2. Oktober 2026: Russlands Präsident Wladimir Putin besichtigt die Militärübung »Tsentr 2026« auf dem Truppenübungsplatz Tschebarkul in Russland.
Wenn über ein Ende des Ukraine-Krieges gesprochen wird, geht es inzwischen offenbar nicht nur um Frontlinien, Sicherheitsgarantien und Sanktionen. Nach Recherchen der »New York Times« sind die Gespräche zwischen der Trump-Regierung und Moskau mit einem möglichen Milliardengeschäft um die internationalen Vermögenswerte des russischen Ölkonzerns Lukoil verknüpft. Das Geschäft könnte zum Symbol einer wirtschaftlichen Annäherung werden – und zugleich neue Fragen über die Grenze zwischen Diplomatie und privaten Geschäftsinteressen aufwerfen.
Putin brachte den Deal selbst ins Gespräch
Nach Angaben der »New York Times«, auf die sich auch Reuters beruft, sprach Wladimir Putin das Geschäft bei einem Treffen mit den amerikanischen Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner am 5. September im Kreml an.
Putin soll den Verkauf als Möglichkeit dargestellt haben, der russischen Öffentlichkeit zu zeigen, dass Geschäfte mit den Vereinigten Staaten weiterhin möglich seien.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine versucht der Westen, Moskaus wirtschaftlichen Spielraum durch Sanktionen einzuschränken. Eine große amerikanisch unterstützte Transaktion mit russischen Vermögenswerten hätte daher weit mehr als finanzielle Bedeutung. Sie könnte als sichtbarer Schritt in Richtung wirtschaftlicher Normalisierung interpretiert werden – selbst wenn wesentliche Sanktionen zunächst bestehen bleiben.
Ob das Geschäft tatsächlich zustande kommt, ist allerdings offen. Das Weiße Haus, das amerikanische Finanzministerium und Lukoil äußerten sich gegenüber Reuters zunächst nicht zu dem Bericht.
Lukoil muss sein Auslandsreich verkaufen
Dass die Anlagen überhaupt auf dem Markt sind, ist eine direkte Folge amerikanischer Sanktionen.
Das US-Finanzministerium setzte Lukoil am 22. Oktober 2025 auf seine Sanktionsliste. Wenige Tage später kündigte der Konzern an, seine internationalen Vermögenswerte verkaufen zu wollen. Dazu gehören Beteiligungen an Ölfeldern, Raffinerien, Tankstellennetzen und anderen Energieanlagen außerhalb Russlands.
Zwischenzeitlich schloss Lukoil bereits eine Vereinbarung mit dem amerikanischen Finanzinvestor Carlyle. Sie ist jedoch nicht exklusiv; der russische Konzern verhandelt weiterhin mit anderen Interessenten.
Eine konkurrierende Investorengruppe wird vom US-Milliardär Todd Boehly angeführt. Nach Recherchen der Financial Times umfasst sie neben privaten Investoren aus dem Nahen Osten auch die staatliche U.S. International Development Finance Corporation. Die internationalen Lukoil-Vermögenswerte werden auf rund 20 Milliarden Dollar geschätzt.
Damit wird aus einem normalen Unternehmensverkauf ein geopolitisches Geschäft.
Der Käufer braucht ausgerechnet Washingtons Zustimmung
Die amerikanische Sanktionsbehörde OFAC erlaubt derzeit zwar Verhandlungen über einen Verkauf. Die entsprechende Generallizenz läuft bis zum 22. Oktober.
Sie erlaubt jedoch ausdrücklich nicht die tatsächliche Übertragung der Vermögenswerte.
Dafür wäre eine weitere Genehmigung des US-Finanzministeriums nötig. Und Washington hat klare Bedingungen formuliert.
Ein Käufer müsste die internationalen Vermögenswerte vollständig von Lukoil trennen. Gelder, die dem russischen Konzern aus dem Verkauf zustehen, müssten auf einem der US-Gerichtsbarkeit unterliegenden Konto blockiert bleiben, solange die Sanktionen gelten. Zudem soll verhindert werden, dass Lukoil durch die Transaktion einen unmittelbaren finanziellen Vorteil erhält.
Ein Verkauf der Anlagen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Russland kurzfristig 20 Milliarden Dollar erhält. Die amerikanische Sanktionsarchitektur ist ausdrücklich darauf ausgelegt, einen solchen Geldzufluss zu verhindern.
Der politische Wert des Deals könnte für Moskau dennoch erheblich sein.
Der Staat wäre Käufer und Genehmiger zugleich
Besonders ungewöhnlich ist die mögliche Beteiligung der U.S. International Development Finance Corporation.
Die DFC ist eine staatliche amerikanische Entwicklungsfinanzierungsinstitution. Sollte sie tatsächlich Teil des Käuferkonsortiums werden, wäre eine Einrichtung der US-Regierung finanziell an einem Geschäft beteiligt, dessen Durchführung von einer anderen Behörde derselben Regierung genehmigt werden müsste.
Die Financial Times hat bereits darauf hingewiesen, dass diese Konstellation Fragen nach einem Interessenkonflikt aufwerfen kann.
Hinzu kommt die private Ebene.
Zu Boehlys Gruppe gehören laut den Berichten auch Investoren aus dem Nahen Osten, die bereits Geschäfte mit Kushner beziehungsweise der Familie Witkoff gemacht haben. Reuters und die »New York Times« sprechen ausdrücklich von diesen Verbindungen.
Das bedeutet nicht, dass Kushner oder Witkoff selbst an dem Lukoil-Geschäft verdienen würden. Dafür gibt es in den bislang öffentlich bekannten Informationen keinen Beleg.
Die personellen Überschneidungen sind politisch dennoch heikel, weil ausgerechnet jene Männer, die im Auftrag des US-Präsidenten über Krieg und Frieden mit Moskau verhandeln, zugleich einem Umfeld angehören, in dem Geschäftspartner Interesse an einer der größten verfügbaren russischen Vermögenstransaktionen haben.
Putin bekommt etwas, das über Geld hinausgeht
Aus russischer Sicht geht es deshalb nicht nur um den Verkaufspreis.
Seit Beginn des Krieges hat Moskau versucht, die westlichen Sanktionen als langfristig nicht durchhaltbar darzustellen. Putin signalisiert immer wieder, dass wirtschaftliche Beziehungen mit westlichen Staaten nach einer politischen Verständigung schnell wieder aufgenommen werden könnten.
Erst Anfang Oktober erklärte er, westliche Unternehmen könnten ihre russischen Vermögenswerte unter günstigen politischen Bedingungen möglicherweise zurückerhalten.
Ein milliardenschwerer Deal mit amerikanischen Investoren würde genau in diese Erzählung passen. Er könnte zeigen, dass wirtschaftliche Normalisierung bereits vorbereitet wird, während der Krieg noch läuft.
Damit wird das Geschäft selbst zu einem diplomatischen Instrument.
Washington könnte ebenfalls profitieren
Auch für die USA gibt es eine strategische Logik.
Lukoils internationale Anlagen vollständig von ihrer russischen Muttergesellschaft zu trennen, entspricht grundsätzlich dem Ziel der amerikanischen Sanktionen. Das Finanzministerium erklärt ausdrücklich, der Verkauf solle dazu beitragen, Lukoils Auslandsvermögen von Moskau abzuschneiden und damit Russlands Finanzierungsmöglichkeiten zu begrenzen.
Gelangen Raffinerien, Ölfelder und Vertriebsnetze unter westliche oder verbündete Kontrolle, verliert ein russischer Energiekonzern wirtschaftlichen Einfluss außerhalb des Landes.
Eine staatliche amerikanische Beteiligung könnte Washington außerdem direkten Einfluss auf strategisch relevante Energieanlagen verschaffen.
Damit ist der Deal keineswegs zwangsläufig ein Geschenk an Putin.
Er kann gleichzeitig russisches Auslandsvermögen dauerhaft aus Moskaus Kontrolle lösen und politisch als Zeichen einer möglichen Entspannung dienen.
Wo endet Diplomatie – und wo beginnt Geschäft?
Die heikelste Frage liegt deshalb weniger im Öl selbst.
Friedensverhandlungen haben fast immer eine wirtschaftliche Dimension. Sanktionserleichterungen, Investitionen, Wiederaufbau und Handelsbeziehungen können wichtige Anreize für eine politische Einigung schaffen.
Problematisch wird es dort, wo staatliche Diplomatie und private wirtschaftliche Interessen nicht mehr klar voneinander getrennt werden können.
Im Fall Lukoil treffen ungewöhnlich viele Ebenen zusammen: Putin bringt das Geschäft bei amerikanischen Friedensunterhändlern zur Sprache. Investoren aus deren geschäftlichem Umfeld gehören zum möglichen Käuferkreis. Eine US-Staatsinstitution soll sich beteiligen. Und eine amerikanische Behörde muss die Transaktion anschließend genehmigen.
Noch ist der Verkauf nicht beschlossen.
Ebenso wenig ist belegt, dass Russland politische Zugeständnisse im Ukraine-Krieg im Gegenzug für das Geschäft angeboten hat. Aber schon die Tatsache, dass ein milliardenschwerer Öl-Deal inzwischen Teil der Gespräche über den Krieg geworden sein soll, markiert eine Verschiebung.
Die Verhandlungen drehen sich offenbar längst nicht mehr ausschließlich um die Bedingungen eines möglichen Friedens. Sie handeln bereits von der wirtschaftlichen Ordnung danach.
Stefanie S. Klief