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Rauchen soll Milliarden bringen – und weniger werden

Warum der Bund mit höheren Tabaksteuern Milliarden einnehmen und gleichzeitig das Rauchen reduzieren will

11 Min.

14.10.2026

Eine Schachtel Zigaretten könnte 2030 durchschnittlich 11,78 Euro kosten – fast vier Euro mehr als heute. Der Finanzausschuss des Bundestages hat den Weg für die geplante Tabaksteuererhöhung freigemacht. Die Bundesregierung will damit Milliarden für den Bundeshaushalt einnehmen und zugleich den Tabakkonsum reduzieren. Doch wie viel Geld tatsächlich in der Staatskasse landet, hängt auch davon ab, wie Raucher auf die höheren Preise reagieren.

Rauchen in Deutschland wird voraussichtlich erheblich teurer. Der Finanzausschuss des Bundestages hat heute einem Gesetzentwurf zugestimmt, der die Tabaksteuer von 2027 bis 2030 in vier Stufen anheben soll. Die abschließende Abstimmung im Bundestag ist für den 15. Oktober vorgesehen.

Der durchschnittliche Preis einer Packung mit 20 Zigaretten könnte von derzeit 8,05 Euro im kommenden Jahr auf 9,10 Euro steigen. Für 2028 werden 9,91 Euro erwartet, für 2029 rund 10,81 Euro. Ab Januar 2030 könnte die Packung durchschnittlich 11,78 Euro kosten. Bekannte Markenzigaretten könnten dann sogar die Marke von 14 Euro erreichen.

Die Zahlen beruhen auf Berechnungen zum verschärften Steuervorhaben der Regierungskoalition. Die tatsächlichen Verkaufspreise bestimmen weiterhin die Hersteller. Eine verbindliche Preisfestsetzung durch den Staat ist nicht vorgesehen.

Die Bundesregierung begründet die Steuererhöhung mit zwei Zielen: Sie soll die Einnahmen des Bundes steigern und zugleich den Tabakkonsum verringern. Gerade dieses Zusammenspiel macht die wirtschaftlichen Folgen der Reform erklärungsbedürftig.

Was die Steuererhöhung für Raucher bedeutet

Die vorgesehenen Preissteigerungen können sich im privaten Haushaltsbudget erheblich bemerkbar machen.

Wer täglich eine Packung mit 20 Zigaretten zum bisherigen Durchschnittspreis von 8,05 Euro kauft, gibt dafür im Jahr rund 2.938 Euro aus. Bei einem durchschnittlichen Packungspreis von 11,78 Euro wären es künftig fast 4.300 Euro.

Das entspricht einer jährlichen Mehrbelastung von rund 1.361 Euro beziehungsweise gut 113 Euro monatlich. Voraussetzung ist, dass der Konsum unverändert bleibt und die angenommenen Durchschnittspreise tatsächlich erreicht werden.

Schon die erste Erhöhungsstufe im Januar 2027 könnte bei einer Packung täglich rund 383 Euro zusätzliche Jahresausgaben verursachen.

Für Menschen mit geringem Einkommen ist eine solche Belastung besonders relevant. Verbrauchsteuern auf Güter des täglichen Konsums berücksichtigen nicht, wie viel Geld einem Haushalt insgesamt zur Verfügung steht. Derselbe Steuerbetrag beansprucht bei einem niedrigen Einkommen einen entsprechend größeren Anteil des Haushaltsbudgets.

Der Vorschlag umfasst allerdings nicht nur industriell hergestellte Zigaretten. Auch Feinschnitt, erhitzter Tabak, Zigarren, Zigarillos, Wasserpfeifentabak und Flüssigkeiten für E-Zigaretten sollen stärker besteuert werden.

Damit werden zugleich Möglichkeiten eingeschränkt, höheren Zigarettenpreisen durch den Wechsel zu bislang günstiger besteuerten Produkten auszuweichen.

Der Bund rechnet mit Milliarden

Die Tabaksteuer ist bereits heute eine bedeutende Einnahmequelle des Bundes.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes flossen 2025 rund 17,6 Milliarden Euro aus dieser Steuer in die Staatskasse. Zum Vergleich: Das gesamte Steueraufkommen von Bund, Ländern und Gemeinden lag im vergangenen Jahr bei knapp 990 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung will diese Einnahmen nun deutlich steigern. Durch den verschärften Vorschlag der Koalition sollen bereits 2027 rund 1,5 Milliarden Euro zusätzlich eingenommen werden. Für 2030 werden jährliche Mehreinnahmen von etwa 4,5 Milliarden Euro erwartet.

Über die vier Jahre von 2027 bis 2030 summieren sich die kalkulierten zusätzlichen Einnahmen nach den dem Finanzausschuss vorgelegten Berechnungen auf rund 11,7 Milliarden Euro.

Diese Größenordnung geht über den ursprünglichen Regierungsentwurf hinaus. Dieser hatte für 2027 zunächst zusätzliche Einnahmen von 756 Millionen Euro und für 2030 von rund 3,6 Milliarden Euro vorgesehen.

Die Regierungskoalition hat die Steuerpläne im weiteren Gesetzgebungsverfahren jedoch verschärft.

Hintergrund sind die angespannten öffentlichen Finanzen. Die Anpassung der Tabaksteuer gehört zu den Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung ihren Haushalt konsolidieren will. Neben Ausgabenkürzungen setzt sie auch auf zusätzliche Einnahmen aus Verbrauchsteuern.

Die prognostizierten Milliarden sind allerdings noch keine gesicherten Steuereinnahmen. Es handelt sich um Modellrechnungen, denen Annahmen über Verkaufsmengen, Preise und das künftige Konsumverhalten zugrunde liegen.

Wenn höhere Preise den Konsum senken

Die Regierung verfolgt gleichzeitig das gesundheitspolitische Ziel, das Rauchen einzudämmen. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie kann der Staat steigende Steuereinnahmen erwarten, wenn die höheren Preise gerade dazu führen sollen, dass weniger Zigaretten gekauft werden?

Ein unmittelbarer Widerspruch besteht darin nicht.

Das Steueraufkommen hängt vereinfacht von zwei Größen ab: von der Steuerbelastung je verkauftem Produkt und der Menge der legal versteuerten Verkäufe.

Steigt der Steuerbetrag pro Zigarette stärker, als die versteuerte Absatzmenge zurückgeht, können die Einnahmen trotz sinkenden Konsums zunehmen. Erst wenn die Nachfrage beziehungsweise die legal versteuerte Menge ausreichend stark einbricht, wird das zusätzliche Steueraufkommen geringer als erwartet.

Wie empfindlich Raucher auf Preissteigerungen reagieren, ist deshalb eine zentrale Größe für die Berechnungen des Finanzministeriums.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum verweist auf internationale Untersuchungen, nach denen eine Preiserhöhung von zehn Prozent in Industrieländern mit einem durchschnittlichen Rückgang des Zigarettenkonsums Erwachsener um etwa fünf Prozent verbunden ist. Bei Jugendlichen könne die Reaktion noch deutlich stärker ausfallen.

Diese Ergebnisse beschreiben statistische Zusammenhänge aus verschiedenen Ländern und Zeiträumen. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres als exakte Prognose für die deutsche Steuerreform verwenden.

Auch hängt die Reaktion davon ab, ob Raucher weniger konsumieren, vollständig aufhören, günstigere Produkte wählen oder andere Bezugsquellen nutzen.

Der Schwarzmarkt als Unsicherheitsfaktor

Die Tabakindustrie warnt seit Monaten vor erheblichen Ausweichbewegungen.

Der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse bezweifelt, dass die erwarteten Milliarden vollständig erzielt werden können. Steigende Preise könnten den illegalen Handel mit Zigaretten stärken und zusätzliche Einkäufe im Ausland begünstigen.

Eine ähnliche Einschätzung vertritt der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie. Weil künftig auch Feinschnitt stärker besteuert werden soll, könne der Wechsel zu selbst gedrehten Zigaretten als bisherige Sparmöglichkeit an Attraktivität verlieren. Verbraucher könnten sich stattdessen häufiger unversteuerten Produkten zuwenden.

Auch die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft sieht Risiken. Sie warnte bei der öffentlichen Anhörung des Bundestages Anfang Oktober, dass die Bekämpfung illegaler Zigarettenproduktion und des Schmuggels bereits erhebliche Ressourcen beanspruche.

Der Zoll müsse deshalb ausreichend ausgestattet sein, wenn die höheren Steuersätze dauerhaft zu zusätzlichen Einnahmen führen sollen.

Allerdings ist die Prognose der Industrie nicht unumstritten.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum widerspricht der Annahme, dass deutlich höhere Tabaksteuern zwangsläufig einen wachsenden Schwarzmarkt verursachen. Der Umfang des illegalen Handels hängt auch von der Effektivität der Zollkontrollen, grenzüberschreitenden Preisunterschieden und bestehenden Vertriebsstrukturen ab.

Eine höhere Steuer allein erklärt deshalb weder das Ausmaß des Schmuggels noch dessen künftige Entwicklung.

Hinzu kommt, dass die wirtschaftlichen Interessen der beteiligten Akteure unterschiedlich sind. Die Tabakindustrie verliert bei sinkenden legalen Absatzmengen Marktanteile und Umsätze. Gesundheitsexperten bewerten dagegen gerade den Rückgang des Tabakkonsums als erwünschte Wirkung.

Der Zigarettenabsatz sinkt seit Jahrzehnten

Die langfristige Entwicklung zeigt, dass der deutsche Zigarettenmarkt erheblich geschrumpft ist.

1991 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch rund 146,5 Milliarden Zigaretten versteuert. Im Jahr 2025 waren es 66,4 Milliarden. Die versteuerte Menge hat sich damit innerhalb von gut drei Jahrzehnten mehr als halbiert. Allein daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, welcher Anteil des Rückgangs auf Steuererhöhungen zurückzuführen ist.

Auch Rauchverbote, veränderte gesellschaftliche Einstellungen, gesundheitliche Aufklärung und neue nikotinhaltige Produkte beeinflussen das Konsumverhalten.

Zudem verlief die Entwicklung nicht gleichmäßig. Im Jahr 2025 stieg die versteuerte Zigarettenmenge gegenüber dem Vorjahr sogar leicht um 0,2 Prozent.

Bei den Ersatzprodukten für Tabakwaren, zu denen insbesondere Flüssigkeiten für E-Zigaretten zählen, wurde dagegen ein Wachstum von 18,2 Prozent registriert. Insgesamt wurden etwa 1,5 Millionen Liter solcher Produkte versteuert.

Die Zahlen zeigen, dass sich der Markt nicht ausschließlich durch einen allgemeinen Rückgang des Rauchens verändert. Ein Teil der Nachfrage verlagert sich auf andere Konsumformen.

Für die Steuerpolitik entsteht dadurch eine zusätzliche Schwierigkeit: Neue Produkte müssen in das bestehende System eingeordnet werden, ohne unbeabsichtigte Anreize für den Wechsel zwischen unterschiedlich besteuerten Erzeugnissen zu schaffen.

Gesundheitskosten übersteigen die Tabaksteuereinnahmen

Die finanzielle Bedeutung des Rauchens geht weit über die Einnahmen des Bundes hinaus.

Nach Berechnungen, auf die sich das Deutsche Krebsforschungszentrum beruft, entstehen durch Tabakkonsum in Deutschland jährlich gesamtwirtschaftliche Kosten von rund 97 Milliarden Euro.

Darin enthalten sind nicht nur unmittelbare medizinische Behandlungskosten, sondern auch indirekte Belastungen, beispielsweise durch krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, Erwerbsminderung und vorzeitige Todesfälle.

Die Zahl ist deshalb nicht mit den Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung gleichzusetzen. Es handelt sich um eine volkswirtschaftliche Kostenschätzung, deren Ergebnis von den verwendeten Bewertungsmethoden abhängt.

Sie verdeutlicht dennoch, weshalb Tabakkonsum aus gesundheitspolitischer Sicht nicht allein an den daraus erzielten Steuereinnahmen gemessen werden kann.

Der Wissenschaftler Tobias Effertz von der Universität Hamburg bezifferte bei der Anhörung des Finanzausschusses die gesundheitlichen Kosten des Rauchens unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen auf rund 38 Milliarden Euro jährlich.

Auch diese Größe übersteigt die jährlichen Einnahmen aus der Tabaksteuer deutlich. Allerdings ist Vorsicht bei einer unmittelbaren Gegenüberstellung geboten. Die Berechnungen beruhen auf unterschiedlichen statistischen und ökonomischen Konzepten. Außerdem entsteht nicht jede gesellschaftliche Belastung als unmittelbar vom Staat zu finanzierende Ausgabe.

Die Zahlen machen aber verständlich, weshalb Gesundheitsexperten in höheren Tabaksteuern nicht nur eine Einnahmequelle, sondern auch ein Instrument zur Verringerung langfristiger Krankheitskosten sehen.

Die Krankenkassen sollen nicht automatisch profitieren

Eine weitere Frage betrifft die Verwendung der zusätzlichen Steuereinnahmen. Die Tabaksteuer ist eine Bundessteuer. Ihr Aufkommen fließt grundsätzlich in den Bundeshaushalt und wird nicht automatisch an die gesetzlichen Krankenkassen weitergeleitet.

Damit unterscheiden sich die unmittelbaren finanziellen Folgen von den möglichen langfristigen gesundheitspolitischen Wirkungen.

Der Bund kann bereits kurzfristig zusätzliche Steuereinnahmen erzielen. Einsparungen durch weniger tabakbedingte Erkrankungen entstehen dagegen häufig erst nach längerer Zeit und verteilen sich auf unterschiedliche Akteure, darunter Krankenkassen, Rentenversicherung und Arbeitgeber.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum unterstützt daher die Forderung nach einer zusätzlichen Präventionsabgabe, deren Einnahmen gezielt für Maßnahmen zur Verhinderung tabakbedingter Erkrankungen eingesetzt werden könnten.

Eine solche zweckgebundene Abgabe ist allerdings nicht Bestandteil der jetzt vorgesehenen allgemeinen Tabaksteuererhöhung. Die Bundesregierung setzt zunächst auf das bestehende Steuersystem und dessen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung.

Auch der Mittelstand sieht wirtschaftliche Risiken

Neben der Zigarettenindustrie könnten kleinere Hersteller und Fachhändler von der Reform betroffen sein.

Der Bundesverband der Zigarrenindustrie warnte im Bundestag vor besonders starken Belastungen für die überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen seiner Branche. Bei bestimmten Produkten könnten sich erhebliche Preissteigerungen ergeben.

Die Hersteller müssten die höheren Steuern teilweise vorfinanzieren und befürchteten dadurch zusätzliche Liquiditätsprobleme.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten verwies auf mögliche Beschäftigungsrisiken, insbesondere in ländlichen und wirtschaftlich schwächeren Regionen. Auch hier steht eine gesundheitspolitisch erwünschte Verbrauchsreduzierung möglichen wirtschaftlichen Folgen gegenüber.

Allerdings lässt sich aus einer angekündigten Steuererhöhung noch nicht ableiten, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen könnten. Das hängt unter anderem von der Preisgestaltung der Unternehmen, der Nachfrage und der Möglichkeit ab, Produktions- und Vertriebsstrukturen anzupassen.

Die Steuerrechnung muss zwei Ziele erfüllen

Mit der geplanten Tabaksteuererhöhung verbindet die Bundesregierung eine kurzfristige finanzpolitische Erwartung mit einem langfristigen gesundheitspolitischen Ziel.

Die zusätzlichen Milliarden sollen bereits ab 2027 zur Entlastung des Bundeshaushalts beitragen. Gleichzeitig soll der höhere Preis das Rauchen weniger attraktiv machen und insbesondere junge Menschen vom Einstieg abhalten.

Beide Wirkungen können durchaus gleichzeitig eintreten. Wie stark die Einnahmen steigen, hängt jedoch von der Reaktion der Verbraucher ab. Je mehr Zigaretten legal verkauft werden, desto größer bleibt bei gegebenem Steuersatz das Steueraufkommen. Je stärker der Konsum zurückgeht, desto größer kann dagegen der gesundheitspolitische Nutzen ausfallen.

Diese unterschiedlichen Wirkungen müssen bei der Beurteilung der Reform getrennt betrachtet werden.

Ein geringeres Steueraufkommen als ursprünglich prognostiziert wäre nicht zwangsläufig ein Scheitern der Maßnahme, wenn es auf einen stärkeren Rückgang des gesundheitsschädlichen Konsums zurückgeht. Umgekehrt wäre ein hohes zusätzliches Steueraufkommen allein kein Beleg für gesundheitspolitischen Erfolg.

Für den Bundeshaushalt sind allerdings die tatsächlichen Einnahmen entscheidend. Sollten sie hinter den Prognosen zurückbleiben, müssten entsprechende Finanzierungslücken anderweitig geschlossen werden.

Stefanie S. Klief

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