Wirtschaft

Stablecoins werden in Deutschland zum Rohrkrepierer

Während Länder wie El Salvador und Unternehmen wie Tesla den Bitcoin bereits vor Jahren als Zahlungsmittel einsetzten, fremdeln viele Menschen in Deutschland noch immer mit der digitalen Währungswelt. Auch Ulrike Hock betrachtete die Branche zunächst mit Skepsis – hielt sie sogar eine Zeit lang für eine Blase. Warum sie heute vor allem in der Tokenisierung eine wegweisende Entwicklung sieht und welche Rolle Europa bei der Gestaltung einer digitalen Finanzwelt spielen könnte, erläutert die ehemalige Direktorin einer Schweizer Großbank im Interview.

5 Min.

14.09.2026

Frau Hock, Sie waren einige Jahre bei UBS und circa 20 Jahre in der Vermögensverwaltung tätig, bevor Sie sich als Strategin selbstständig gemacht haben. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Gedanken zu Kryptowährungen?

 Ja, sehr gut! Mein erster Gedanke war tatsächlich: »Was wird das wieder für eine Blase?«

Als Portfoliomanagerin war ich es gewohnt, den Wert eines Investments über Cashflows, Sicherheiten, Bonität oder reale Vermögenswerte herzuleiten. Bitcoin passte zunächst in keines dieser Raster. Wie sollte etwas, das keinen klassischen inneren Wert und keinen Cashflow besitzt, plötzlich einen so hohen Marktwert entwickeln?

Heute sehe ich das differenzierter.

Wir fragen deshalb, weil sich viele Unternehmer von dem Hype um Krypto haben anstecken lassen. Selbst Elon Musk hat früh Bitcoin bei Tesla akzeptiert. Wie blicken Sie heute auf diese Entwicklung?

Ja, die Aufbruchstimmung war faszinierend. Plötzlich konnte man in Berlin seinen Kuchen mit Bitcoin bezahlen, neue Kryptowährungen schossen wie Pilze aus dem Boden und es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung. Die ersten kräftigen Ernüchterungsphasen ließen allerdings nicht lange auf sich warten.

Rückblickend liegt für mich die wirklich bedeutende Innovation nicht in jeder einzelnen Kryptowährung, sondern in der Technologie dahinter: die Tokenisierung.

Wir leben in einer zunehmend digitalen Wirtschaft. Geld, Vermögenswerte und Zahlungsströme müssen schneller, effizienter und international beweglicher werden. Genau hier eröffnet die Tokenisierung enorme Möglichkeiten. Sie macht ein Asset allerdings nicht automatisch sicher. Entscheidend sind der Rechtsrahmen, die hinterlegten Sicherheiten und ihre Qualität.

Die USA haben mit dem GENIUS Act einen regulatorischen Rahmen für Zahlungs-Stablecoins geschaffen. Die Besicherung erfolgt durch eine 1:1-Unterlegung mit hochliquiden kurzlaufenden US-Staatsanleihen und eventuell auch US-Geldmarktfonds.

Damit entsteht etwas, das weit über Kryptospekulation hinausgeht: eine potenziell sehr schnelle und liquide Infrastruktur für Zahlungsströme und Settlement. Für mich liegt darin der eigentliche wirtschaftliche Wert.

Und in Europa beziehungsweise in Deutschland?

Europa verfolgt einerseits mit dem digitalen Euro einen anderen Weg. Er soll digitales Zentralbankgeld für den Zahlungsverkehr verfügbar machen, aber gleichzeitig sehr begrenzte Haltelimits haben. Schade, denn gerade für Unternehmer wäre das eine schöne Zusatzoption.

Es gibt auch Bemühungen einiger Banken und Interessensverbände, einen Euro-Stablecoin aufzubauen. Doch es wird meines Erachtens sehr herausfordernd, ein ähnliches Pendant zum US-Stablecoin zu schaffen. Die USA verfügen über einen einheitlichen Kapitalmarkt und enorme Skaleneffekte. Europa ist institutionell und regulatorisch wesentlich kleinteiliger. Dazu kommen herausfordernde Steuerthemen.

 Haben Kryptowährungen eine Chance auf breite Akzeptanz?

 Ja, aber nicht deshalb, weil sie »Krypto« heißen.

 Breite Akzeptanz entsteht dann, wenn ein konkretes Problem besser gelöst wird als mit bisherigen Strukturen: durch Geschwindigkeit, Liquidität, einfache Übertragbarkeit, regulatorische Verlässlichkeit und möglichst hohe Sicherheit.

 Deshalb glaube ich, dass wir generell zwischen rein spekulativen Kryptowährungen und regulierten Stablecoins, tokenisierten Vermögenswerten und digitalen Zahlungsinfrastrukturen unterscheiden müssen. Diese können eine völlig andere Bedeutung bekommen. »Tokenisiertes Zahlungsmittel« trifft es eigentlich besser.

 Wie erleben Sie die Unternehmer in Bezug auf Vermögensstruktur generell? Sind die gut aufgestellt?

 Sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht vom vollständigen Auslagern an Bankberater und Vermögensverwalter bis hin zu Unternehmern, die sich sehr intensiv selbst mit ihren Finanzen beschäftigen. Eine Auffälligkeit sehe ich allerdings immer wieder: Es existieren viele einzelne Bausteine, aber häufig fehlt ein roter Faden für das Gesamtbild.

Wie groß die Lücke in der klassischen Vermögensberatung inzwischen ist, zeigt auch der »Capgemini World Wealth Report 2026«: Nur 17 Prozent der vermögenden Privatkunden empfinden ihre Beratung als wirklich nahtlos und personalisiert.

Deshalb plädiere ich für einen dynamischen Gesamtansatz statt einer Sammlung einzelner Finanzprodukte.

 Sie haben im TV und in Ihren Büchern darüber berichtet. Wie bewerten Sie die Finanzbildung in diesem Sektor?

 Als sehr herausfordernd, denn finanzielle Bildung spielt in unserer Gesellschaft nach wie vor kaum eine Rolle. Die meisten Menschen lernen weder in der Schule noch im familiären Umfeld den Umgang mit Geld, den Aufbau von Vermögen oder wie Unternehmensfinanzierung tatsächlich funktioniert.

Hinzu kommt eine historisch gewachsene Zurückhaltung gegenüber Geld und Vermögen. Inflation, Währungsreformen, Kriege und Vermögensverluste haben ganze Generationen geprägt. Sicherheit hat deshalb in Deutschland traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Das Problem beginnt oft dort, wo Sicherheit mit Nichtstun verwechselt wird. Auch autodidaktisches »Learning by Doing« macht es eher riskant und teuer.

Wir benötigen ein wesentlich größeres Selbstverständnis davon, wie Vermögen entsteht, wie Risiken professionell gesteuert werden und wie Kapital produktiv eingesetzt werden kann.

Unsere Gesprächspartnerin:

Ulrike Hock ist Vermögensstrategin für Unternehmer und Unternehmerfamilien. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im institutionellen Asset Management und Investmentbanking und war unter anderem als Director bei einer Schweizer Großbank tätig. In ihrer beruflichen Laufbahn verantwortete sie institutionelle Mandate von rund 10 Milliarden Euro und analysierte mehr als 500 Unternehmen.

Seit 2023 ist sie selbstständig und begleitet Unternehmer und Unternehmerfamilien bei der strategischen Strukturierung von Unternehmens- und Privatvermögen. Im Mittelpunkt steht ein ganzheitlicher Ansatz, der vom Unternehmens- bis zum Generationenvermögen reicht.

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