Politik

Windpark-Stau: Reiche lenkt nach Brandbrief ein

Bundeswirtschaftsministerin Reiche stellt Rückgabe von Windparkflächen in Aussicht – acht Länder warnen vor einem industriellen Einbruch

8 Min.

27.10.2026

Katherina Reiche reagiert auf die Krise bei Offshore-Windparks und stellt eine Rückgabe blockierter Projektflächen in Aussicht.

Deutschlands Offshore-Windindustrie steht vor einer wirtschaftlichen Bewährungsprobe. Acht Bundesländer warnen vor massiven Umsatzeinbußen und dem Verlust Tausender Arbeitsplätze, weil bereits vergebene Windparkflächen möglicherweise nicht bebaut werden. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt deshalb eine geordnete Rückgabe und Neuvergabe wirtschaftlich gescheiterter Projekte in Aussicht. Doch die eigentliche Herausforderung reicht weiter: Deutschlands bisheriges Ausschreibungssystem hat Investitionszusagen hervorgebracht, deren Umsetzung zunehmend fraglich erscheint.

Reiche reagiert auf Warnung aus acht Bundesländern

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will den stockenden Ausbau der Windenergie auf See mit einer zusätzlichen Regelung wieder in Gang bringen. Unternehmen sollen bereits ersteigerte Offshore-Flächen geordnet zurückgeben können, wenn sich ihre Windparkprojekte als wirtschaftlich nicht mehr realisierbar erweisen.

Anschließend könnten die Flächen unter veränderten Bedingungen erneut ausgeschrieben werden. Die bisherigen Projektentwickler sollen allerdings nicht automatisch von ihren finanziellen Verpflichtungen befreit werden.

Damit reagiert Reiche auf einen gemeinsamen Appell von acht Bundesländern, die vor schwerwiegenden Folgen für die deutsche Offshore-Windindustrie gewarnt hatten.

Unterzeichnet wurde der Brief von den Regierungschefs Niedersachsens, Bayerns, Hamburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Baden-Württembergs, Bremens, des Saarlands und Schleswig-Holsteins.

Die Länder verlangen, dass blockierte Projekte nicht über Jahre hinweg wertvolle Flächen und geplante Netzanschlüsse belegen, ohne dass dort tatsächlich Windkraftanlagen entstehen.

Die Ministerin kündigte heute an, die Lücke zwischen vergebenen Zuschlägen und tatsächlich gebauten Windparks schließen zu wollen.

Eine entsprechende Rückgabemöglichkeit ist bislang allerdings noch nicht gesetzlich beschlossen.

23.000 Arbeitsplätze könnten gefährdet sein

Wie weitreichend die wirtschaftlichen Folgen eines anhaltenden Stillstands sein könnten, verdeutlichen die Angaben der Bundesländer.

Nach ihrer Einschätzung stehen innerhalb der kommenden vier Jahre bis zu 23.000 der insgesamt rund 49.000 Arbeitsplätze in der deutschen Offshore-Windindustrie auf dem Spiel.

Zugleich befürchten sie Umsatzausfälle von etwa 24 Milliarden Euro.

Die Zahlen beschreiben mögliche Folgen eines weiter stockenden Ausbaus. Sie sind keine bereits eingetretenen Arbeitsplatzverluste oder Umsatzeinbußen. Betroffen wären nicht nur die Betreiber künftiger Windparks, sondern auch zahlreiche deutsche Industrieunternehmen.

Dazu gehören Hersteller großer Stahlfundamente, Turbinenkomponenten, Spezialkabel und elektrischer Anlagen ebenso wie Werften, Hafenbetriebe, Logistikunternehmen und technische Dienstleister.

Diese Unternehmen benötigen langfristig planbare Aufträge, um Produktionskapazitäten auszulasten und Investitionen zu finanzieren. Fallen mehrere große Windparkprojekte aus oder verschieben sich um Jahre, können dadurch ganze industrielle Lieferketten unter Druck geraten.

Bereits im September hatte die Stiftung Offshore-Windenergie vor fehlenden Aufträgen im Umfang von rund 40 Milliarden Euro für die kommenden Jahre gewarnt.

Wie aus begehrten Windflächen wirtschaftliche Problemfälle wurden

Noch vor wenigen Jahren war das Interesse an deutschen Offshore-Flächen außerordentlich groß.

In den Ausschreibungsrunden 2023 und 2024 wurden nach Angaben Reiches Flächen für Windparks mit einer geplanten Leistung von insgesamt rund 16 Gigawatt vergeben.

Teilweise zahlten die Unternehmen erhebliche Beträge für die Rechte, später auf diesen Flächen Windenergieanlagen errichten zu dürfen.

Das damalige Ausschreibungssystem begünstigte hohe Gebote, berücksichtigte nach Einschätzung der Wirtschaftsministerin jedoch wirtschaftliche und technische Risiken nicht ausreichend.

Inzwischen haben sich wesentliche Rahmenbedingungen verändert.

Finanzierungs- und Baukosten sind gestiegen, Lieferketten bleiben angespannt und die langfristigen Erlösperspektiven sind unsicher.

Zudem entstehen neue Risiken, wenn sich der Anschluss eines Windparks an das Stromnetz verzögert.

Für einzelne Projektentwickler kann dadurch eine Investition, die zum Zeitpunkt der Ausschreibung attraktiv erschien, wirtschaftlich problematisch werden.

Das betrifft auch internationale Energiekonzerne. Der französische Konzern TotalEnergies verwies im Juni auf Verzögerungen beim Netzanschluss und stellte die weitere Umsetzung betroffener Projekte infrage.

Auch über Schwierigkeiten bei Offshore-Vorhaben des Energiekonzerns BP beziehungsweise seines Gemeinschaftsunternehmens Jera Nex BP wurde zuletzt berichtet.

Dabei geht es um Milliardeninvestitionen, deren wirtschaftliche Tragfähigkeit sich über viele Jahre hinweg rechnen muss.

2025 wollte niemand mehr bieten

Wie stark sich die Marktbedingungen verändert haben, zeigte sich bereits im August 2025. Damals schrieb die Bundesnetzagentur zwei voruntersuchte Flächen in der Nordsee mit einer geplanten Gesamtleistung von 2,5 Gigawatt aus. Das Ergebnis war ungewöhnlich: Für keine der beiden Flächen ging ein Gebot ein.

Die für 2026 vorgesehenen Ausschreibungen wurden daraufhin auf 2027 verschoben.

Damit steht die Bundesregierung vor einem doppelten Problem. Einerseits gibt es Flächen, deren Zuschläge bereits vergeben wurden, deren tatsächliche Bebauung aber unsicher ist. Andererseits lassen sich neue Projektentwickler unter den bisherigen Ausschreibungsbedingungen offenbar nur noch schwer gewinnen.

Für die Energieversorgung bedeutet das eine wachsende Unsicherheit über den zeitlichen Ausbau der Windkraft auf See.

Für die Industrie geht es zusätzlich um die Frage, ob genügend neue Aufträge entstehen, um bestehende Produktionsstandorte langfristig auszulasten.

Rückgabe soll einen Neustart ermöglichen

Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte steht die geplante Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes.

Die Bundesregierung hatte dazu bereits Anfang September einen Gesetzentwurf beschlossen, der die Ausschreibungsbedingungen verbessern und die wirtschaftliche Realisierung neuer Projekte stärker absichern soll.

Eine einseitige Rückgabe bereits vergebener Zuschläge war darin bislang ausdrücklich nicht vorgesehen. An diesem Punkt verlangen die Bundesländer eine Korrektur.

Aus ihrer Sicht müssen Projektentwickler wirtschaftlich nicht mehr realisierbare Vorhaben unter klar festgelegten Bedingungen einmalig zurückgeben können. Anschließend sollen die Flächen möglichst rasch erneut ausgeschrieben werden.

Auch Branchenverbände unterstützen eine solche Lösung.

Reiches neue Ankündigung kommt dieser Forderung entgegen. Allerdings bleibt offen, wie die Rückgabe rechtlich ausgestaltet wird und welche finanziellen Verpflichtungen für die bisherigen Betreiber bestehen bleiben.

Eine vollständige Entschädigung für gescheiterte Projekte hat die Ministerin nicht zugesagt.

Für die Unternehmen wird deshalb entscheidend sein, ob sich die wirtschaftlichen Risiken unter den neuen Regeln tatsächlich besser kalkulieren lassen.

Ausbauziele geraten unter Druck

Die Schwierigkeiten treffen eine Branche, die für die langfristige deutsche Energieversorgung eine zentrale Rolle spielen soll.

Zur Jahresmitte 2026 waren nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie 1.764 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 10,8 Gigawatt in der deutschen Nord- und Ostsee in Betrieb.

Im ersten Halbjahr kamen Anlagen mit einer Leistung von etwa 1,1 Gigawatt neu ans Netz.

Das gesetzliche Ausbauziel liegt bei mindestens 30 Gigawatt bis 2030, 40 Gigawatt bis 2035 und 70 Gigawatt bis 2045.

Allerdings sieht die Stiftung Offshore-Windenergie das Ziel für 2030 angesichts des aktuellen Projektzeitplans bereits als nicht mehr erreichbar an. Nach ihren Erhebungen dürfte die Marke von 30 Gigawatt frühestens 2032 erreicht werden.

Der laufende Ausbau wird momentan noch von Projekten getragen, deren Investitionsentscheidungen teilweise Jahre zurückliegen.

Problematisch ist vor allem, was danach kommt.

Wenn heutige Ausschreibungen scheitern oder bereits vergebene Projekte nicht umgesetzt werden, entsteht die fehlende Erzeugungskapazität erst in einigen Jahren. Denn Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bau großer Offshore-Windparks benötigen lange Vorlaufzeiten.

Der Wettbewerb um Europas Windindustrie

Die Krise besitzt auch eine internationale Dimension. Deutsche und europäische Hersteller stehen zunehmend im Wettbewerb mit Anbietern aus China, die Komponenten zum Teil deutlich günstiger anbieten können.

Eine schwache heimische Auftragslage könnte diesen Wettbewerbsdruck zusätzlich verstärken. Unternehmen, die ihre Produktionskapazitäten wegen ausbleibender Projekte reduzieren müssen, können später möglicherweise nicht ohne Weiteres wieder hochfahren.

Damit geht es bei der Reform nicht allein um die Frage, wie schnell zusätzliche Windkraftanlagen errichtet werden.

Es geht ebenso um die Zukunft einer Industrie, die Fundamente, Turbinen, Spezialschiffe, Kabel und Netztechnik für einen europäischen Wachstumsmarkt bereitstellen soll.

Die angekündigte Rückgabemöglichkeit könnte verhindern, dass wirtschaftlich gescheiterte Projekte Flächen und Netzkapazitäten dauerhaft blockieren.

Sie löst allerdings nicht automatisch die grundlegenden Probleme hoher Investitionskosten und unsicherer Stromerlöse.

Für einen nachhaltigen Neustart müsste deshalb auch das künftige Ausschreibungssystem Bedingungen schaffen, unter denen sich große Windparks wieder verlässlich finanzieren und bauen lassen.

Reiches Entgegenkommen ist damit ein möglicher erster Schritt. Ob daraus tatsächlich neue Industrieaufträge und zusätzliche Windparks entstehen, wird sich erst zeigen, wenn die gesetzlichen Regeln feststehen und Investoren unter diesen Bedingungen wieder verbindliche Entscheidungen treffen.

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