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Rückkehr auf heikle Bühne: deutsche Wirtschaftsvertreter reisen nach Russland

Erstmals seit Jahren treten deutsche Unternehmer wieder offiziell beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg auf.

3 Min.

31.05.2026

Deutsche Unternehmer nehmen nach Jahren der Zurückhaltung wieder offiziell am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg teil. Das Treffen gilt als wichtigste Wirtschaftsveranstaltung Russlands und steht eng mit Kremlchef Wladimir Putin in Verbindung. Nach Angaben der dpa geht es der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer darum, wirtschaftliche Kontakte für die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstand zu erhalten und deutsche Vermögenswerte in Russland zu schützen.

Der Vorstandsvorsitzende der Kammer, Matthias Schepp, verweist auf deutsche Vermögenswerte von mehr als 100 Milliarden Euro in Russland. Zudem argumentiert die Kammer, westliche Länder sollten Russland, seinen Markt und seine Rohstoffe nicht dauerhaft Asien überlassen. Amerikanische und französische Vertreter waren demnach bereits im vergangenen Jahr mit einem Business-Dialog präsent.

Deutsche Firmen bleiben in Russland aktiv

Laut dem Programm des St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums nehmen unter anderem der in Russland mit EkoNiva tätige Milchproduzent Stefan Dürr und der langjährige Globus-Geschäftsführer Thomas Bruch an einem Business-Dialog teil. Nach Angaben der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer sind weiterhin rund 1.600 deutsche Unternehmen in Russland aktiv. Ihr Umsatz lag nach Berechnungen der Kammer im vergangenen Jahr bei etwa 20 Milliarden Euro.

Gleichzeitig ist der deutsch-russische Handel seit Beginn des Angriffskrieges massiv eingebrochen. Das grenzüberschreitende deutsch-russische Handelsvolumen ist dagegen infolge der Sanktionen auf unter 10 Milliarden Euro gesunken. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war Deutschland noch der größte europäische Handelspartner Russlands.

Wirtschaftliche Logik trifft politische Realität

Aus Sicht vieler Unternehmen geht es um bestehende Standorte, Vermögenswerte, Personal und langfristige Marktchancen. Nach einer Umfrage der Kammer unter ihren Mitgliedern planen fast alle befragten Unternehmen ihren Verbleib in Russland. 75 Prozent der 265 Teilnehmer erklärten demnach, mit der Entwicklung ihres Russlandgeschäfts zufrieden zu sein – trotz Einbußen durch Sanktionen.

Politisch bleibt die Teilnahme dennoch hochsensibel. Russland führt seit 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Westliche Staaten haben weitreichende Sanktionen verhängt, viele Unternehmen haben sich aus Russland zurückgezogen oder ihr Geschäft stark reduziert. Wer nun wieder offiziell auf Putins Wirtschaftsforum auftritt, sendet deshalb nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein politisches Signal.

Putin nutzt das Forum als Bühne

Das Forum in St. Petersburg dient Russland seit Jahren dazu, wirtschaftliche Stärke und internationale Anschlussfähigkeit zu demonstrieren. Putin tritt dort regelmäßig auf. Auch in diesem Jahr sind nach ntv-Angaben mehrere Auftritte geplant, darunter eine Pressekonferenz vor internationalen Journalisten und eine Rede am Freitag. Im vergangenen Jahr hatte Putin das Forum auch genutzt, um harte Kriegsrhetorik zu verbreiten.

Zusätzliche Brisanz entsteht durch die Teilnahme deutscher AfD-Politiker. Mehrere Vertreter der Partei reisen ebenfalls zu dem Forum. Bereits zuvor hatte ntv berichtet, dass unter anderem AfD-Abgeordnete an Putins wichtigster Wirtschaftskonferenz teilnehmen wollen.

Zwischen Brückenbau und Propagandarisiko

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer argumentiert mit wirtschaftlichem Pragmatismus und langfristigen Interessen. Kritiker dürften dagegen fragen, ob eine offizielle deutsche Teilnahme Putins Inszenierung nutzt. Genau darin liegt das Dilemma: Unternehmen wollen Märkte, Vermögen und Optionen sichern. Der Kreml kann westliche Teilnehmer jedoch als Zeichen nutzen, dass Russland trotz Krieg und Sanktionen nicht isoliert ist.

Für die deutsche Wirtschaft ist die Rückkehr nach St. Petersburg deshalb kein normaler Branchentermin. Sie steht für die schwierige Frage, wie weit wirtschaftliche Interessen reichen dürfen, wenn sie auf einen autoritären Staat treffen, der Krieg gegen ein europäisches Nachbarland führt.

 

SK

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