Deutschlands Wirtschaft zeigt erstmals seit Langem wieder deutlichere Erholungssignale. Das ifo Institut erwartet für 2026 inzwischen 1,4 Prozent Wachstum, Industrieaufträge und Exporte entwickeln sich besser. Gleichzeitig steigt die Zahl großer Unternehmensinsolvenzen weiter. Das ist weniger widersprüchlich, als es klingt. Eine Konjunktur kann sich bereits erholen, während Unternehmen noch an den finanziellen Folgen der vergangenen Jahre scheitern.
33 große Unternehmen im ersten Halbjahr
Im ersten Halbjahr 2026 registrierte der Kreditversicherer Allianz Trade in Deutschland 33 Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Das waren zehn Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die bereits 2025 einen Rekord hervorgebracht hatte. Im vergangenen Jahr zählte Allianz Trade insgesamt 94 Großinsolvenzen in Deutschland, acht Prozent mehr als 2024 und so viele wie nie seit Beginn der entsprechenden Auswertung im Jahr 2015.
Besonders auffällig ist inzwischen die Branchenverteilung.
Sieben der großen Insolvenzen des ersten Halbjahres entfielen auf die Automobilwirtschaft. Im Einzelhandel waren es fünf, im Maschinenbau und bei Dienstleistungen jeweils vier. Damit geraten gerade Branchen unter Druck, die entweder besonders kapitalintensiv sind oder mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel stehen.
Die betroffenen Großunternehmen kamen zusammen auf einen Jahresumsatz von rund 4,5 Milliarden Euro, drei Prozent mehr als die insolventen Großunternehmen im Vorjahreszeitraum. Der durchschnittliche Umsatz je Fall sank allerdings um knapp sieben Prozent auf etwa 137 Millionen Euro.
Und gleichzeitig wird die Wirtschaft wieder stärker
Genau hier entsteht der scheinbare Widerspruch.
Nur einen Tag vor Veröffentlichung der neuen Insolvenzzahlen hatte das ifo Institut seine Wachstumsprognose für Deutschland kräftig angehoben.
Für 2026 rechnen die Münchner Forscher inzwischen mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Im Sommer waren es erst 0,8 Prozent gewesen. Für 2027 erwartet ifo 1,2 Prozent. Vor allem aus dem Ausland und von höheren staatlichen Ausgaben für Infrastruktur, Klima und Verteidigung kommen stärkere Impulse als bisher angenommen. Selbst in der lange kriselnden Industrie zeigen sich wieder Lichtblicke.
Wie passt das zusammen?
Weil eine Insolvenz meist nicht am Anfang einer wirtschaftlichen Krise steht, sondern an deren Ende.
Ein Unternehmen verschwindet nicht automatisch vom Markt, wenn Energie teurer wird, Aufträge zurückgehen oder Finanzierungskosten steigen. Zunächst werden Rücklagen verbraucht, Kredite genutzt, Investitionen verschoben, Vermögen verkauft oder Restrukturierungen versucht.
Bis daraus Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung entsteht, können Monate oder Jahre vergehen.
Selbst die amtliche Insolvenzstatistik hat einen zeitlichen Nachlauf: Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass zwischen dem tatsächlichen Antrag und dessen Eingang in die Statistik in vielen Fällen annähernd drei Monate liegen.
Die heutigen Insolvenzen erzählen deshalb teilweise mehr über die wirtschaftlichen Bedingungen der vergangenen Jahre als über die Konjunktur im September 2026.
Hohe Zinsen treffen Unternehmen lange nach der Zinserhöhung
Das gilt besonders für die Finanzierung.
Unternehmen refinanzieren normalerweise nicht sämtliche Kredite gleichzeitig. Alte Darlehen aus der Niedrigzinsphase laufen schrittweise aus und müssen zu neuen Konditionen ersetzt werden.
Damit kann eine Zinserhöhung ihre volle Wirkung erst Jahre später in einer Bilanz entfalten.
Ähnliches gilt für Energie- und Materialpreise oder den Verlust wichtiger Absatzmärkte. Unternehmen können vorübergehend Margen opfern. Dauerhaft funktioniert das allerdings nur, wenn sie Kosten an Kunden weitergeben oder ihre Produktivität erhöhen können.
Allianz Trade nennt deshalb insbesondere Unternehmen mit hohen Investitions- und Energiekosten sowie geringer Preissetzungsmacht als weiterhin gefährdet.
Das erklärt, warum ausgerechnet Automobilindustrie und Maschinenbau in der Großinsolvenzstatistik weit oben stehen.
Beide Branchen müssen gleichzeitig investieren und sparen: in Digitalisierung, neue Produktionsverfahren und teilweise völlig neue Produkte – während traditionelle Absatzmärkte schwächeln und internationaler Wettbewerb zunimmt.
Die amtlichen Zahlen erzählen gleichzeitig eine etwas andere Geschichte
Wichtig ist dabei eine methodische Unterscheidung.
Die 33 Großinsolvenzen stammen aus einer Auswertung von Allianz Trade und beziehen sich ausschließlich auf Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz.
Die amtliche Insolvenzstatistik des Statistischen Bundesamts erfasst dagegen sämtliche beantragten Unternehmensinsolvenzen.
Und dort zeichnet sich inzwischen tatsächlich eine gewisse Beruhigung ab.
Im Mai registrierten die Amtsgerichte 1.995 Unternehmensinsolvenzen – zwei Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Von Januar bis Mai lag die Gesamtzahl mit 10.546 Fällen allerdings weiterhin 4,9 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Noch interessanter sind die offenen Forderungen der Gläubiger.
Sie summierten sich in den ersten fünf Monaten 2026 auf rund 15,4 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch 25,7 Milliarden Euro gewesen. Destatis erklärt den deutlichen Rückgang ausdrücklich damit, dass Anfang 2025 mehr wirtschaftlich besonders bedeutende Unternehmen Insolvenz angemeldet hatten.
Das widerspricht der Allianz-Auswertung nicht zwingend.
Die Zeiträume unterscheiden sich, ebenso die Definition dessen, was als Großinsolvenz gilt. Vor allem aber zeigt es, wie vorsichtig einzelne Rekordzahlen interpretiert werden müssen.
Nicht jede Insolvenz ist gleich gefährlich
Für die Volkswirtschaft macht es einen erheblichen Unterschied, ob ein kleines Unternehmen mit wenigen Beschäftigten ausfällt oder ein großer Hersteller mit Hunderten Lieferanten.
Gerade deshalb beobachtet Allianz Trade die großen Fälle gesondert.
Ein größerer insolventer Kunde kann bei einem Zulieferer gleich auf zwei Seiten der Bilanz einschlagen: Bereits gelieferte Waren werden womöglich nicht vollständig bezahlt – und zukünftige Aufträge fallen gleichzeitig weg. Bei eng verzahnten industriellen Lieferketten kann daraus ein Dominoeffekt entstehen.
Allianz Trade warnt ausdrücklich davor, dass die Insolvenz eines großen Unternehmens Zulieferer, Dienstleister und weitere Geschäftspartner unter Druck setzen kann. Dieser Mechanismus macht die Häufung in der Automobilindustrie besonders relevant.
Ein Automobilzulieferer verkauft häufig nicht einfach beliebige Produkte an beliebige Kunden. Produktionsanlagen und Komponenten können speziell für einzelne Modelle oder Hersteller entwickelt worden sein. Fällt ein großer Auftraggeber oder Tier-1-Zulieferer aus, lässt sich der Umsatz deshalb nicht zwangsläufig kurzfristig ersetzen.
Deutschland fällt im europäischen Vergleich besonders auf
Auch international steigen die großen Pleiten. Allianz Trade erfasste weltweit im ersten Halbjahr 2026 247 Großinsolvenzen, 13 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mehr als 60 Prozent der Fälle entfielen auf Westeuropa. Deutschland sticht dabei heraus.
Über die vergangenen vier Quartale registrierte der Kreditversicherer 97 große deutsche Insolvenzen. In ganz Westeuropa waren es 325. Damit entfielen rund 30 Prozent der westeuropäischen Großinsolvenzen auf Deutschland. Frankreich folgte mit 69 Fällen, Italien mit 62 und Großbritannien mit 45.
Dabei muss auch diese Zahl richtig eingeordnet werden: Sie ist keine Insolvenzquote im Verhältnis zur Zahl der Unternehmen eines Landes. Große Volkswirtschaften mit vielen Unternehmen produzieren naturgemäß mehr absolute Fälle.
Trotzdem ist der deutsche Anteil auffällig – gerade wegen der starken Konzentration auf industrielle Kernbereiche.
2026 könnte insgesamt trotzdem schon der Höhepunkt der Welle sein
Für sämtliche Unternehmensinsolvenzen rechnet Allianz Trade in Deutschland 2026 derzeit mit rund 24.650 Fällen. Das wären etwa zwei Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 14 Jahren.
Für 2027 erwartet der Kreditversicherer bislang einen leichten Rückgang.
Das wäre durchaus mit der neuen ifo-Prognose vereinbar.
Wenn Aufträge zunehmen, Staatsinvestitionen Nachfrage schaffen und sich die Industrie stabilisiert, verbessert sich die Lage für Unternehmen, die noch ausreichend finanzielle Substanz besitzen.
Nur rettet ein besseres zweites Halbjahr 2026 nicht zwangsläufig eine Bilanz, die bereits seit 2022 oder 2023 kontinuierlich geschwächt wurde.
Darin liegt wahrscheinlich die wichtigste Botschaft der aktuellen Insolvenzzahlen.
Eine Konjunkturwende und eine Insolvenzwende müssen nicht gleichzeitig stattfinden.
Die Wirtschaft kann bereits wieder wachsen, während die schwächsten Unternehmen noch aus dem Markt ausscheiden. Tatsächlich wäre es sogar ungewöhnlich, wenn jahrelange Energie-, Zins-, Nachfrage- und Strukturprobleme mit dem ersten besseren Konjunkturquartal aus den Unternehmensbilanzen verschwänden.
Die neue Wachstumsprognose zeigt deshalb, wohin sich die Wirtschaft bewegen könnte. Die Großinsolvenzen zeigen, was sie noch mit sich trägt.
Ob Deutschlands Erholung wirklich nachhaltig wird, entscheidet sich damit auch daran, ob aus den 33 großen Insolvenzen lediglich die verspätete Rechnung der vergangenen Krise wird – oder der Beginn einer neuen Kette von Ausfällen.
Stefanie S. Klief