Politik

Deutschland bildet einen Teil seiner Fachkräfte bereits selbst aus

Warum internationale Studierende in der Migrationsdebatte eine besondere Rolle spielen

9 Min.

14.09.2026

Über Migration wird in Deutschland derzeit vor allem unter den Stichworten Begrenzung, Steuerung und Rückführung gesprochen. Gleichzeitig versucht die Bundesregierung, qualifizierte Zuwanderung zu erleichtern und internationale Studierende im Land zu halten. Ein neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, warum diese Unterscheidung ökonomisch relevant ist: Wer zum Studium nach Deutschland kommt, kann den Staat zunächst Geld kosten – langfristig aber wesentlich mehr einbringen.

81.800 Studierende – 23,1 Milliarden Euro Überschuss

Der Ausgangspunkt der Berechnung ist der internationale Studienanfängerjahrgang 2023. Insgesamt begannen damals rund 116.600 Menschen aus dem Ausland ein Studium in Deutschland. Rund 81.800 von ihnen waren regulär in einem Studiengang mit angestrebtem Hochschulabschluss eingeschrieben; Austausch- und Gaststudierende werden in der IW-Berechnung nicht dieser Gruppe zugerechnet.

Für diese 81.800 Studienanfänger errechnet das IW über deren weiteres Leben einen direkten Wertschöpfungsbeitrag von knapp 127 Milliarden Euro. Für die öffentlichen Haushalte ergibt sich in der Modellrechnung langfristig ein positiver Saldo von rund 23,1 Milliarden Euro. Berücksichtigt werden dabei unter anderem Kosten der Studienplätze, Steuern, Sozialabgaben sowie spätere Leistungen der Sozialversicherung.

Besonders auffällig ist der Zeitpunkt, an dem sich die staatlichen Ausgaben rechnerisch amortisieren. Bereits zwei Jahre nach dem Studienabschluss sollen die bis dahin geleisteten Steuern und Sozialabgaben die erhaltenen personenbezogenen staatlichen Leistungen einschließlich der weitgehend gebührenfreien Hochschulausbildung übersteigen.

Ganz so eindeutig, wie die Zahl zunächst klingt, ist die Rechnung allerdings nicht. Bezieht das IW auch zusätzliche nicht personenbezogene Staatsausgaben ein, die mit einer größeren Bevölkerung entstehen können – beispielsweise für Verkehrsinfrastruktur –, sinkt der langfristige Überschuss des Jahrgangs von 23,1 auf rund 18 Milliarden Euro. Der Break-even wird dann nicht nach zwei, sondern nach drei Jahren nach Studienende erreicht. Auch diese konservativere Variante bleibt deutlich positiv.

Aus einem Studienplatz wird noch keine Fachkraft

Entscheidend für die Rechnung ist nicht, wie viele internationale Studierende nach Deutschland kommen. Entscheidend ist, wie viele ihr Studium abschließen und anschließend tatsächlich hier arbeiten.

Das IW versucht deshalb erstmals genauer abzuschätzen, wie sich ein internationaler Anfängerjahrgang bis zum Ende des Erwerbslebens entwickelt.

Nach der Auswertung bleiben rund 59 Prozent der betrachteten internationalen Studierenden bis zu neun Jahre nach ihrer Einreise in Deutschland. Von ihnen erreichen etwa drei Viertel einen Hochschulabschluss. Daraus leitet das Institut ab, dass ungefähr 45 Prozent eines Anfängerjahrgangs nach dem Studium als akademisch qualifizierte Fachkräfte dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Ein Teil wandert später dennoch wieder aus. Das IW schätzt, dass ungefähr drei Viertel der zunächst gebliebenen Hochschulabsolventen dauerhaft im Land bleiben. Über den gesamten Anfängerjahrgang gerechnet ergibt sich damit ein Anteil von rund 34 Prozent, der als akademisch qualifizierte Fachkraft bis zum Renteneintritt in Deutschland verbleiben könnte.

Das bedeutet zugleich: Von 1.000 internationalen Studienanfängern rechnet das Modell langfristig mit 340 akademisch qualifizierten Personen, die dauerhaft in Deutschland bleiben. 280 verlassen das Land vereinfachend angenommen während des Studiums, weitere 270 zum Studienende und 110 in den folgenden Jahren.

Die Zahlen zeigen deshalb nicht nur, was Deutschland gewinnt. Sie zeigen auch, wie groß das Potenzial ist, das wieder verloren geht.

Die Datenbasis ist solide – die Zukunft trotzdem eine Modellrechnung

Das ist für die Einordnung der Milliardenbeträge entscheidend.

Das Gutachten misst nicht, dass der Jahrgang 2023 Deutschland bereits 23,1 Milliarden Euro eingebracht hat. Es modelliert seine künftigen Erwerbsbiografien unter bestimmten Annahmen.

Grundlage für die neue Bleibeanalyse ist vor allem der Mikrozensus. Rund ein Prozent der Bevölkerung wird dafür regelmäßig befragt; 2022 umfasste die Erhebung nach Angaben des IW etwa 975.000 Personen. Weil grundsätzlich Auskunftspflicht besteht, sind Ausfälle in der Stichprobe vergleichsweise gering. Die Daten ermöglichen unter anderem Differenzierungen nach Bildung, Erwerbstätigkeit, Einkommen und Einwanderungsgeschichte.

Die Ergebnisse wurden außerdem mit Auswertungen des Ausländerzentralregisters verglichen. Frühere Untersuchungen kamen dort für internationale Studierende aus Drittstaaten zehn Jahre nach der Einreise auf Bleibequoten von etwa 45 bis 46 Prozent. Die Datensätze messen allerdings nicht exakt dieselben Gruppen und sind deshalb nicht unmittelbar vergleichbar.

Hinzu kommt ein Interessenkonflikt, der transparent gemacht werden sollte: Auftraggeber des Gutachtens ist der Deutsche Akademische Austauschdienst, dessen Aufgabe gerade die Förderung internationaler akademischer Mobilität ist. Das macht die Berechnungen nicht falsch. Die politischen Empfehlungen der Studie sollten jedoch von den zugrunde liegenden Daten getrennt betrachtet werden.

Migration ist wirtschaftlich keine einheitliche Kategorie

Damit trifft die Studie auf eine politische Debatte, in der unter dem Begriff Migration sehr unterschiedliche Vorgänge zusammenlaufen.

Die Bundesregierung verfolgt inzwischen ausdrücklich zwei Ziele gleichzeitig. Irreguläre Migration und Asylzuwanderung sollen stärker begrenzt und gesteuert werden. Bei qualifizierter Erwerbs- und Bildungsmigration geht die Politik dagegen in die andere Richtung: Verfahren sollen schneller werden, Fachkräfte leichter kommen können und internationale Studierende möglichst im Land bleiben.

Bund und Länder bezeichneten den Zuzug internationaler Studierender und Forschender erst im Juni als zentral für Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Unter anderem sollen Visa- und Hochschulzulassungsverfahren besser miteinander verzahnt werden.

Ökonomisch ergibt diese Differenzierung Sinn.

Bei internationalen Studierenden muss Deutschland ausländische Bildungsabschlüsse nicht erst aufwendig auf ihre Vergleichbarkeit prüfen. Wer hier einen Bachelor, Master oder eine Promotion absolviert, besitzt anschließend einen deutschen Abschluss, kennt zumindest einen Teil des Landes, hat häufig erste berufliche Kontakte aufgebaut und mehrere Jahre Zeit gehabt, Sprache und Arbeitsmarkt kennenzulernen.

Bildungszuwanderung kann damit zu einer Art vorgelagertem Rekrutierungsweg für qualifizierte Arbeitskräfte werden.

Der Arbeitsmarkt braucht Zuwanderung trotz schwacher Konjunktur

Wie relevant das ist, zeigt die aktuelle Fachkräfteanalyse der Bundesagentur für Arbeit.

Für 2025 identifiziert sie trotz wirtschaftlicher Schwäche noch 157 Berufsgattungen mit Fachkräfteengpässen. Etwa die Hälfte der gemeldeten Stellen entfällt auf solche Engpassberufe. Gleichzeitig hat sich der Anteil ausländischer Beschäftigter in diesen Berufen seit 2014 von sieben auf rund 14 Prozent verdoppelt. Die Bundesagentur erwartet, dass Zuwanderung mit dem Ausscheiden der Babyboomer weiter an Bedeutung gewinnt.

Allerdings darf auch daraus nicht gefolgert werden, internationale Hochschulabsolventen könnten den deutschen Fachkräftemangel insgesamt lösen.

Viele besonders angespannte Berufe liegen derzeit in Pflege, Handwerk, Bau, Erziehung, Gastronomie oder Berufskraftverkehr und verlangen nicht zwingend einen Hochschulabschluss. Bildungszuwanderung über Universitäten und Hochschulen kann daher nur einen Teil des Problems auffangen.

Für hochqualifizierte Tätigkeiten, Forschung, Ingenieurwesen, Technologie und wissensintensive Dienstleistungen ist sie dagegen besonders interessant.

Das IW selbst errechnet in einer separaten Trendfortschreibung, dass Deutschland 2029 rund 723.000 Fachkräfte fehlen könnten, falls sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre fortsetzen. Das Institut weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine Prognose, sondern um eine Fortschreibung bestehender Trends handelt.

Deutschland gewinnt mehr Studierende – aber hält längst nicht alle

An mangelndem Interesse am Studienstandort Deutschland scheitert es derzeit jedenfalls nicht.

Nach einer Schnellabfrage des DAAD dürften im Wintersemester 2025/26 rund 420.000 internationale Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben sein – gut vier Prozent mehr als im Vorjahr. Bei den neu eingeschriebenen internationalen Studierenden rechnet der DAAD mit rund 99.000 und damit neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Hochrechnung basiert auf Angaben von 212 Hochschulen, an denen rund 78 Prozent aller internationalen Studierenden eingeschrieben sind.

Interessant werden deshalb die Gründe, weshalb Menschen trotz guter Ausgangsbedingungen Deutschland wieder verlassen.

79 Prozent der vom DAAD befragten Hochschulen nennen Schwierigkeiten bei Einreise und Visaverfahren als relevantes Hindernis. 71 Prozent sehen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum als Problem, 63 Prozent die Kosten für Studium und Lebenshaltung.

Dazu kommen Sprache, soziale Integration und der Übergang vom Studium in den Arbeitsmarkt.

Gerade an dieser Stelle bekommt die Migrationsdebatte eine ungewöhnliche Wendung. Deutschland muss bei dieser Gruppe nicht primär darüber nachdenken, wie es Migration begrenzt. Es muss überlegen, wie Menschen, die bereits hier leben, einen deutschen Abschluss erwerben und als qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht werden, zum Bleiben bewegt werden können.

Mehr Zuwanderung birgt auch neue Risiken

Ein unkritisches »mehr internationale Studierende sind immer besser« wäre dennoch zu einfach.

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration warnte im Mai vor Schattenseiten des liberalisierten Bildungs- und Erwerbsmigrationsrechts. Berichte über hoch verschuldete internationale Studierende, prekäre Beschäftigung und eine zweckwidrige Nutzung von Studienaufenthalten hätten zugenommen. Gerade wenn Studium faktisch zur Eintrittskarte in schlecht bezahlte Arbeit werde, könne ein liberaler Zugang auch Ausbeutung erleichtern.

Auch Studienabbrüche sind ein relevantes Problem. Nach den bislang verfügbaren Hochschuldaten brachen von den internationalen Bacheloranfängern des Jahrgangs 2020 bereits innerhalb der ersten drei Fachsemester 15,7 Prozent ihr Studium ab, bei den Masterstudierenden waren es 9,2 Prozent. Über den gesamten Studienverlauf liegen noch keine ebenso belastbaren amtlichen Werte vor; das IW hält eine Gesamtabbruchquote von etwa einem Viertel bis 30 Prozent für plausibel.

Wer Bildungszuwanderung ausbauen will, muss daher nicht nur mehr Studienplätze schaffen. Studienvorbereitung, Sprachförderung, Betreuung, Wohnraum und der Übergang in reguläre Beschäftigung gehören ebenso dazu.

Die Migrationsfrage lautet nicht nur: Wie viele?

Das neue Gutachten beantwortet nicht die gesamte deutsche Migrationsdebatte. Dafür unterscheiden sich Fluchtmigration, Familiennachzug, Arbeitsmigration und internationale Bildungsmigration viel zu stark.

Es zeigt aber, warum die bloße Zahl der Zugewanderten wirtschaftlich wenig aussagt. Der Staat investiert bei internationalen Studierenden zunächst tatsächlich: Hochschulen kosten Geld, ein Studienplatz ist überwiegend gebührenfrei und nicht jeder Absolvent bleibt anschließend im Land.

Gleichzeitig befindet sich Deutschland in einer ungewöhnlich günstigen Position. Hunderttausende junge Menschen entscheiden sich freiwillig für seine Hochschulen. Sie verbringen Jahre im Land und erwerben genau jene Qualifikationen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt ohne Anerkennungsverfahren einsetzbar sind.

Selbst unter einer Rechnung, die zusätzliche öffentliche Infrastruktur berücksichtigt, erwartet das IW für einen einzigen Anfängerjahrgang langfristig einen fiskalischen Überschuss von rund 18 Milliarden Euro.

Die politische Herausforderung beginnt deshalb nicht erst an der Grenze. Sie beginnt auch an der Universität, bei der Wohnungssuche, im Sprachkurs, in der Ausländerbehörde und beim ersten Arbeitsvertrag.

Deutschland hat einen Teil jener Fachkräfte, um die international immer härter konkurriert wird, bereits im Land. Die Frage ist, wie viele davon nach dem Abschluss noch hier sein wollen.

Stefanie S. Klief

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