Nach Jahren der Stagnation kommt Bewegung in die deutsche Wirtschaft. Das ifo Institut hebt seine Wachstumsprognose für 2026 von 0,8 auf 1,4 Prozent an – eine ungewöhnlich kräftige Korrektur innerhalb weniger Monate. Auch andere Institute werden optimistischer. Doch hinter der guten Nachricht steckt eine zweite: Ein erheblicher Teil des Aufschwungs entsteht durch staatliche Milliarden und stärkere Nachfrage aus dem Ausland. Der schwierigere Test beginnt, wenn diese Impulse nachlassen.
Aus 0,8 werden 1,4 Prozent
Noch im Sommer hatte das ifo Institut für dieses Jahr lediglich 0,8 Prozent Wirtschaftswachstum erwartet. Nun rechnen die Münchner Konjunkturforscher mit 1,4 Prozent.
Auch die Prognose für 2027 wurde angehoben: von 0,8 auf 1,2 Prozent. Für 2028 erwartet das Institut anschließend wieder eine deutlich schwächere Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent.
Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die inzwischen mehrere deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute sehen.
Das RWI erhöhte seine Prognose für 2026 von 0,8 auf 1,3 Prozent, für 2027 von 0,8 auf 1,1 Prozent. Das DIW erwartet nach seiner jüngsten Aufwärtskorrektur 1,2 Prozent in diesem und 1,0 Prozent im kommenden Jahr. Die Institute unterscheiden sich in den Details, die Richtung ist jedoch dieselbe: Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich derzeit besser als noch vor wenigen Monaten erwartet.
Von einem neuen Wirtschaftswunder ist sie trotzdem weit entfernt.
Die Industrie sendet erstmals wieder Lebenszeichen
Eine der wichtigsten Veränderungen findet ausgerechnet dort statt, wo Deutschlands Krise zuletzt besonders sichtbar war.
In der Industrie habe sich die Auftragslage seit Jahresbeginn kontinuierlich verbessert, berichtet das ifo Institut. Auch die Exporterwartungen seien zuletzt deutlich gestiegen. Bereits im Sommer legte die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe und bei unternehmensnahen Dienstleistungen zu.
Bei robuster Weltkonjunktur erwartet ifo deshalb, dass Industrie und Ausfuhren die Erholung auch in den kommenden Quartalen stützen. Das ist bemerkenswert. Denn über Jahre gehörte gerade Deutschlands exportorientierte Industrie zu den Sorgenkindern: schwache Nachfrage aus China, hohe Energiekosten, wachsende Konkurrenz und geopolitische Handelskonflikte trafen ein Wirtschaftsmodell, das besonders stark von industrieller Produktion und internationalen Märkten abhängt.
Auch das DIW spricht inzwischen von einer »Exportüberraschung«. Das Institut warnt allerdings davor, daraus bereits eine grundsätzliche Wiederherstellung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit abzuleiten. Ähnlich argumentiert das RWI: Die jüngste Exportstärke sei erfreulich, die strukturellen Probleme – darunter hohe Energiekosten, Bürokratie und schwache Investitionen – seien damit aber nicht verschwunden.
Fast 40 Milliarden Euro Schub vom Staat
Der zweite Wachstumsmotor kommt nicht aus Unternehmen oder privaten Haushalten. Er kommt vom Staat.
Für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung fließen deutlich höhere öffentliche Ausgaben in die Wirtschaft. Das ifo Institut beziffert den zusätzlichen finanzpolitischen Impuls für 2026 auf knapp 40 Milliarden Euro.
2027 sollen weitere 27 Milliarden Euro hinzukommen, 2028 noch einmal 18 Milliarden. Damit beginnt die neue deutsche Finanzpolitik messbar in der Konjunktur anzukommen. Mehr öffentliche Investitionen schaffen Nachfrage bei Bauunternehmen, Industrie und Dienstleistern. Verteidigungsausgaben führen zu Aufträgen. Infrastrukturprogramme wirken über zahlreiche Branchen hinweg.
Das ist kein statistischer Schönheitsfehler. Staatliche Investitionen sind ein realer Bestandteil der Wirtschaftsleistung – und können langfristig sogar das Wachstumspotenzial erhöhen, wenn damit beispielsweise Verkehrswege, Stromnetze oder digitale Infrastruktur verbessert werden.
Entscheidend ist deshalb nicht, dass der Staat Wachstum erzeugt.
Entscheidend ist, ob aus diesem Anschub irgendwann zusätzliche private Investitionen, höhere Produktivität und dauerhaft mehr wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entstehen.
Denn der Staat bezahlt den Aufschwung mit höheren Defiziten
Die Rechnung wird bereits sichtbar. Das öffentliche Finanzierungsdefizit lag 2025 bei 3,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für 2026 erwartet ifo 4,0 Prozent, ab 2027 sogar 4,6 Prozent. Der Bruttoschuldenstand soll gleichzeitig von 62,7 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2025 auf 67,9 Prozent im Jahr 2028 steigen.
Das muss keine schlechte Investition sein. Es erhöht aber den Druck auf die Politik, mit dem zusätzlichen finanziellen Spielraum tatsächlich die Voraussetzungen für späteres Wachstum zu verbessern. Hier berührt die neue ifo-Prognose auch die Warnung von Bundesbankpräsident Joachim Nagel, Deutschland müsse langfristig für seine hohe Kreditwürdigkeit arbeiten: Zusätzliche Schulden sind leichter zu tragen, wenn sie das wirtschaftliche Potenzial erhöhen. Bleibt der Wachstumseffekt dagegen hauptsächlich auf die Jahre beschränkt, in denen der Staat zusätzliches Geld ausgibt, wird die Rechnung schwieriger.
Der private Konsum bleibt auffallend schwach
Von einem breit getragenen Aufschwung kann auch deshalb noch keine Rede sein. Die privaten Haushalte halten sich weiter zurück. Hauptgrund ist die Inflation.
Das ifo Institut erwartet für 2026 eine Teuerungsrate von 2,8 Prozent und für 2027 sogar 3,0 Prozent. Erst 2028 soll sie mit 2,3 Prozent wieder näher an das Ziel der Europäischen Zentralbank rücken.
Vor allem Energie bleibt ein Risiko. Nach dem erneuten Aufflammen des Iran-Krieges sind Öl und Gas wieder teurer geworden. Zusätzlich belasten extrem niedrige Pegelstände deutsche Wasserstraßen und damit besonders transportintensive Industrien.
Die Kaufkraft der Haushalte nimmt nach Einschätzung der Forscher deshalb nur wenig zu. Höhere Abgaben zu den kommenden Jahreswechseln kommen hinzu. Die Konsumkonjunktur dürfte entsprechend gedämpft bleiben.
Das ist eine ungewöhnliche Kombination: Die Wirtschaft wächst wieder stärker – während viele Verbraucher davon zunächst wenig spüren dürften.
Auch am Arbeitsmarkt kommt der Aufschwung noch nicht an
Noch deutlicher wird diese Diskrepanz bei den Beschäftigtenzahlen.
Trotz des erwarteten Wirtschaftswachstums soll die Zahl der Erwerbstätigen 2026 im Jahresdurchschnitt zunächst sinken: von rund 45,88 Millionen im Vorjahr auf etwa 45,69 Millionen.
Erst 2027 und 2028 erwartet ifo wieder Zuwächse. Die Arbeitslosenquote soll in diesem Jahr bei 6,3 Prozent verharren und anschließend auf 6,0 beziehungsweise 5,4 Prozent zurückgehen. Der Aufschwung erreicht den Arbeitsmarkt also mit Verzögerung und dort stößt man auf den vielleicht wichtigsten Satz der gesamten Prognose.
Mitte 2027 und der Wachstumsspielraum
Deutschland produziert derzeit noch unter seinen Möglichkeiten. Unternehmen können deshalb zunächst mehr herstellen, ohne dass dafür die gesamte wirtschaftliche Kapazität grundlegend erweitert werden muss.
Diese Reserve hilft beim Aufschwung. Doch nach Berechnungen des ifo Instituts könnten die aus der gegenwärtigen Unterauslastung entstehenden Expansionsspielräume bereits Mitte 2027 ausgeschöpft sein. Dann wird Wachstum schwieriger. Denn gleichzeitig schrumpft das verfügbare Arbeitskräfteangebot durch die demografische Entwicklung, während die Arbeitsproduktivität nur schwach steigt. Beides begrenzt das sogenannte Potenzialwachstum – also das Tempo, mit dem eine Volkswirtschaft dauerhaft wachsen kann, ohne lediglich vorhandene freie Kapazitäten wieder auszulasten.
Daher fällt die ifo-Prognose für 2028 trotz der aktuellen Euphorie wieder auf lediglich 0,8 Prozent Wachstum zurück. Das ist kein Widerspruch, sondern der Unterschied zwischen Erholung und strukturellem Wachstum.
Deutschland bekommt Zeit – noch keine Entwarnung
Unter dem Strich ist die neue Prognose eine gute Nachricht. Nach einer langen Phase wirtschaftlicher Schwäche wächst Deutschland wieder. Die Industrie stabilisiert sich, Auslandsnachfrage hilft, und erstmals werden auch die umfangreichen staatlichen Investitionsprogramme in den Konjunkturzahlen sichtbar.
Dass ifo seine Prognose innerhalb weniger Monate um 0,6 Prozentpunkte anhebt, ist zudem mehr als eine kosmetische Korrektur. Neben einer Revision älterer Daten durch das Statistische Bundesamt beurteilen die Forscher die aktuelle wirtschaftliche Grunddynamik inzwischen tatsächlich günstiger.
Doch lohnt sich der Blick über 2026 hinaus. Ein Teil des jetzigen Wachstums entsteht, weil bislang ungenutzte Kapazitäten wieder ausgelastet werden. Ein weiterer Teil kommt durch zusätzliche Staatsausgaben und eine überraschend starke Auslandsnachfrage. Das verschafft Deutschland Luft.
Es beantwortet aber noch nicht die Fragen, die über das Wachstum am Ende des Jahrzehnts entscheiden: Wie produktiv wird die Wirtschaft? Wie viele private Investitionen folgen auf die öffentlichen Milliarden? Werden Energie und Regulierung wieder wettbewerbsfähiger?
Die neue ifo-Prognose zeigt deshalb möglicherweise tatsächlich einen Wendepunkt. Nur ist ein Wendepunkt noch kein neuer Wachstumspfad.
Stefanie S. Klief