Politik

Der AfD-Sieg wird zum Standorttest

Warum Sachsen-Anhalts Wirtschaft stärker von internationalem Kapital und Fachkräften abhängt, als der Wahlkampf vermuten lässt

7 Min.

06.10.2026

Tobias Rausch von der AfD am Rednerpult des Landtags von Sachsen-Anhalt am 05.03.2026. Bei der konstituierenden Sitzung steht heute die Wahl des Landtagspräsidenten an.

 

Einen Monat nach dem historischen Wahlerfolg der AfD beginnt in Sachsen-Anhalt die neue politische Realität. Heute tritt der Landtag erstmals zusammen. Mit Unterstützung des BSW könnte Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten Deutschlands gewählt werden. Die eigentliche Machtfrage folgt erst im Dezember, wenn Ulrich Siegmund für das Amt des Ministerpräsidenten antreten will. Doch noch bevor feststeht, wer das Land künftig regiert, meldet sich die Industrie ungewöhnlich deutlich zu Wort.

Der BDI warnt vor einem wirtschaftlichen Risiko

Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie, hält einen wirtschaftlichen Aufschwung unter einer AfD-geführten Regierung für unwahrscheinlich. Ihre Begründung: Investitionen benötigten Vertrauen in verlässliche Rahmenbedingungen, internationale Handelsbeziehungen und ausreichend qualifizierte Beschäftigte.

Ihr zugespitztes Urteil lautet: »Die AfD ist keine Wirtschaftspartei.«

Das ist zunächst die Position eines Interessenverbandes, keine unabhängige ökonomische Prognose. Der BDI vertritt große Teile der deutschen Industrie und hat ein offensichtliches Interesse an offenen Märkten, international verfügbaren Fachkräften und verlässlichen Investitionsbedingungen.

Ob seine Warnung trägt, lässt sich deshalb besser an den wirtschaftlichen Strukturen Sachsen-Anhalts prüfen. Und dort wird es interessant.

Die Industrie beginnt sich gerade erst zu erholen

Sachsen-Anhalts Wirtschaft befindet sich in einer schwierigen Übergangsphase.

2025 schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent. Besonders das produzierende Gewerbe litt. Die Industrieumsätze waren bereits seit 2022 rückläufig, Beschäftigung ging verloren und wichtige Branchen wie Chemie, Metallverarbeitung und Automobilzulieferung standen unter Druck.

Im ersten Halbjahr 2026 hellte sich das Bild auf.

Die Umsätze der größeren Industrieunternehmen stiegen um 5,8 Prozent auf 23,8 Milliarden Euro. Besonders stark legte das Auslandsgeschäft zu: Die Auslandsumsätze wuchsen um 10,9 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro.

Gleichzeitig sank die Zahl der Beschäftigten in diesen Betrieben um weitere drei Prozent. Das beschreibt ziemlich präzise das wirtschaftliche Problem des Landes: Die Industrie produziert wieder mehr – mit immer weniger Menschen.

Sachsen-Anhalts Wirtschaft ist internationaler, als sie wirkt

Auch beim Außenhandel ist die Abhängigkeit von internationalen Märkten erheblich. In den ersten neun Monaten 2025 exportierten Unternehmen aus Sachsen-Anhalt Waren im Wert von 16,2 Milliarden Euro. Mehr als 70 Prozent davon gingen in andere EU-Staaten.

Polen, Tschechien, die Niederlande und Frankreich gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten. Außerhalb Europas spielen unter anderem die USA und China eine bedeutende Rolle.

Für Chemieunternehmen aus Leuna oder Bitterfeld, Maschinenbauer, Lebensmittelhersteller und zahlreiche industrielle Zulieferer endet der relevante Markt damit nicht an der Landes- oder Bundesgrenze. An diesem Punkt setzt ein Teil der BDI-Kritik an.

Internationale Unternehmen entscheiden über Investitionen nicht allein anhand von Gewerbesteuern oder Grundstückspreisen. Sie berücksichtigen Zugang zum europäischen Binnenmarkt, Energiepreise, Infrastruktur, politische Berechenbarkeit – und die Frage, ob sie ausreichend Personal finden.

68.000 ausländische Beschäftigte sind längst Teil der Wirtschaft

Besonders deutlich wird das beim Arbeitsmarkt. Mitte 2025 arbeiteten in Sachsen-Anhalt rund 68.400 ausländische sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich ihre Zahl mehr als vervierfacht.

Allein innerhalb eines Jahres kamen rund 5.600 ausländische Beschäftigte hinzu. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Deutschen um mehr als 10.500.

Fast jeder vierte Betrieb im Land beschäftigt inzwischen mindestens einen Mitarbeiter mit ausländischem Pass. Bei Unternehmen mit 500 oder mehr Beschäftigten liegt der Anteil sogar bei mehr als 99 Prozent.

Diese Entwicklung ist nicht ausschließlich Folge eines kurzfristigen Fachkräftemangels. Sachsen-Anhalt altert. Jahr für Jahr verlassen mehr Arbeitnehmer den Arbeitsmarkt, als junge Menschen nachrücken. Gerade in Gesundheitswesen, Gastronomie, Landwirtschaft, Logistik und Teilen der Industrie wächst deshalb die Bedeutung internationaler Beschäftigter.

Damit bekommt die politische Debatte über Zuwanderung eine sehr konkrete wirtschaftliche Seite.

Dort setzt die AfD einen Gegenakzent

Die wirtschaftspolitischen Positionen der AfD Sachsen-Anhalt sind allerdings breiter, als es das BDI-Urteil vermuten lässt.

In ihrem Regierungsprogramm fordert die Partei weniger Bürokratie, bessere Bedingungen für kleine und mittlere Unternehmen und die Prüfung von Sonderwirtschaftszonen mit erleichterten administrativen Bedingungen.

Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz sollen gefördert werden. Ein freiwilliges Handwerksjahr, Zuschüsse für Auszubildende und eine kostenfreie Meisterausbildung sollen helfen, mehr heimische Fachkräfte zu gewinnen.

Auch Unternehmensgründungen und Nachfolgen im Mittelstand sollen stärker unterstützt werden. Das sind klassische wirtschaftspolitische Instrumente.

Der zentrale Konflikt liegt an anderer Stelle.

Automatisierung statt internationaler Fachkräfte

Die AfD will den Fachkräftemangel wesentlich stärker durch heimische Arbeitskräfte, Rückkehrprogramme für ausgewanderte Deutsche, Ausbildung und Automatisierung lösen.

Im Regierungsprogramm findet sich ausdrücklich die Forderung, auf sogenannte »kulturfremde Fachkräfte« zu verzichten. Digitalisierung und künstliche Intelligenz sollen unter anderem dazu beitragen, entsprechende Zuwanderung zu vermeiden.

Gleichzeitig sieht das Programm grundsätzlich die Einwanderung ausgewählter Fachkräfte vor. Sie soll jedoch deutlich stärker begrenzt und nach den Vorstellungen der Partei kulturell und wirtschaftlich selektiert werden.

Damit entsteht eine überprüfbare wirtschaftspolitische Wette.

Kann ein alterndes Bundesland seinen zunehmenden Arbeitskräftebedarf im Wesentlichen durch Automatisierung, bessere Ausbildung, Rückkehrprogramme und die Aktivierung heimischer Arbeitskräfte decken?

Oder benötigt es weiterhin in erheblichem Umfang Zuwanderung?

Die bisherigen Arbeitsmarktdaten sprechen zumindest dafür, dass ausländische Beschäftigung bereits heute einen wachsenden Teil der demografischen Lücke schließt.

Auch bei Großinvestoren setzt die AfD einen anderen Schwerpunkt

Ein zweiter Konflikt betrifft die Industriepolitik.

Die AfD lehnt milliardenschwere Subventionen für einzelne internationale Großkonzerne ab. Das gescheiterte Intel-Projekt in Magdeburg führt sie ausdrücklich als Beispiel dafür an, warum solche Ansiedlungsstrategien aus ihrer Sicht nicht funktionieren.

Stattdessen soll mehr Geld in Mittelstand, Infrastruktur und allgemeine Standortbedingungen fließen.

Auch diese Position besitzt eine wirtschaftliche Logik.

Eine Subvention von Milliarden Euro für einen einzelnen Konzern birgt erhebliche Risiken. Intel selbst lieferte dafür unfreiwillig das prominenteste Beispiel: Der US-Chiphersteller gab seine Pläne für die milliardenschwere Fabrik bei Magdeburg letztlich vollständig auf.

Doch für Sachsen-Anhalt entsteht daraus eine zweite Frage.

Wie gewinnt ein vergleichsweise kleiner Standort ohne große finanzielle Anreize internationale Investoren für milliardenschwere Industrieprojekte?

1.100 Hektar warten auf neue Investoren

Diese Frage ist keineswegs theoretisch.

Nach dem Intel-Aus entwickelt das Land südlich von Magdeburg einen rund 1.100 Hektar großen High-Tech-Park weiter. Die ehemaligen Intel-Flächen wurden inzwischen zurückgekauft.

Strom-, Wasser- und Verkehrsinfrastruktur werden für künftige Ansiedlungen vorbereitet. Das Land sucht Unternehmen aus Halbleitertechnik, KI, digitaler Industrie, Energie- und Umwelttechnik.

Damit bekommt Gönners Frage, wer künftig auf den großen Industrieflächen Sachsen-Anhalts investiert, einen ganz konkreten Ort. Ein Investor muss dort möglicherweise Milliarden einsetzen und Produktionsanlagen errichten, die mehrere Jahrzehnte laufen sollen. Dabei zählen Kosten.

Aber auch die Erwartung, ob genügend Ingenieure, Techniker und Produktionsmitarbeiter verfügbar sein werden und ob sich politische Rahmenbedingungen dauerhaft kalkulieren lassen. Daher kann das Image eines Standorts selbst wirtschaftlichen Wert besitzen.

Nicht alles kann eine Landesregierung überhaupt entscheiden

Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Reichweite einer möglichen AfD-Regierung leicht überschätzt.

Außenhandel, europäischer Binnenmarkt, Einwanderungsrecht, Sanktionen und große Teile der Energiepolitik werden nicht allein in Magdeburg entschieden. Auch eine Landesregierung kann EU-Recht nicht außer Kraft setzen oder eigenständig internationale Handelsbeziehungen neu ordnen.

Darauf weist selbst der BDI hin.

Erheblichen Einfluss hätte eine Landesregierung dagegen bei Genehmigungen, Wirtschaftsförderung, Schulen und Hochschulen, Infrastruktur, Landesverwaltung, Ansiedlungspolitik und der praktischen Organisation von Fachkräfteintegration. 

Und für Unternehmen können diese regionalen Faktoren bei einer Standortentscheidung entscheidend sein.

Stefanie S. Klief

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