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Das Comeback der Innenstadt hat einen Haken

Die Besucherzahlen könnten steigen – doch der klassische Einzelhandel allein reicht längst nicht mehr

7 Min.

23.09.2026

Auch der Starkregen hält die Besucher der Münchner Innenstadt nicht ab - aufgenommen am 16.09.2026

Jahrelang dominierten Leerstände, Kaufhauspleiten und die Konkurrenz des Onlinehandels die Debatte über deutsche Innenstädte. Eine neue Befragung zeichnet nun erstmals ein deutlich freundlicheres Bild: Mehr als acht von zehn Menschen wollen ihre Innenstadt künftig mindestens genauso häufig besuchen wie bisher – oder sogar öfter. Noch 2024 sah das wesentlich schlechter aus. Ausgerechnet gleichzeitig rechnet der Handelsverband Deutschland jedoch mit fast 5.000 weiteren Geschäftsschließungen allein in diesem Jahr. Die Innenstadt erlebt also möglicherweise ein Comeback – nur nicht unbedingt in ihrer alten Form.

Nur noch 17 Prozent wollen seltener kommen

Die Stimmung gegenüber deutschen Stadtzentren hat sich innerhalb von zwei Jahren auffällig verbessert.

Mehr als 80 Prozent der rund 5.000 Befragten gaben in einer aktuellen Untersuchung des Beratungsunternehmens Cima im Auftrag des Handelsverbands Deutschland an, ihre Innenstadt künftig genauso oft oder häufiger besuchen zu wollen. 2024 lag dieser Anteil noch rund 20 Prozentpunkte niedriger.

Gleichzeitig sank der Anteil jener, die künftig seltener oder überhaupt nicht mehr in die Innenstadt gehen wollen, von rund 35 Prozent im Jahr 2024 auf knapp 17 Prozent. Befragt wurden die Teilnehmer im Mai und Juni 2026.

Cima-Studienautor Roland Wölfel wertet das als Hinweis darauf, dass Investitionen, Innenstadtprogramme und lokale Initiativen der vergangenen Jahre zunehmend Wirkung entfalten.

Das ist bemerkenswert, weil die Rahmenbedingungen für viele Stadtzentren keineswegs einfacher geworden sind.

Denn gleichzeitig verschwinden weiter Tausende Läden

Der deutsche Einzelhandel steckt weiterhin mitten im Strukturwandel.

Der HDE erwartet für 2026 netto rund 4.900 Geschäftsschließungen. Damit würde die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte bis Jahresende auf etwa 296.600 sinken. Vor zehn Jahren waren es noch 366.800. Inzwischen verschwinden damit seit Jahren jeweils mehrere Tausend Geschäfte aus dem Markt; besonders drastisch waren die Verluste während der Corona-Jahre.

Auch der Onlinehandel wächst weiter. 2025 stieg sein Umsatz nach Angaben des HDE um 3,9 Prozent auf 92,3 Milliarden Euro netto. Der Onlineanteil am Einzelhandel erhöhte sich leicht auf 13,5 Prozent.

Die neue Zuversicht gegenüber Innenstädten bedeutet deshalb nicht, dass der stationäre Handel seinen jahrzehntelangen Strukturwandel plötzlich hinter sich gelassen hätte.

Im Gegenteil: Die Menschen kommen offenbar wieder lieber in die Stadt, obwohl das klassische Geschäftsangebot vielerorts kleiner wird.

Gerade darin steckt die interessanteste Botschaft der Studie.

Shopping bleibt wichtig – aber es reicht nicht mehr allein

Einkaufen bleibt der häufigste Grund für einen Innenstadtbesuch. Auch Restaurants und Cafés spielen eine große Rolle. Fitness, Sport und kulturelle Angebote folgen dahinter.

Das entspricht bereits der umfangreichen Cima-Innenstadtstudie von 2024. Damals nannten 70,8 Prozent Shopping und Einkaufen als Grund für regelmäßige Innenstadtbesuche. Gastronomie und Cafés kamen auf 58,3 Prozent, Arztpraxen und andere Gesundheitsdienstleistungen auf 51,6 Prozent.

Die Bedeutung des Einzelhandels bleibt damit hoch.

Aber die Stadtmitte wird zunehmend anders genutzt als die klassische Fußgängerzone früherer Jahrzehnte: nicht nur zum Kaufen, sondern zum Essen, Treffen, Erledigen, Wohnen, Arbeiten, für Veranstaltungen, Gesundheit und Freizeit.

Die aktuelle Umfrage bestätigt diesen Wandel. Die Befragten wünschen sich unter anderem mehr Angebote für Kinder und Jugendliche sowie eine bessere ärztliche und gesundheitliche Versorgung in den Innenstädten.

Aus einem Einkaufsort wird damit stärker ein Lebensort.

Die erfolgreichere Innenstadt ist multifunktional

Diese Entwicklung ist für Stadtplaner keineswegs neu. Sie bekommt durch die aktuelle Befragung aber zusätzlichen Rückenwind.

Auch das Institut für Handelsforschung Köln untersucht bei seiner laufenden Studie »Vitale Innenstädte 2026«, warum Menschen überhaupt noch in die Stadtzentren kommen und welche Barrieren sie vom Besuch abhalten. Schon die Vorabinformationen zeigen: Nur etwa jeder fünfte Bundesbürger bezeichnet sich als echten Innenstadtfan, weitere 40 Prozent könnten es nach Einschätzung des Instituts werden – vorausgesetzt, Aufenthaltsqualität, Angebot und Zugänglichkeit stimmen.

Auch andere Untersuchungen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eine PwC-Studie unter Berufstätigen in zwölf deutschen Großstädten zeigte beispielsweise, dass vier von zehn Befragten mehr Wochen- und Erlebnismärkte wünschen. Fast ebenso viele möchten mehr kleine unabhängige Geschäfte sowie mehr Grünflächen und Parks. Rund ein Viertel wünscht sich zusätzliche Cafés und Bistros oder mehr Geschäfte mit lokalen und nachhaltigen Produkten.

Der Wunsch lautet also nicht schlicht: mehr Verkaufsfläche.

Er lautet: mehr Gründe, überhaupt hinzugehen.

Leerstand ist mehr als ein wirtschaftliches Problem

Dass Geschäfte dennoch eine besondere Rolle behalten, zeigt sich an einem anderen Faktor: dem Sicherheitsgefühl.

Im HDE-Standortmonitor 2026 gaben 78 Prozent der Befragten an, sich in ihrer am häufigsten besuchten Innenstadt grundsätzlich sicher zu fühlen. Einzelhandelsgeschäfte selbst wurden sogar von 90 Prozent als sichere Orte wahrgenommen. 88 Prozent sagten, belebte Geschäfte machten auch das Umfeld sicherer.

Das Gegenbild sind Leerstände.

73 Prozent empfinden leerstehende Geschäfte als Minderung ihres Sicherheitsgefühls. 68 Prozent bewerten diesen Einfluss sogar als stark oder sehr stark negativ. Ein ungepflegtes Stadtbild mit Vandalismus oder Graffiti beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl von 82 Prozent der Befragten.

Damit entsteht ein Kreislauf.

Wo Geschäfte verschwinden, sinkt die Frequenz. Wo weniger Menschen unterwegs sind, kann das subjektive Sicherheitsgefühl leiden. Wer sich unwohl fühlt, bleibt kürzer oder kommt seltener. Für verbleibende Händler und Gastronomie wird der Standort damit wiederum schwieriger.

Umgekehrt können belebte Erdgeschosse, Gastronomie, Veranstaltungen und andere Nutzungen genau diesen Kreislauf durchbrechen.

Auch Hitze entscheidet inzwischen über Besucherzahlen

Zur Attraktivität gehört inzwischen noch ein Faktor, der in früheren Innenstadtdebatten kaum eine Rolle spielte: das Klima.

Der HDE fordert inzwischen ausdrücklich mehr Bäume, Grünflächen, Schatten und Wasser in Stadtzentren. Nach Beobachtung des Verbands gehen die Besucherzahlen während Hitzeperioden zurück, wenn Innenstädte kaum Schutz vor hohen Temperaturen bieten.

Das verändert auch die wirtschaftliche Betrachtung von Stadtgrün.

Ein Baum, eine beschattete Bank oder ein Brunnen sind dann nicht nur Gestaltungselemente. Sie verlängern potenziell die Aufenthaltsdauer – und damit die Zeit, in der Menschen Restaurants, Cafés und Geschäfte nutzen.

Stadtentwicklung und Einzelhandel lassen sich deshalb immer schwerer voneinander trennen.

Der Handel bleibt Anker – aber nicht mehr Alleinunterhalter

Das vielleicht wichtigste Ergebnis der neuen Befragung liegt deshalb zwischen zwei scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen.

Auf der einen Seite schrumpft das klassische Einzelhandelsnetz weiter. Auf der anderen Seite nimmt die Bereitschaft zu, Innenstädte zu besuchen. Das spricht gegen die Vorstellung, dass das Schicksal der Stadtzentren allein an der Zahl der vorhandenen Geschäfte hängt.

Es spricht aber ebenso gegen die gegenteilige Vorstellung, Innenstädte könnten problemlos ohne Handel funktionieren.

Einkaufen bleibt der häufigste Anlass für einen Besuch. Geschäfte sorgen für Licht, Frequenz und soziale Kontrolle. Gleichzeitig wünschen sich die Menschen mehr Gastronomie, Gesundheit, Angebote für Familien, Veranstaltungen und Aufenthaltsqualität.

Die Innenstadt der Zukunft dürfte deshalb weder das alte Warenhausviertel noch ein großer Freizeitpark sein.

Ihre Stärke liegt wahrscheinlich in der Mischung.

Stefanie S. Klief

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