Kanada und die USA verbindet eine der engsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt. Produktionsketten verlaufen über die Grenze, Unternehmen kaufen Vorprodukte beim Nachbarn und ein großer Teil der kanadischen Exporte landet auf dem US-Markt. Nun verhängen die Vereinigten Staaten neue Zölle von 50 Prozent auf ausgewählte kanadische Waren. Kanada antwortet ab dem 8. September mit Gegenmaßnahmen. Für Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze bedeutet die Eskalation mehr als zusätzliche Zollkosten. Ein jahrzehntelang verlässliches Geschäftsmodell wird zum Risiko – und Kanada versucht bereits, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA zu verringern.
Kanada antwortet Dollar für Dollar
Die Verhandlungen waren kurz vor dem Wochenende gescheitert.
Die USA setzen zusätzliche Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Umfang von rund 28 Milliarden kanadischen Dollar in Kraft – umgerechnet etwa 20 Milliarden US-Dollar. Die Maßnahmen betreffen unter anderem Produkte aus den Bereichen Getränke, Milchprodukte, Möbel und Hockeyausrüstung. Washington stützt die neuen Abgaben auf Section 338 des Tariff Act von 1930.
Kanadas Premierminister Mark Carney kündigte daraufhin an, die amerikanischen Maßnahmen »Dollar für Dollar« zu erwidern.
Die neuen kanadischen Zölle sollen am 8. September in Kraft treten und sich auf Bereiche wie Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Maschinen, Zellstoff und Papier sowie Elektronik konzentrieren. Die vollständige Produktliste und die konkrete Ausgestaltung will die Regierung noch veröffentlichen.
Damit ist bereits eine wichtige Einschränkung verbunden: Noch lässt sich nicht für jedes Unternehmen berechnen, welche Ware künftig mit welchem zusätzlichen Zoll belastet wird. Die Richtung steht allerdings fest.
Der Konflikt erreicht zunehmend Branchen, in denen Waren nicht einfach konsumiert, sondern als Vorprodukte weiterverarbeitet werden.
Ein Zoll auf Maschinen trifft nicht nur den Maschinenbauer
Für Unternehmen beginnt die Rechnung deshalb nicht erst beim Verkaufspreis.
Ein kanadischer Hersteller, der amerikanische Elektronik oder Maschinenkomponenten importiert, kann durch die Gegenzölle höhere Einkaufskosten bekommen. Ein US-Unternehmen verliert möglicherweise einen bislang profitablen Absatzmarkt. Wer grenzüberschreitend produziert, muss prüfen, wie häufig ein Bauteil die Grenze passiert und an welcher Stelle zusätzliche Kosten entstehen.
Zölle können heimische Produzenten vor ausländischer Konkurrenz schützen. Sie können aber ebenso Unternehmen belasten, die auf importierte Vorprodukte angewiesen sind.
Kanada kennt dieses Problem bereits aus früheren Gegenmaßnahmen. Für bestimmte US-Importe existieren deshalb Ausnahmen beziehungsweise Möglichkeiten zur Zollbefreiung, etwa wenn benötigte Vorprodukte in Kanada nicht oder nicht in ausreichender Menge verfügbar sind.
Das zeigt das grundsätzliche Dilemma einer Vergeltungsstrategie. Ein Staat will den Handelspartner treffen, ohne die eigenen Unternehmen gleich mitzutreffen. Je stärker Lieferketten miteinander verflochten sind, desto schwieriger wird diese Trennung.
Die alte Sicherheit ist verschwunden
Carney formulierte nach dem Scheitern der Gespräche einen Satz, der für Unternehmen fast wichtiger ist als die einzelnen Zollpositionen. Kanada könne nicht mehr davon ausgehen, zur früheren Beziehung mit den Vereinigten Staaten zurückzukehren.
Über Jahrzehnte war der amerikanische Markt für kanadische Unternehmen nicht nur groß, sondern außergewöhnlich bequem erreichbar. Die geografische Nähe, gemeinsame Handelsregeln und weitgehend offene Grenzen machten es möglich, Produktion und Absatz eng miteinander zu verzahnen.
Noch 2024 gingen 75,9 Prozent aller kanadischen Warenexporte in die USA. 2025 waren es nur noch 71,7 Prozent. Das ist immer noch eine enorme Abhängigkeit. Aber die Bewegung dahinter ist bemerkenswert.
Während die kanadischen Exporte in die USA 2025 um 5,8 Prozent zurückgingen, stiegen die Ausfuhren in andere Länder um 17,2 Prozent. Der Warenhandel mit Nicht-US-Staaten nahm insgesamt um 14,3 Prozent zu.
Der Handelsstreit verändert also nicht erst künftig die Unternehmensstrategien. Ein Teil der Verschiebung ist bereits sichtbar.
Diversifizierung wird vom Schlagwort zur Geschäftsstrategie
Für Unternehmen lässt sich daraus eine nüchterne Lehre ableiten. Wer einen Großteil seines Umsatzes mit einem einzigen Kunden macht, besitzt ein Klumpenrisiko. Volkswirtschaften unterscheiden sich davon nur in der Größenordnung.
Kanadas Nähe zum größten Binnenmarkt der Welt war jahrzehntelang ein Wettbewerbsvorteil. Unternehmen konnten ihre Produktionsstandorte, Lieferketten und Investitionsentscheidungen auf vergleichsweise stabilen Zugang zu den USA ausrichten. Ändert Washington die Regeln, wird derselbe Vorteil zur Verwundbarkeit.
Carneys Regierung reagiert deshalb nicht ausschließlich mit Gegenzöllen. Sie verfolgt parallel eine wesentlich langfristigere Strategie: mehr Handel innerhalb Kanadas, neue Absatzmärkte außerhalb Nordamerikas und eine größere Zahl internationaler Handelsabkommen.
Aus unternehmerischer Sicht geht es um Resilienz. Ein zweiter Lieferant kann teurer sein als der erste. Ein zusätzlicher Absatzmarkt verursacht Vertriebskosten. Mehrere Produktionsstandorte sind komplizierter als einer. Doch Redundanz besitzt einen Wert, sobald politische Risiken in die Kalkulation einfließen.
Europa wird für Kanada interessanter
Hier bekommt der Konflikt auch für deutsche Unternehmen Bedeutung.
Die Europäische Union ist bereits Kanadas zweitgrößter Handelspartner. Seit der vorläufigen Anwendung des Freihandelsabkommens CETA im Jahr 2017 ist der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen stark gewachsen.
2025 erreichte er rund 130 Milliarden Euro – 80 Prozent mehr als 2016. Die Warenexporte der EU nach Kanada stiegen in diesem Zeitraum von 29,6 auf 48,8 Milliarden Euro. CETA hat inzwischen 99 Prozent der Zolltariflinien zwischen beiden Wirtschaftsräumen beseitigt.
Für europäische Unternehmen besteht damit bereits eine Infrastruktur, auf die Kanada bei seiner Diversifizierungsstrategie zurückgreifen kann. Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle.
2025 erreichte der Warenhandel zwischen Kanada und Deutschland nach kanadischen Angaben 34,3 Milliarden kanadische Dollar. Deutschland war damit Kanadas größter Handelspartner innerhalb der EU. Kanadische Importe aus Deutschland beliefen sich auf 25,1 Milliarden kanadische Dollar.
Für deutsche Maschinenbauer, Industrieausrüster, Technologieunternehmen oder Anbieter von Komponenten bedeutet der amerikanisch-kanadische Zollstreit deshalb nicht automatisch einen Absatzboom. Aber er verändert die Ausgangslage. Wenn kanadische Unternehmen amerikanische Lieferketten reduzieren wollen oder müssen, werden alternative Anbieter interessanter.
Der günstigste Lieferant ist nicht mehr automatisch der beste
Damit verändert sich auch eine lange etablierte Managementlogik. Globalisierung wurde über Jahrzehnte vor allem unter Effizienzgesichtspunkten optimiert: Wo ist die Produktion am günstigsten? Welcher Lieferant bietet den besten Preis? Wie lässt sich Lagerhaltung reduzieren? Geopolitische Risiken verändern diese Rechnung.
Ein Lieferant kann heute wirtschaftlich attraktiv sein und morgen mit einem Zoll von 50 Prozent belegt werden. Ein Absatzmarkt kann jahrzehntelang offen sein und innerhalb weniger Monate neue Zugangshürden bekommen. Ein Handelsabkommen kann bestehen bleiben, während einzelne Produkte trotzdem mit neuen Abgaben konfrontiert werden.
Unternehmen müssen deshalb zunehmend neben Preis, Qualität und Lieferzeit eine weitere Variable berücksichtigen: politische Berechenbarkeit. Sie lässt sich schwieriger in Excel-Tabellen eintragen. Ihre Kosten werden sichtbar, sobald sie fehlt.
Auch Kanada zahlt für seine Antwort
Dabei sollte die kanadische Reaktion nicht romantisiert werden.
Carney räumt selbst ein, dass die Gegenzölle Preise erhöhen und die Auswahl für kanadische Verbraucher und Unternehmen verringern werden. Auch amerikanische Firmen und Bundesstaaten würden getroffen, obwohl sie den Konflikt nicht verursacht hätten. Vergeltungszölle erzeugen keinen Wohlstand. Sie verteilen Belastungen und sollen politischen Druck erzeugen.
Für einzelne kanadische Unternehmen kann die Antwort der eigenen Regierung daher ebenso unangenehm werden wie die ursprüngliche Maßnahme Washingtons.
Die Regierung hat für vom Zollkonflikt betroffene Beschäftigte und Unternehmen inzwischen Unterstützungsmaßnahmen von insgesamt fast 25 Milliarden kanadischen Dollar bereitgestellt beziehungsweise angekündigt. Dazu gehören Finanzierungen für große Arbeitgeber, Hilfen für kleinere und mittlere Unternehmen sowie Unterstützung beim Umbau von Lieferketten und beim Erschließen internationaler Märkte. Schon diese Summe zeigt, wie weit der Konflikt über symbolische Handelspolitik hinausgeht.
Aus Effizienz wird Risikomanagement
Der Streit zwischen Kanada und den USA dürfte nicht darüber entscheiden, ob internationaler Handel endet. Er zeigt vielmehr, wie sich seine Logik verändert.
Unternehmen werden weiterhin dort einkaufen und verkaufen, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist. Aber der billigste Lieferant oder größte Absatzmarkt besitzt nicht mehr automatisch den höchsten strategischen Wert.
Berechenbarkeit, alternative Bezugsquellen und der Zugang zu mehreren Märkten werden zu eigenen Vermögenswerten. Kanada erlebt diesen Lernprozess derzeit besonders drastisch.
Sein wichtigster Handelspartner verschwindet nicht. Auch künftig werden die USA mit Abstand der wichtigste Markt für kanadische Unternehmen bleiben. Doch Ottawa arbeitet inzwischen offen daran, dass diese Abhängigkeit kleiner wird.
Für Unternehmen liegt darin eine Botschaft, die weit über Nordamerika hinausreicht: Die effiziente Lieferkette war lange die beste Lieferkette. In einer politisch volatileren Welt könnte es zunehmend diejenige sein, die einen Ausfall verkraftet.
Stefanie S. Klief