Wärmepumpen funktionieren nur im Neubau, mit Fußbodenheizung und nach einer teuren Komplettsanierung – dieses Bild hält sich hartnäckig. Eine neue Auswertung des Gebäudedienstleisters Techem zeichnet ein deutlich anderes Bild. Rund 40 Prozent der untersuchten Mehrfamilienhäuser könnten bereits mit den vorhandenen Heizkörpern mit niedrigen Systemtemperaturen betrieben werden. Mit einem Heizkörpertausch steigt der Anteil auf rund 80 Prozent, mit speziellen Niedertemperaturheizkörpern sogar auf etwa 90 Prozent. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, wie alt ein Gebäude ist, sondern wie viel Wärme es bei möglichst niedriger Vorlauftemperatur in die Räume bringen kann.
1,1 Millionen Wohnungen liefern ungewöhnlich viele Daten
Grundlage der neuen Zahlen ist der Techem Atlas für Energie, Wärme und Wasser 2026. Dafür hat der Gebäudedienstleister Daten aus rund 94.000 Gebäuden und 1,1 Millionen Wohnungen ausgewertet.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie viele bestehende Mehrfamilienhäuser mit sogenannten Niedertemperatursystemen betrieben werden könnten. Dazu gehören Wärmepumpen, aber auch entsprechend ausgelegte Wärmenetze.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Rund 40 Prozent des Mehrfamilienhausbestands sind nach der Techem-Auswertung bereits mit den vorhandenen Heizkörpern grundsätzlich für niedrigere Systemtemperaturen geeignet.
Bei weiteren Gebäuden wäre ein Austausch einzelner oder mehrerer Heizkörper nötig. Danach steigt der Anteil auf rund 80 Prozent.
Werden spezielle Niedertemperaturheizkörper mit Gebläse eingesetzt, sollen sogar rund 90 Prozent der Gebäude technisch geeignet sein. Nur bei den verbleibenden zehn Prozent wären nach Einschätzung von Techem größere Maßnahmen nötig, etwa zusätzliche Dämmung, Flächenheizungen oder Fußbodenheizungen.
Warum die Vorlauftemperatur so wichtig ist
Der Schlüssel zum Verständnis liegt in einem Begriff, der in der Heizungsdebatte immer wieder auftaucht: Vorlauftemperatur.
Damit ist die Temperatur des Heizwassers gemeint, das vom Heizgerät zu den Heizkörpern fließt.
Ältere Heizsysteme wurden häufig für hohe Temperaturen ausgelegt. Ein klassischer Heizkessel konnte beispielsweise Wasser mit 70 Grad oder mehr durch die Leitungen schicken. Der Heizkörper wurde entsprechend heiß und konnte auch mit relativ kleiner Fläche viel Wärme an den Raum abgeben.
Eine Wärmepumpe arbeitet dagegen besonders effizient, wenn sie deutlich niedrigere Temperaturen erzeugen muss.
Je kleiner der Temperaturunterschied zwischen der Wärmequelle außerhalb des Gebäudes und dem Heizwasser innerhalb des Hauses ist, desto weniger elektrische Energie benötigt die Wärmepumpe.
Deshalb verbessert eine niedrige Vorlauftemperatur die sogenannte Jahresarbeitszahl – also das Verhältnis zwischen eingesetztem Strom und erzeugter Wärme.
Eine Fußbodenheizung ist deshalb hilfreich – aber keine Voraussetzung
An der Stelle entstand eines der bekanntesten Missverständnisse über Wärmepumpen.
Fußbodenheizungen eignen sich hervorragend für niedrige Vorlauftemperaturen, weil eine sehr große Fläche Wärme an den Raum abgibt. Deshalb wurden Wärmepumpen lange besonders häufig mit Neubauten und Fußbodenheizungen verbunden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass normale Heizkörper ungeeignet wären. Entscheidend ist ihre Größe und Leistung.
Viele ältere Heizkörper wurden großzügiger dimensioniert, als es unter heutigen Bedingungen tatsächlich nötig wäre. Gleichzeitig wurden zahlreiche Häuser im Laufe der Jahrzehnte teilweise energetisch verbessert – etwa durch neue Fenster, Dachsanierungen oder gedämmte Fassaden.
Dadurch benötigt ein Raum heute möglicherweise weniger Heizleistung als zu dem Zeitpunkt, als die Heizkörper eingebaut wurden. Der vorhandene Heizkörper kann dann auch mit niedrigerer Temperatur noch genügend Wärme abgeben.
Manchmal reichen größere Heizkörper
Wo die vorhandenen Heizflächen nicht ausreichen, muss deshalb ebenfalls nicht automatisch das gesamte Haus umgebaut werden. Eine Möglichkeit besteht darin, einzelne Heizkörper durch größere Modelle zu ersetzen. Größere Oberflächen geben bei gleicher Wassertemperatur mehr Wärme ab.
Noch weiter gehen sogenannte Niedertemperatur- oder Gebläseheizkörper. Kleine Ventilatoren unterstützen dabei den Luftstrom durch den Heizkörper und erhöhen dessen Wärmeabgabe.
Damit können Räume auch bei niedrigen Vorlauftemperaturen ausreichend beheizt werden, ohne dass Böden geöffnet und überall Fußbodenheizungen eingebaut werden müssen. Dadurch steigt die technische Eignung in der Techem-Auswertung von etwa 40 auf bis zu 90 Prozent.
Auch Fraunhofer kommt zu einem ähnlichen Ergebnis
Die grundsätzliche Aussage steht nicht allein.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE untersuchte 2026 gemeinsam mit zwanzig Unternehmen aus Heizungsbranche und Wohnungswirtschaft den Einsatz von Wärmepumpen in bestehenden Mehrfamilienhäusern.
Das Forschungsprojekt kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Wärmepumpen alte Gas- und Ölheizungen ersetzen können, sofern das gesamte System zum Gebäude passend ausgelegt wird.
Untersucht wurden dabei Gebäude mit sehr unterschiedlichen Heizlasten zwischen 23 und 93 Kilowatt. Die notwendige Technik unterscheidet sich entsprechend stark.
Mehrfamilienhäuser sind anspruchsvoller als Einfamilienhäuser. Neben der Heizleistung müssen Warmwasser, Platzbedarf, Geräuschentwicklung, Leitungsführung und teilweise auch Brandschutz berücksichtigt werden.
Die technische Lösung ist deshalb nicht in jedem Gebäude dieselbe. Die verbreitete Gleichung »Altbau gleich ungeeignet« greift trotzdem zu kurz.
Der einfachste Test beginnt oft an einem kalten Wintertag
Für Eigentümer gibt es eine vergleichsweise einfache Möglichkeit, einen ersten Eindruck von der Eignung des eigenen Heizsystems zu bekommen. Dabei wird die Vorlauftemperatur der bestehenden Heizung probeweise abgesenkt.
Bleibt das Gebäude auch an kalten Tagen mit beispielsweise 50 bis 55 Grad Vorlauftemperatur ausreichend warm, ist das ein starkes Indiz dafür, dass ein Wärmepumpensystem grundsätzlich funktionieren könnte.
Werden einzelne Räume nicht warm genug, bedeutet das ebenfalls nicht automatisch das Aus. Häufig lässt sich feststellen, ob größere Heizkörper, ein hydraulischer Abgleich oder kleinere energetische Maßnahmen ausreichen.
Eine fachgerechte Heizlastberechnung ersetzt dieser Test allerdings nicht. Sie bestimmt, wie viel Wärme jeder Raum tatsächlich benötigt und welche Heizfläche dafür notwendig ist.
Der hydraulische Abgleich wird plötzlich wichtig
Dabei spielt auch die Verteilung des Heizwassers im Gebäude eine Rolle. Bei schlecht abgeglichenen Heizsystemen erhalten Heizkörper in der Nähe des Heizkessels teilweise zu viel Wasser, während weiter entfernte Räume unterversorgt werden.
Die Folge kann sein, dass die gesamte Heizung mit unnötig hoher Temperatur betrieben wird, nur damit der ungünstigste Raum noch warm wird. Ein hydraulischer Abgleich sorgt dafür, dass jeder Heizkörper die tatsächlich benötigte Wassermenge erhält.
Bei Wärmepumpen kann das wichtig werden. Das Ziel besteht darin, die benötigte Raumtemperatur mit möglichst niedriger Systemtemperatur zu erreichen. Damit wird aus einer vermeintlichen Frage nach dem Heizgerät eine Frage nach dem gesamten Heizsystem.
Und was ist mit der Dämmung?
Auch hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung. Ein gut gedämmtes Gebäude benötigt weniger Wärme. Dadurch kann eine Wärmepumpe kleiner dimensioniert werden und mit niedrigeren Temperaturen effizienter arbeiten.
Eine vollständige energetische Sanierung ist deshalb technisch vorteilhaft. Sie ist aber nicht grundsätzlich Voraussetzung dafür, eine Wärmepumpe einzubauen.
Entscheidend ist vielmehr die Heizlast des konkreten Gebäudes. Reichen Heizflächen und Wärmepumpe aus, um diese Last auch an kalten Tagen zu decken, kann das System funktionieren.
Techem schätzt, dass bei rund zehn Prozent des untersuchten Mehrfamilienhausbestands umfangreichere Maßnahmen erforderlich wären. Dazu können zusätzliche Dämmung oder die Umstellung auf größere Flächenheizungen gehören.
Für einen Großteil des Bestands wären die Eingriffe nach der Analyse jedoch deutlich kleiner.
Bei den Heizkosten liegt die Wärmepumpe vorn
Besonders interessant wird die Studie beim Blick auf die tatsächlich abgerechneten Kosten. Für 2025 ermittelte Techem bei Mehrfamilienhäusern mit Wärmepumpen durchschnittliche Kosten für die Raumheizung von rund 8,80 Euro je Quadratmeter.
Bei Pelletheizungen waren es 9,36 Euro. Ölheizungen kamen auf durchschnittlich 12,97 Euro, Erdgas auf 13,92 Euro und Fernwärme auf 16,02 Euro je Quadratmeter.
In den untersuchten Gebäuden waren Wärmepumpen damit das günstigste Heizsystem. Diese Zahlen benötigen allerdings eine wichtige Einschränkung.
Die Kosten beweisen nicht automatisch, dass jede Wärmepumpe billiger ist
Techem weist selbst darauf hin, dass die untersuchten Wärmepumpen überdurchschnittlich häufig in gut gedämmten Gebäuden installiert sind.
Damit vergleichen die Zahlen nicht zwangsläufig identische Häuser, bei denen lediglich die Heizung ausgetauscht wurde.
Ein gut gedämmtes Gebäude benötigt grundsätzlich weniger Energie als ein energetisch schlechtes Gebäude. Aus den 8,80 Euro lässt sich deshalb nicht ableiten, dass der Austausch einer Gasheizung gegen eine Wärmepumpe in jedem beliebigen Mehrfamilienhaus automatisch zu genau dieser Kostenersparnis führen würde.
Die Daten zeigen jedoch, dass Wärmepumpen im realen Gebäudebestand wirtschaftlich betrieben werden können – und dass ihre laufenden Verbrauchskosten seit 2021 vergleichsweise stabil geblieben sind.
Techem führt das unter anderem auf die Entwicklung der Energiepreise zurück. Während Gas und Heizöl seit der Energiekrise erhebliche Preisbewegungen erlebt haben, entwickelten sich die Kosten des stromgestützten Heizens deutlich stabiler.
Fernwärme ist nicht automatisch die günstigere Lösung
Auffällig ist auch ein anderes Ergebnis. Mit durchschnittlich 16,02 Euro je Quadratmeter weist Fernwärme unter den betrachteten Heizsystemen die höchsten Wärmekosten auf.
Auch daraus lässt sich kein allgemeines Urteil über jede Fernwärmeversorgung ableiten. Fernwärmepreise unterscheiden sich regional erheblich und hängen von Erzeugung, Netzstruktur und Vertragsbedingungen ab.
Die Zahl zeigt jedoch, warum Eigentümer bei der kommunalen Wärmeplanung genau hinschauen müssen. Fernwärme kann insbesondere in dichter Bebauung eine technisch sinnvolle Lösung sein. Wirtschaftlich ist sie aber nicht automatisch günstiger als eine dezentrale Wärmepumpe.
Fraunhofer ISE und Öko-Institut kommen bei der Auswertung kommunaler Wärmepläne zu dem Ergebnis, dass Wärmepumpen und Wärmenetze gemeinsam einen großen Teil der zukünftigen Wärmeversorgung übernehmen dürften.
Welche Variante sinnvoller ist, hängt stark von der örtlichen Situation ab.
Das Mehrfamilienhaus ist komplizierter als das Einfamilienhaus
Trotz des großen technischen Potenzials bleiben besondere Herausforderungen. In einem Einfamilienhaus entscheidet häufig ein Eigentümer. Im Mehrfamilienhaus müssen dagegen teilweise Wohnungseigentümergemeinschaften, Vermieter, Mieter, Verwalter und Planer zusammenarbeiten.
Auch die Warmwasserbereitung ist anspruchsvoller. Während eine niedrige Temperatur für die Raumheizung besonders effizient ist, muss Trinkwarmwasser aus hygienischen Gründen teilweise auf deutlich höhere Temperaturen gebracht werden.
Dafür gibt es unterschiedliche Lösungen: zentrale Wärmepumpen, separate Systeme zur Warmwasserbereitung, elektrische Nacherwärmung oder dezentrale Stationen in einzelnen Wohnungen.
Hinzu kommen Fragen nach Aufstellflächen und Schallschutz. Große Mehrfamilienhäuser benötigen entsprechend leistungsfähige Anlagen oder Kaskaden aus mehreren Wärmepumpen.
Die entscheidende Aussage der neuen Daten lautet deshalb nicht, dass jeder Heizungstausch plötzlich simpel geworden wäre. Sie lautet, dass die technische Hürde offenbar bei deutlich weniger Gebäuden liegt als häufig angenommen.
Aus »Geht das überhaupt?« wird zunehmend »Wie geht es am sinnvollsten?«
Darin liegt die Bedeutung der Techem-Auswertung. Über Jahre wurde die Wärmepumpendebatte häufig entlang einer groben Trennlinie geführt: Neubau und Fußbodenheizung auf der einen Seite, Altbau und Heizkörper auf der anderen.
Die Daten von 1,1 Millionen Wohnungen zeigen eine wesentlich größere Grauzone. Bei einem erheblichen Teil der Mehrfamilienhäuser funktioniert ein Niedertemperatursystem möglicherweise bereits heute mit der vorhandenen Technik. Bei einem weiteren großen Teil könnten überschaubare Anpassungen an den Heizflächen reichen. Erst bei einer Minderheit wären umfangreiche bauliche Veränderungen notwendig.
Damit verschiebt sich auch die entscheidende Frage für Eigentümer.
Nicht das Baujahr allein entscheidet darüber, ob eine Wärmepumpe funktioniert. Entscheidend ist, wie viel Wärme das Gebäude benötigt, welche Vorlauftemperatur dafür erforderlich ist und ob die vorhandenen Heizflächen diese Wärme in die Räume bringen können.
Oder kürzer gesagt: Bevor ein Haus für eine Wärmepumpe zu alt ist, sollte man erst einmal nachmessen.
Stefanie S. Klief