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Hitze kostet Europa Milliarden – und bremst das Wachstum

Extreme Temperaturen und Dürre könnten die EU 2026 rund 180 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung kosten.

4 Min.

10.08.2026

Ausgebrannter Mähdrescher nach Feldbrand 

Hitzewellen sind längst nicht mehr nur ein gesundheitliches oder ökologisches Problem. Eine neue Berechnung der niederländischen Triodos Bank zeigt, wie stark extreme Temperaturen inzwischen auf Europas Wirtschaft durchschlagen könnten: Rund ein Prozent der EU-Wirtschaftsleistung steht demnach 2026 auf dem Spiel.

Hitze könnte rund 180 Milliarden Euro kosten

Die anhaltende Hitze und Dürre in großen Teilen Europas könnte die Wirtschaftsleistung der Europäischen Union in diesem Jahr um rund ein Prozent verringern. Das entspricht nach Berechnungen der Triodos Bank wirtschaftlichen Verlusten von etwa 180 Milliarden Euro. Hauptursache ist dabei nicht die unmittelbare Zerstörung durch Brände oder Dürreschäden, sondern die sinkende Arbeitsproduktivität. Allein dieser Effekt könnte das EU-Bruttoinlandsprodukt um etwa 0,6 Prozent drücken.

Damit trifft der Klimafaktor eine ohnehin schwach wachsende Wirtschaft. Die EU-Kommission erwartet für 2026 lediglich ein Wachstum von 1,1 Prozent. Bereits zuvor hatten der Konflikt im Nahen Osten und gestiegene Energiepreise die Aussichten belastet. Die von Triodos berechneten Klimaschäden liegen damit in einer ähnlichen Größenordnung wie das für das gesamte Jahr prognostizierte Wachstum. Beide Werte sind methodisch nicht unmittelbar miteinander verrechenbar, verdeutlichen aber, wie relevant Wetterextreme inzwischen für Konjunkturprognosen geworden sind.

Von der Baustelle bis zum Acker

Besonders sichtbar wird der Effekt dort, wo Arbeit unter freiem Himmel oder in nicht klimatisierten Produktionsstätten stattfindet. Mit steigenden Temperaturen sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit, Arbeitszeiten müssen angepasst oder Tätigkeiten zeitweise unterbrochen werden. Die Europäische Zentralbank kommt in eigenen Untersuchungen zu einem ähnlichen Ergebnis: Sommerliche Hitzewellen können die regionale Wirtschaftsleistung kurzfristig um rund ein Prozent reduzieren. Bemerkenswert ist, dass sich die Verluste nicht zwangsläufig unmittelbar wieder aufholen. In den untersuchten Regionen fiel die Wirtschaftsleistung zwei Jahre nach einer Hitzewelle im Durchschnitt sogar rund 1,5 Prozent niedriger aus.

Hinzu kommen Folgen für Landwirtschaft, Energieversorgung und Transport. Triodos erwartet für die landwirtschaftliche Produktion Einbußen von drei bis sieben Prozent. Niedrige Wasserstände können zugleich die Binnenschifffahrt behindern, während hohe Temperaturen die Stromerzeugung belasten und gleichzeitig der Bedarf an Kühlung wächst. Steigende Produktions- und Transportkosten können sich anschließend auch in höheren Verbraucherpreisen niederschlagen.

Dass Hitze auch die Inflation beeinflusst, beschäftigt inzwischen selbst die Geldpolitik. Untersuchungen der EZB zufolge erhöhten die extremen Temperaturen des Sommers 2022 die Lebensmittelpreise in Europa um rund 0,7 Prozentpunkte. Damit können Hitzewellen gleichzeitig das Wachstum bremsen und den Preisdruck erhöhen – eine Kombination, die auch für die Europäische Zentralbank schwieriger zu bewältigen ist als ein reiner Konjunkturabschwung.

Frankreich besonders stark betroffen

Die wirtschaftlichen Folgen verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig über Europa. Triodos erwartet für Frankreich 2026 besonders hohe Belastungen. Wiederkehrende Hitzewellen könnten dort die Wirtschaftsleistung um rund 1,4 Prozent verringern und dazu beitragen, dass das Bruttoinlandsprodukt über das Gesamtjahr sogar schrumpft. Auch Italien, Spanien und Belgien zählen nach der Berechnung zu den stärker betroffenen Ländern. Staaten mit weniger extremen Hitzetagen dürften dagegen geringere Verluste verzeichnen.

Klimaanpassung wird zur Standortfrage

Die ökonomische Debatte verschiebt sich damit zunehmend von der Frage, ob Klimawandel Kosten verursacht, hin zur Frage, wie teuer fehlende Anpassung wird. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur verursachten Extremwetterereignisse in Europa allein zwischen 2021 und 2024 direkte wirtschaftliche Schäden von jährlich rund 40 bis 50 Milliarden Euro. Für Landwirtschaft, Energie und Verkehr sieht die Behörde zugleich eine erhebliche Investitionslücke bei der Klimaanpassung.

Dabei geht es nicht nur um Hochwasserschutz oder Bewässerungssysteme. Hitzefeste Infrastruktur, gekühlte Arbeitsplätze, angepasste Arbeitszeiten, widerstandsfähigere Stromnetze und eine zuverlässigere Wasserversorgung werden zunehmend zu wirtschaftlichen Standortfaktoren. Allerdings verursacht auch diese Anpassung Kosten: Die EZB weist darauf hin, dass Kapital, das etwa in zusätzliche Kühlung investiert werden muss, für produktivitätssteigernde Investitionen an anderer Stelle fehlt.

Was bleibt

Die Schätzung von 180 Milliarden Euro ist keine abschließende Schadensbilanz für 2026, sondern eine Modellrechnung der Triodos Bank. Sie zeigt jedoch eine Entwicklung, die auch EZB und Europäische Umweltagentur seit Längerem beobachten: Extreme Hitze wirkt über Arbeitsproduktivität, Landwirtschaft, Energie, Transport und Preise inzwischen direkt auf die Gesamtwirtschaft.

Für Europa wird Klimaanpassung deshalb zunehmend auch zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Wenn Hitzewellen ausgerechnet in einer Phase schwachen Wachstums regelmäßig Milliarden an Wirtschaftsleistung kosten, ist der Umgang mit hohen Temperaturen nicht mehr nur Klimapolitik – sondern klassische Wirtschaftspolitik.

Stefanie S. Klief

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