Bahn ist nicht allein der Gewinn.

Für Fahrgäste zählen pünktliche Züge, verlässliche Anschlüsse, funktionierende Klimaanlagen und verständliche Informationen. Für die Wirtschaft zählen planbare Gütertransporte und ein Netz, das Produktionsstandorte und Häfen zuverlässig verbindet.

Bilgers Aufgabe besteht deshalb nicht darin, die schwarze Zahl zu feiern.

Er muss dafür sorgen, dass aus der finanziellen Stabilisierung eine betriebliche Verbesserung wird – und dass die Rekordzahl an Fahrgästen nicht trotz, sondern wegen der Qualität der Bahn erreicht wird.

SK

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