Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen in den kommenden Jahren zusätzlich 40 Milliarden Euro in Deutschland investieren. Das kündigte Industrieminister Sultan Ahmed Al Jaber beim Staatsbesuch von Präsident Mohammed bin Zayed Al Nahyan in Berlin an. Zusammen mit bereits bestehenden Engagements beziffern die Emirate ihre Investitionen damit künftig auf rund 74 Milliarden Euro. Das Geld soll unter anderem Industrie, Energieversorgung, Lieferketten, Technologie und künstliche Intelligenz stärken. Hinter der Summe steht damit mehr als eine weitere ausländische Investitionsoffensive: Deutschland baut seine wirtschaftlichen Partnerschaften in einer Phase um, in der Abhängigkeiten selbst zum geopolitischen Risiko geworden sind.
40 Milliarden Euro sind zunächst eine Absicht
Tatsächlich ist der Stand noch weniger konkret. Al Jaber sprach von zusätzlichen Investitionen, die für die kommenden Jahre beabsichtigt seien. Einen Zeitraum, einzelne Projekte oder eine Aufteilung der gesamten Summe nannte er zunächst nicht. Auch Reuters berichtet bislang lediglich von einer Investitionsabsicht. Von bereits rechtsverbindlich zugesagten 40 Milliarden Euro kann deshalb noch nicht gesprochen werden.
Der Staatsbesuch schafft allerdings den politischen Rahmen dafür. Deutschland und die Emirate wollen ihre Zusammenarbeit deutlich ausweiten. Vorgesehen sind Vereinbarungen in den Bereichen Investitionen, Energie und künstliche Intelligenz sowie ein eigener deutsch-emiratischer Investitionsrat. Dieser soll Investitionsmöglichkeiten identifizieren, Hemmnisse beseitigen und langfristig Kapital mobilisieren.
Die Beziehungen haben bereits erhebliches Volumen. Der bilaterale Warenhandel erreichte 2025 nach Angaben der emiratischen Regierung rund 13,6 Milliarden Euro und lag damit 15 Prozent über dem Vorjahr. Deutsche Unternehmen exportierten nach Daten von Germany Trade & Invest Waren im Wert von rund 11,4 Milliarden Euro in die Emirate. Mehr als 2.000 deutsche Unternehmen sind dort inzwischen aktiv.
Covestro zeigt, wie ernst es Abu Dhabi meint
Wie eine solche Investitionsstrategie aussehen kann, lässt sich bereits an einem der größten deutschen Chemiekonzerne beobachten.
Ende 2025 schloss XRG, die internationale Investmentgesellschaft des staatlichen Öl- und Gaskonzerns ADNOC, die Übernahme von Covestro ab. Das Transaktionsvolumen einschließlich Investitionszusage lag nach Angaben von ADNOC bei 14,7 Milliarden Euro. Covestro beschäftigt in Deutschland mehr als 7.000 Menschen an sechs Standorten und produziert unter anderem Hochleistungskunststoffe und Spezialmaterialien für Automobilindustrie, Elektronik, Halbleiter und Rechenzentren.
Für Abu Dhabi ist die Übernahme keine reine Finanzanlage. ADNOC will sein Geschäft langfristig über Öl und Gas hinaus ausbauen und Covestro als Grundlage eines internationalen Spezialchemiegeschäfts nutzen. Der deutsche Konzern bringt Patente, Forschungseinrichtungen, industrielle Kundenbeziehungen und Know-how in Bereichen mit, die für Digitalisierung und KI-Infrastruktur an Bedeutung gewinnen.
Auch im Energiesektor sind die Emirate längst präsent. ADNOC liefert Flüssigerdgas nach Deutschland und prüft mit RWE weitere Lieferverträge von bis zu einer Million Tonnen LNG jährlich für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren. Die staatliche Masdar ist unter anderem am Offshore-Windpark Baltic Eagle beteiligt und arbeitet mit deutschen Energieunternehmen an Batteriespeichern und erneuerbaren Energien.
Die neuen 40 Milliarden Euro würden diese Entwicklung erheblich beschleunigen.
Deutschland sucht Partner jenseits von Washington und Peking
Der Zeitpunkt ist kein Zufall.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Golfregion bereits im Februar besucht. Dabei ging es ausdrücklich darum, Energie- und Wirtschaftsbeziehungen auszubauen und Deutschlands strategische Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und China zu verringern.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren mehrfach erfahren, was starke wirtschaftliche Konzentration auf einzelne Staaten bedeuten kann. Der weitgehende Ausfall russischer Energielieferungen machte innerhalb weniger Monate neue LNG-Terminals und alternative Lieferketten notwendig. China blieb 2025 mit einem Handelsvolumen von rund 252 Milliarden Euro Deutschlands wichtigster Handelspartner, zugleich wächst in Berlin und Brüssel die Sorge über Abhängigkeiten bei Rohstoffen, Batterien, Elektronik und Vorprodukten. Die Vereinigten Staaten lagen mit rund 241 Milliarden Euro nur knapp dahinter.
Die Reaktion lautet heute häufiger nicht mehr vollständige wirtschaftliche Entflechtung, sondern Diversifizierung.
Die Emirate bieten dafür mehrere Dinge gleichzeitig: Kapital, Energie, Zugang zu internationalen Handelswegen und den politischen Willen, große Investitionen strategisch zu koordinieren. Deutschland bringt Industrieunternehmen, Forschung, Maschinenbau und Technologie ein.
Der emiratische Industrieminister beschreibt die Arbeitsteilung entsprechend offen: Deutschland stehe für Ingenieurwesen und Spitzentechnologie, die Emirate für Kapital, Energie, Infrastruktur und globale Netzwerke.
Aus weniger Abhängigkeit können neue Abhängigkeiten entstehen
Diversifizierung bedeutet allerdings nicht automatisch Unabhängigkeit.
Die großen emiratischen Investoren sind keine gewöhnlichen privaten Finanzgesellschaften. ADNOC gehört dem Emirat Abu Dhabi, Masdar wird von staatlich kontrollierten Unternehmen getragen; auch große Fonds wie ADIA und Mubadala verwalten staatliches Kapital.
Wenn Investitionen zunehmend in Energieversorgung, Chemie, künstliche Intelligenz, Rechenzentren oder andere Schlüsseltechnologien fließen, berührt ausländischer Einfluss deshalb nicht nur Unternehmensbewertungen und Arbeitsplätze.
Deutschland besitzt dafür ein eigenes Kontrollverfahren. Das Bundeswirtschaftsministerium kann Beteiligungen ausländischer Investoren prüfen, wenn öffentliche Ordnung oder Sicherheit betroffen sein könnten. Grundlage sind Außenwirtschaftsgesetz und Außenwirtschaftsverordnung. Besonders relevant wird das bei kritischer Infrastruktur und sicherheitsrelevanter Technologie.
Die Covestro-Übernahme zeigt zugleich, dass große strategische Beteiligungen möglich bleiben, sofern regulatorische Hürden überwunden werden.
Damit entsteht ein Balanceakt: Deutschland braucht privates und staatliches Auslandskapital für Energienetze, Digitalisierung, Industrieumbau und technologische Entwicklung. Gleichzeitig sollen neue wirtschaftliche Abhängigkeiten nicht jene politischen Handlungsspielräume einschränken, die mit der Diversifizierungsstrategie gerade zurückgewonnen werden sollen.
Was bedeuten eigentlich die schon investierten 34 Milliarden Euro?
Auch die Ausgangszahl verdient einen zweiten Blick.
Die Emirate geben an, bereits mehr als 34 Milliarden Euro in Deutschland investiert zu haben. In der klassischen Direktinvestitionsstatistik der Deutschen Bundesbank fällt die Zahl erheblich niedriger aus. Germany Trade & Invest weist auf Grundlage der Bundesbank für Ende 2024 einen Bestand unmittelbarer Investitionen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten von rund 2,1 Milliarden Euro aus.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine der beiden Zahlen falsch ist. Investitionsstatistiken können sehr unterschiedliche Dinge erfassen: Unternehmensübernahmen, Portfolioanlagen, Investitionen über Beteiligungsgesellschaften in Drittstaaten, Transaktionswerte oder statistisch definierte Direktinvestitionsbestände sind nicht miteinander identisch. Gerade internationale Konzernstrukturen können dazu führen, dass das Herkunftsland eines wirtschaftlichen Eigentümers in bilateralen Direktinvestitionszahlen nicht vollständig sichtbar wird. Die Bundesbank weist selbst darauf hin, dass Zwischenholdinggesellschaften und der letztendliche Herkunftsstaat zu erheblichen Unterschieden führen können.
Für die aktuelle Ankündigung ist diese Unterscheidung wichtig. Eine Addition von 34 Milliarden bestehenden und 40 Milliarden künftig geplanten Investitionen auf exakt 74 Milliarden vermittelt eine Präzision, die unterschiedliche Investitionsbegriffe möglicherweise nicht vollständig hergeben.
Die Größenordnung des Engagements bleibt dennoch erheblich – und Covestro allein zeigt, dass dahinter reales Kapital steht.
Vom Ölstaat zum globalen Investor
Für die Emirate gehört Deutschland zu einer viel größeren Strategie.
Abu Dhabi nutzt Einnahmen aus Öl und Gas seit Jahrzehnten, um Vermögen international anzulegen und die eigene Wirtschaft auf eine Zeit vorzubereiten, in der fossile Energieträger allein kein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell mehr darstellen. Kapital fließt deshalb zunehmend in erneuerbare Energien, Halbleiter, KI, Infrastruktur, Logistik und Industrie.
Allein ADNOC plant nach eigenen Angaben für die kommenden Jahre Investitionen von 150 Milliarden Dollar in sein Energiegeschäft. Gleichzeitig baut der Konzern über XRG internationale Aktivitäten in Gas, Chemie und CO₂-armen Energien aus.
Deutschland wird dabei auch deshalb interessant, weil viele Unternehmen technologisch stark, aber kapitalintensiv sind. Der Umbau von Energieversorgung und Industrie, neue Rechenzentren, Stromnetze, Wasserstoffprojekte und klimafreundlichere Produktionsverfahren benötigen enorme Investitionen.
Für die Emirate können daraus langfristige Renditen und strategisches Know-how entstehen. Für Deutschland entsteht eine zusätzliche Kapitalquelle.
40 Milliarden ändern nicht automatisch den Standort Deutschland
Die Investitionszusage ist deshalb ein starkes Signal – aber noch kein Beweis für eine Trendwende beim deutschen Wirtschaftsstandort.
Ob tatsächlich 40 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden, hängt davon ab, welche konkreten Projekte entstehen, ob Unternehmen und Investoren sich einigen und welche regulatorischen Genehmigungen erforderlich sind.
Kapital allein behebt zudem keine hohen Energiepreise, langen Genehmigungsverfahren, Fachkräftemangel oder schwaches Produktivitätswachstum. Ausländische Investoren treffen dieselben Standortbedingungen wie deutsche Unternehmen.
Die emiratische Ankündigung zeigt allerdings, dass deutsche Industrie und Technologie international weiterhin als strategisch wertvoll angesehen werden. Abu Dhabi kauft nicht aus Entwicklungshilfegründen Covestro und plant auch keine Milliardeninvestitionen aus Freundlichkeit. Es erwartet wirtschaftlichen und strategischen Nutzen.
Für Berlin liegt darin eine Chance, die über die 40 Milliarden Euro hinausgeht. Deutschland kann seine Kapital-, Energie- und Handelspartner verbreitern und damit Risiken verteilen.
Dabei verschwindet das Grundproblem wirtschaftlicher Abhängigkeit nicht. Es bekommt lediglich mehr Partner.
Stefanie S. Klief