Angelina Jolie und Pietro Lombardi: Zwei prominente Gesundheitsgeschichten, zwei unterschiedliche Wirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung.
Von Stefanie S. Klief
Eine US-Studie ermittelte nach Angelina Jolies öffentlicher Erklärung zusätzliche Gesundheitsausgaben von 13,5 Millionen Dollar in nur 15 Werktagen. Kann öffentliche Verunsicherung auch den gegenteiligen Effekt auslösen? Dies wird als Angelina-Jolie-Effekt bezeichnet. Eine einzige öffentliche Erklärung kann ausreichen, um die Nachfrage nach medizinischen Leistungen erheblich zu verändern.
Die aktuellen Sehprobleme von Pietro Lombardi werfen nun die gegenteilige Frage auf: Was geschieht mit einem etablierten Milliardenmarkt, wenn ein prominenter Fall nicht Hoffnung, sondern Unsicherheit auslöst? Für Kliniken, Medizintechnikhersteller und Investoren geht es dabei um einen wirtschaftlichen Faktor, der sich kaum zuverlässig kalkulieren lässt.
Angelina Jolie und 13,5 Millionen Dollar zusätzliche Ausgaben
Als Angelina Jolie im Mai 2013 öffentlich machte, dass sie sich nach einem positiven Gentest vorsorglich beide Brüste hatte entfernen lassen, löste ihre Entscheidung weltweit eine intensive Debatte aus. Die Schauspielerin hatte eine erbliche Mutation des BRCA1-Gens festgestellt bekommen, die mit einem deutlich erhöhten Risiko für Brust- und Eierstockkrebs verbunden ist.
Ihre öffentliche Erklärung hatte messbare Auswirkungen auf die Nachfrage nach genetischen Untersuchungen.
Wissenschaftler der Harvard Medical School und weiterer Forschungseinrichtungen untersuchten später die Abrechnungsdaten von mehr als 9,5 Millionen privat krankenversicherten Frauen in den Vereinigten Staaten.
Das Ergebnis: In den ersten 15 Werktagen nach Jolies Veröffentlichung stieg die tägliche Rate der BRCA-Gentests gegenüber der Vorperiode deutlich. Nach Bereinigung um die Entwicklung im Vergleichszeitraum des Vorjahres ergab sich ein Anstieg um 64 Prozent.
Die Forscher schätzten, dass allein in diesem kurzen Zeitraum landesweit rund 4.500 zusätzliche Gentests bei privat versicherten Frauen durchgeführt wurden. Die dadurch verursachten zusätzlichen Gesundheitsausgaben bezifferten sie auf 13,5 Millionen Dollar.
Die Ergebnisse erschienen 2016 im renommierten British Medical Journal.
Sie gelten als ein besonders anschaulicher wissenschaftlicher Beleg dafür, dass prominente Gesundheitsberichte nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern tatsächliche Entscheidungen und damit wirtschaftliche Nachfrage beeinflussen können.
Allerdings zeigte die Untersuchung auch Grenzen dieses Effekts. Obwohl mehr Frauen Gentests durchführen ließen, stieg die Gesamtzahl der Brustentfernungen nicht entsprechend. Unter den getesteten Frauen sank sogar der Anteil jener, die innerhalb von 60 Tagen eine Mastektomie erhielten.
Eine mögliche Erklärung der Forscher: Die öffentliche Aufmerksamkeit erreichte verstärkt Frauen, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer entsprechenden Genmutation geringer war.
Mehr Nachfrage bedeutete also nicht automatisch mehr medizinisch notwendige Behandlungen.
Wenn öffentliche Aufmerksamkeit Entscheidungen verändert
Der sogenannte Angelina-Jolie-Effekt ist kein Einzelfall.
Bereits im Jahr 2000 ließ die amerikanische Fernsehmoderatorin Katie Couric im Rahmen einer Aufklärungskampagne eine Darmspiegelung durchführen und berichtete öffentlich darüber. Eine 2003 veröffentlichte Studie dokumentierte anschließend einen deutlichen Anstieg entsprechender Untersuchungen.
In einer der untersuchten Datenbanken erhöhte sich die durchschnittliche Zahl der Darmspiegelungen pro Arzt und Monat von 15,0 auf 18,1. Die Forscher berücksichtigten dabei auch die allgemeine Entwicklung der Untersuchungszahlen.
Die beiden Beispiele zeigen, dass prominente Persönlichkeiten die Wahrnehmung medizinischer Leistungen verändern können. Ihre persönlichen Erfahrungen erreichen Menschen, die sich zuvor möglicherweise kaum mit einer bestimmten Untersuchung beschäftigt hatten.
Die öffentliche Darstellung macht ein abstraktes medizinisches Thema plötzlich konkret. Ein bekanntes Gesicht schafft Aufmerksamkeit und erleichtert es vielen Menschen, sich mit einer gesundheitlichen Entscheidung auseinanderzusetzen.
Ökonomisch betrachtet kann dadurch zusätzliche Nachfrage entstehen, ohne dass sich an der medizinischen Technologie selbst etwas verändert hat.
Ein solcher Effekt muss allerdings nicht immer positiv ausfallen.
Wenn Berichte über erfolgreiche Behandlungen Vertrauen stärken können, liegt die Frage nahe, ob Berichte über mögliche Komplikationen die Nachfrage umgekehrt bremsen.
Dass beide Wirkungen spiegelbildlich gleich stark ausfallen, ist wissenschaftlich jedoch nicht belegt. Die Beispiele Jolie und Couric lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf negative Gesundheitsnachrichten übertragen. Diese Unsicherheit macht die aktuelle Entwicklung für Unternehmen interessant.
Pietro Lombardi und die Frage nach möglichen Spätfolgen
Am 16. Oktober 2026 wurde bekannt, dass Sänger Pietro Lombardi unter erheblichen Sehproblemen leidet. Nach eigenen Angaben beträgt die Sehschärfe seines rechten Auges nur noch 40 Prozent. Ein Augenarzt habe zudem eine stark ausgedünnte Hornhaut festgestellt.
Im gemeinsamen Podcast mit Oliver Pocher berichtete der 34-Jährige, dass er sich vor rund zwei Jahren die Augen hatte lasern lassen. Zunächst habe er nach dem Eingriff klar sehen können. Die Beschwerden seien erst später aufgetreten.
Ob zwischen der damaligen Operation und der aktuellen Veränderung seiner Hornhaut tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang besteht, ist bislang nicht geklärt. Das genaue Operationsverfahren ist öffentlich nicht bekannt. Auch eine abschließende medizinische Diagnose liegt nicht vor.
Dennoch könnte die Meldung wirtschaftliche Bedeutung erhalten. Denn anders als eine medizinisch notwendige Operation ist die Korrektur einer gewöhnlichen Fehlsichtigkeit durch einen Lasereingriff überwiegend eine frei gewählte Leistung.
Patienten können sich dafür entscheiden, sie können aber ebenso bei Brille oder Kontaktlinsen bleiben. Zudem lässt sich der Zeitpunkt einer geplanten Operation meist ohne unmittelbare gesundheitliche Nachteile verschieben.
Für die Anbieter entsteht daraus eine besondere wirtschaftliche Verwundbarkeit.
Warum freiwillige Gesundheitsleistungen empfindlich reagieren können
Augenlaseroperationen werden in Deutschland häufig privat bezahlt. Je nach Verfahren und Anbieter können für beide Augen mehrere Tausend Euro anfallen.
Die Entscheidung ist deshalb nicht allein medizinischer Natur. Patienten müssen den erwarteten Nutzen gegen Kosten, mögliche Nebenwirkungen und individuelle Risiken abwägen.
Wer bereits einen Behandlungstermin vereinbart hat und anschließend von einem prominenten Fall mit ungeklärten Sehproblemen erfährt, könnte zusätzliche Informationen verlangen oder die Entscheidung vorerst zurückstellen.
Das muss keineswegs geschehen. Eine erfolgreiche Behandlung im eigenen Umfeld kann ebenso das Vertrauen stärken wie eine negative Nachricht Verunsicherung auslösen kann. Doch gerade weil der Eingriff normalerweise nicht dringend erforderlich ist, müssen potenzielle Patienten ihre Bedenken nicht sofort überwinden.
Für eine Augenlaserklinik kann bereits die Verschiebung einiger Termine wirtschaftlich spürbar sein.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel zeigt die Größenordnung: Führt ein Zentrum monatlich 100 Behandlungen mit durchschnittlich 2.000 Euro Umsatz durch, entspricht dies 200.000 Euro Monatsumsatz. Werden zehn Eingriffe weniger vorgenommen, fehlen zunächst 20.000 Euro.
Das ist eine hypothetische Modellrechnung und keine Aussage über die tatsächlichen Behandlungszahlen oder Preise einer bestimmten Klinik. Verschobene Operationen können später nachgeholt werden.
Die laufenden Kosten für Personal, Räume, Wartung und medizinische Geräte bestehen jedoch unabhängig davon, wie viele Patienten sich in einem bestimmten Monat behandeln lassen. Deshalb kann ein vorübergehender Rückgang der Auslastung die Rentabilität belasten, selbst wenn die langfristige Nachfrage weitgehend stabil bleibt.
Warum große Medizintechnikkonzerne anders betroffen wären
Die wirtschaftlichen Folgen einer möglichen Vertrauenskrise würden nicht sämtliche Unternehmen gleichermaßen treffen.
Während Augenlaserkliniken unmittelbar von der Zahl der durchgeführten Behandlungen abhängen, verdienen Hersteller medizinischer Geräte an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette.
Zu den international tätigen Anbietern gehören Carl Zeiss Meditec, Alcon, Johnson & Johnson, Ziemer und weitere Unternehmen. Sie entwickeln und vertreiben Lasersysteme, Diagnosegeräte, Software und behandlungsabhängige Materialien.
Bei einem kurzfristigen Rückgang der Behandlungszahlen könnten Kliniken zunächst geringere Mengen entsprechender Verbrauchs- oder Behandlungsmaterialien benötigen.
Größere Geräteinvestitionen reagieren dagegen möglicherweise erst mit Verzögerung. Eine Klinik wird den Kauf eines neuen Lasersystems nicht zwangsläufig wegen einer vorübergehend schwächeren Nachfrage absagen. Hält die Unsicherheit länger an, können Erweiterungspläne jedoch aufgeschoben werden.
Auch für die Hersteller kommt es deshalb auf Dauer und Umfang einer möglichen Veränderung an.
Hinzu kommt, dass große Medizintechnikkonzerne häufig über ein breites Produktportfolio verfügen. Carl Zeiss Meditec ist beispielsweise nicht ausschließlich im Geschäft mit der Korrektur von Fehlsichtigkeiten tätig, sondern bietet unter anderem Technologien für die Kataraktchirurgie, Diagnostik und neurochirurgische Anwendungen an.
Ein Rückgang in einem einzelnen Marktsegment muss daher nicht zwangsläufig den gesamten Konzern in gleichem Maße treffen.
Zeiss spürt bereits eine schwächere Nachfrage
Wie empfindlich selbst etablierte Medizintechnikunternehmen auf Veränderungen der Behandlungszahlen reagieren können, zeigen aktuelle Geschäftsdaten von Carl Zeiss Meditec.
Der börsennotierte Konzern erzielte in den ersten neun Monaten seines Geschäftsjahres 2025/26 einen Umsatz von rund 1,55 Milliarden Euro. Das waren 2,9 Prozent weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Währungsbereinigt blieb der Konzernumsatz stabil. Deutlich stärker ging die Profitabilität zurück. Die bereinigte EBITA-Marge sank von 11,1 auf 8,0 Prozent.
Im Geschäftsbereich Ophthalmology verringerte sich der Umsatz um 4,8 Prozent auf rund 1,19 Milliarden Euro. Das Unternehmen begründete die Entwicklung unter anderem mit Problemen im Geschäft mit Intraokularlinsen in China, negativen Währungseffekten und einer schwächeren Nachfrage nach refraktiven Lasern infolge geringerer Behandlungszahlen. Auch ein zurückhaltenderes Investitionsverhalten bei medizinischen Geräten, insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum, spielte eine Rolle.
Diese Zahlen stammen aus dem Zeitraum vor der aktuellen Nachricht über Pietro Lombardi. Ein Zusammenhang besteht daher nicht.
Sie verdeutlichen jedoch, dass die Nachfrage im Markt für refraktive Chirurgie keineswegs unabhängig von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verläuft. Dabei kann ein Unternehmen technologisch erfolgreich sein und gleichzeitig unter schwächerer Nachfrage in einzelnen Märkten leiden.
Erst am 6. Oktober meldete Zeiss, dass weltweit inzwischen mehr als 15 Millionen Augen mit den eigenen Verfahren SMILE und SMILE pro behandelt worden seien. Zwei Jahre zuvor hatte der Konzern die Marke von zehn Millionen erreicht. Das langfristige Wachstum der Technologie und die kurzfristigen Schwierigkeiten einzelner regionaler Märkte bestehen somit nebeneinander.
Ein Milliardenmarkt, dessen Wachstum nicht garantiert ist
Auch internationale Marktanalysen erwarten grundsätzlich eine weitere Expansion der Augenlaserchirurgie.
Nach einer im September 2026 aktualisierten Prognose von Fortune Business Insights belief sich der weltweite Markt für LASIK-Lasersysteme und entsprechende Medizintechnik 2025 auf rund 884 Millionen Dollar. Für 2026 werden etwa 963 Millionen Dollar erwartet.
Bis 2034 könnte das Marktvolumen nach dieser Schätzung auf rund 1,87 Milliarden Dollar steigen. Die Prognose beschreibt einen abgegrenzten Markt für Lasertechnologie und ist nicht mit den gesamten Behandlungserlösen aller Augenkliniken gleichzusetzen.
Zudem handelt es sich um eine kommerzielle Marktanalyse mit modellierten Zukunftserwartungen, nicht um eine gesicherte Entwicklung.
Für das tatsächliche Wachstum sind verschiedene Faktoren maßgeblich. Dazu gehören die Verbreitung von Fehlsichtigkeiten, die Zahlungsbereitschaft der Patienten, technische Verbesserungen und das Vertrauen in die langfristige Sicherheit der Verfahren. Der Markt besitzt damit Eigenschaften, die sich auch in anderen Bereichen freiwilliger Gesundheitsleistungen finden: Die Technologie kann sich über Jahrzehnte etablieren, ohne dass die Nachfrage vollständig unabhängig von öffentlicher Wahrnehmung wird.
Für Investoren ist deshalb neben der Entwicklung neuer Behandlungsmethoden auch entscheidend, wie zuverlässig Anbieter Risiken kommunizieren und Patienten auswählen.
Was Anleger und Unternehmen beobachten sollten
Ob die Berichterstattung über Pietro Lombardi tatsächlich zu einem messbaren Rückgang der Nachfrage nach Augenlaseroperationen führt, lässt sich derzeit nicht beurteilen.Dafür sind sowohl die Meldung als auch die öffentliche Diskussion noch zu neu.
Der Angelina-Jolie-Effekt belegt jedoch, wie rasch eine prominente Gesundheitsgeschichte zusätzliche Nachfrage auslösen kann. Ob negative Berichte eine vergleichbare Wirkung in entgegengesetzter Richtung entfalten, muss im jeweiligen Markt gesondert untersucht werden. Der Fall Pietro Lombardi liefert dafür einen aktuellen Anlass, aber noch keinen wirtschaftlichen Beweis.
Für Kliniken und Hersteller liegt die Bedeutung solcher Ereignisse deshalb nicht allein in möglichen kurzfristigen Umsatzeinbußen. Sie erinnern daran, dass selbst ein über Jahrzehnte gewachsener und technologisch erfolgreicher Markt von einer Voraussetzung abhängig bleibt, die in keiner Bilanz als eigener Vermögenswert erscheint.
Dem Vertrauen der Patienten.