Auf den ersten Blick sieht Deutschlands Arbeitsmarkt Ende August weiterhin düster aus. 3,061 Millionen Menschen sind arbeitslos, die Zahl der Erwerbstätigen liegt deutlich unter dem Vorjahresniveau und selbst die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geht zurück. Gleichzeitig tauchen in den jüngsten Daten mehrere Signale auf, die zumindest eine Veränderung der Richtung andeuten: Unternehmen planen weniger Stellenabbau, die Nachfrage nach Arbeitskräften hat sich etwas verbessert und selbst in der Industrie lässt der Abwärtstrend nach. Noch ist das keine Erholung. Doch erstmals seit Längerem besteht die Hoffnung, dass aus immer schlechteren Zahlen zunächst nur noch schlechte werden.
Mehr als drei Millionen Arbeitslose – aber der Anstieg wird kleiner
Im August stieg die Zahl der Arbeitslosen um 54.000 auf 3,061 Millionen. Die Quote erhöhte sich um 0,1 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent. Ein großer Teil dieses Anstiegs ist saisonal üblich: In der Ferienzeit enden Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse, während Neueinstellungen häufig erst später beginnen.
Saisonbereinigt fiel die Verschlechterung entsprechend wesentlich geringer aus. Gegenüber Juli kamen lediglich 4.000 Arbeitslose hinzu. Im Vergleich zum August 2025 sind 36.000 Menschen mehr arbeitslos gemeldet.
Das ist weiterhin eine negative Entwicklung. Der Abstand zum Vorjahr ist jedoch erheblich kleiner als noch vor einem Jahr: Im August 2025 hatte die Arbeitslosigkeit um 153.000 über dem Vorjahreswert gelegen. Damals war erstmals seit 2015 wieder die Marke von drei Millionen überschritten worden.
Von einer Entwarnung kann trotzdem keine Rede sein.
Die Beschäftigung selbst schrumpft weiter
Der vielleicht wichtigere Indikator liegt hinter der Arbeitslosenzahl.
Im Juli waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 45,48 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig. Das waren 223.000 beziehungsweise 0,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Rückgang hält bereits seit Anfang 2025 an.
Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag im Juni mit 34,81 Millionen Menschen um 73.000 unter dem Vorjahreswert. Die Zahl ausschließlich oder zusätzlich geringfügig Beschäftigter ging ebenfalls zurück.
Im zweiten Quartal zeigte sich die Schwäche inzwischen sogar dort, wo der Arbeitsmarkt lange besonders stabil gewesen war: Erstmals seit der Corona-Krise sank die Erwerbstätigkeit auch in den Dienstleistungsbereichen. Im Verarbeitenden Gewerbe und am Bau läuft der Beschäftigungsabbau bereits länger.
Der Arbeitsmarkt hat also nicht nur ein statistisches Problem durch saisonale Arbeitslosigkeit. Deutschland beschäftigt tatsächlich weniger Menschen.
Unternehmen planen erstmals wieder etwas weniger Abbau
Ausgerechnet bei den Unternehmen zeigt sich nun jedoch das deutlichste Signal einer möglichen Stabilisierung.
Das ifo-Beschäftigungsbarometer stieg im August von 93,0 auf 94,8 Punkte. Damit erreichte es den höchsten Stand seit Mai 2025. Rund 9.500 Unternehmen melden dem Institut monatlich, wie sich ihre Beschäftigung in den kommenden drei Monaten entwickeln soll.
Noch liegt der Indikator in einem Bereich, in dem unter dem Strich Stellenabbau geplant wird. Doch die Richtung hat sich verändert.
Besonders bemerkenswert ist die Industrie. Dort erreichte das Beschäftigungsbarometer den höchsten Stand seit März 2024. Die Mehrzahl der Branchen plant zwar weiterhin mit weniger Personal, der Abbau verliert jedoch an Dynamik. Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen wollen ihre Beschäftigung sogar ausweiten. Gleiches gilt für die Nahrungsmittelindustrie.
Bei den Dienstleistungen halten sich Einstellungs- und Abbaupläne inzwischen die Waage. Auch im Bau soll die Beschäftigung insgesamt stabil bleiben. Im Groß- und Einzelhandel überwiegen dagegen weiterhin Stellenstreichungen.
Das ifo Institut spricht deshalb bewusst nur von einer »leichten Aufwärtsbewegung«. Insgesamt würden weiterhin Arbeitsplätze abgebaut.
Auch bei den offenen Stellen gibt es Bewegung
Ein zweites Signal kommt von der Bundesagentur für Arbeit.
Im August waren dort 656.000 offene Stellen gemeldet – 25.000 mehr als ein Jahr zuvor. Der BA-X, mit dem die Bundesagentur die Nachfrage nach Arbeitskräften misst, blieb gegenüber Juli bei 103 Punkten, liegt aber vier Punkte höher als im August 2025.
Das bedeutet noch keinen Einstellungsboom. Bei der BA wird nur ein Teil aller offenen Stellen gemeldet, und der Indikator liegt weit unter den Hochständen der Jahre mit extremem Fachkräftemangel.
Doch nach einer langen Phase sinkender Nachfrage ist bereits die Stabilisierung relevant.
Wie unterschiedlich die Lage je nach Qualifikation ausfällt, zeigen regionale Zahlen aus Nordrhein-Westfalen: Dort waren im August mehr als 101.000 Stellen für Fachkräfte mit dualer Ausbildung gemeldet, aber nur knapp 25.000 für Menschen ohne formale Qualifikation. Gleichzeitig waren fast 438.000 Menschen ohne abgeschlossene Qualifikation arbeitslos gemeldet.
Deutschlands Arbeitsmarkt leidet damit weiterhin unter einem scheinbaren Widerspruch: Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel können gleichzeitig steigen, weil vorhandene Qualifikationen und gesuchte Arbeitskräfte nicht ausreichend zusammenpassen.
Das IAB bleibt deutlich vorsichtiger
Ein weiterer Frühindikator verhindert allerdings, aus den besseren ifo-Zahlen bereits eine Trendwende abzuleiten.
Das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verharrt im August bei 99,5 Punkten und damit knapp unter der neutralen Marke von 100. Seit Jahresbeginn bewegt es sich nahezu auf diesem Niveau.
Noch ungünstiger sieht die Beschäftigungskomponente aus. Sie sank im August nochmals leicht auf 99,4 Punkte. Für die Arbeitslosigkeit erwartet das IAB ebenfalls keine schnelle Verbesserung.
Arbeitsmarktforscher Enzo Weber fasst die Lage entsprechend nüchtern zusammen: Die Konjunktur habe sich zwar gefestigt, am Arbeitsmarkt reiche das bislang aber nur, um eine weitere deutliche Verschlechterung zu verhindern.
Das klingt ernüchternd. Es beschreibt aber zugleich den möglichen Übergang, den auch das ifo-Barometer erkennen lässt.
Ein Abschwung endet schließlich nicht damit, dass Beschäftigung plötzlich kräftig wächst. Zunächst hören Unternehmen auf, ihre Pläne immer weiter nach unten zu korrigieren. Dann stabilisiert sich die Nachfrage. Erst später folgen Neueinstellungen.
Aus weniger Pessimismus muss noch Wachstum werden
Dazu passt, dass sich zuletzt auch andere Konjunkturindikatoren aufgehellt haben.
Besonders deutlich sind die Exporterwartungen der Industrie gestiegen. Im August sprang der entsprechende ifo-Indikator von minus 2,8 auf plus 9,6 Punkte – auf den höchsten Wert seit Februar 2022. Vor allem das Geschäft mit den europäischen Nachbarn entwickelte sich besser.
Auch das Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal 2026 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das reicht bei Weitem nicht für einen kräftigen Beschäftigungsaufbau, deutet aber darauf hin, dass sich die Wirtschaft zumindest aus der vorherigen Stagnation lösen könnte.
Für den Arbeitsmarkt ist das entscheidend.
Unternehmen stellen normalerweise nicht ein, weil sich die Stimmung verbessert. Sie stellen ein, wenn Aufträge steigen, Kapazitäten ausgelastet sind und sie erwarten können, dass zusätzliches Personal tatsächlich gebraucht wird.
Genau dieser zweite Schritt fehlt bislang.
Noch keine Wende – aber möglicherweise der Anfang davon
Die Augustzahlen erzählen deshalb zwei Geschichten gleichzeitig.
Die erste ist weiterhin unangenehm: Deutschland hat mehr als drei Millionen Arbeitslose, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, und viele Unternehmen bauen noch immer Personal ab.
Die zweite ist vorsichtiger, aber neu: Der Stellenabbau verliert an Geschwindigkeit. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist nicht mehr so schwach wie zuvor. Und bei den Personalplänen der Unternehmen ist der Pessimismus deutlich zurückgegangen.
Eine Trendwende lässt sich daraus noch nicht ableiten.
Aber ein Arbeitsmarkt muss aufhören, schlechter zu werden, bevor er wieder besser werden kann.
Im August könnte Deutschland zumindest diesem ersten Schritt näher gekommen sein.
Stefanie S. Klief