Magdeburg am 06.09.2026. Symbolbild
Wenn eine Partei am rechten Rand immer stärker wird, scheint eine Reaktion naheliegend: Die etablierte Konkurrenz übernimmt einen Teil ihrer Positionen und versucht, verlorene Wähler zurückzugewinnen. In der Politikwissenschaft besitzt diese Strategie sogar einen eigenen Namen: »Accommodation«. Nach dem starken Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt dürfte sie erneut intensiv diskutiert werden. Die Forschung dazu reicht mehr als 20 Jahre zurück. Nur ist ihre Antwort deutlich komplizierter als der beliebte Satz: Die Kopie verliert immer gegen das Original.
Drei Möglichkeiten im Umgang mit einem neuen Konkurrenten
Eine der einflussreichsten Theorien dazu stammt von der US-Politikwissenschaftlerin Bonnie Meguid.
2005 beschrieb sie im American Political Science Review, wie etablierte Parteien auf sogenannte Nischenparteien reagieren können, die mit einem bestimmten Thema in den politischen Wettbewerb drängen.
Meguid unterschied drei grundlegende Strategien.
Diese letzte Variante wird heute häufig mit der Frage verbunden, ob konservative Parteien durch restriktivere Positionen etwa in der Migrationspolitik Wähler von radikal rechten Parteien zurückholen können.
Interessanterweise lautet Meguids ursprüngliche Theorie dabei nicht, dass dies zwangsläufig scheitert.
Im Gegenteil.
Ihr Modell erwartet, dass eine erfolgreiche Übernahme der Position einer Nischenpartei deren Wettbewerbsvorteil schwächen kann. Die etablierte Partei erhöht zwar die Bedeutung des Themas, greift zugleich aber das sogenannte Issue Ownership des Herausforderers an. Spätere Darstellungen der Theorie bezeichnen Accommodation deshalb ausdrücklich als eine potenziell besonders erfolgversprechende Strategie.
Was bedeutet eigentlich Issue Ownership?
Die zugrunde liegende Idee ist älter.
John Petrocik beschrieb 1996, dass Wähler bestimmten Parteien bei bestimmten politischen Problemen dauerhaft besondere Kompetenz zuschreiben können.
Entscheidend ist also nicht nur, welche Position eine Partei vertritt. Ebenso wichtig ist, welcher Partei die Wähler zutrauen, ein bestimmtes Problem tatsächlich zu lösen.
Daraus entstand später die eingängige Formel, die politische Kopie verliere gegen das Original. Als wissenschaftliches Gesetz taugt diese Verkürzung allerdings nicht.
Issue Ownership kann sich verändern. Parteien können Kompetenz gewinnen oder verlieren. Und Wähler entscheiden keineswegs ausschließlich danach, wer ein Thema zuerst besetzt hat.
Damit bleibt die Frage empirisch offen:
Was passiert tatsächlich, wenn etablierte Parteien nach rechts rücken?
Eine große Untersuchung fand keinen erhofften Effekt
Einen der meistbeachteten Tests veröffentlichten Werner Krause, Denis Cohen und Tarik Abou-Chadi. Sie untersuchten sowohl Wahlergebnisse auf Parteienebene als auch individuelle Wählerwanderungen zwischen etablierten und radikal rechten Parteien in mehreren westeuropäischen Staaten.
Ihr Ergebnis widersprach der ursprünglichen Accommodation-Hypothese deutlich.
Die Forscher fanden keine Evidenz dafür, dass eine Annäherung etablierter Parteien an Positionen der radikalen Rechten deren Stimmenanteil reduziert. Wenn überhaupt, deuteten die Daten eher darauf hin, dass dadurch zusätzliche Wähler zur radikalen Rechten wechselten. Auch die etablierten Parteien selbst profitierten im Durchschnitt nicht von der Strategie.
Eine mögliche Erklärung: Wenn eine etablierte Partei ein Thema wie Migration stärker betont und dabei restriktivere Positionen übernimmt, kann sie zugleich die Bedeutung dieses Themas erhöhen.
Das kann einem Konkurrenten helfen, der damit bereits besonders stark verbunden wird. Eine weitere vergleichende Untersuchung zeigte tatsächlich, dass die Accommodation radikal rechter Themen mit größerer öffentlicher Aufmerksamkeit für deren Kernthemen zusammenhängen kann. Daraus folgt allerdings nicht automatisch ein höherer Stimmenanteil für die radikale Rechte.
Doch dann kam eine Studie zum gegenteiligen Ergebnis
Wissenschaft wäre einfach, wenn damit alles geklärt wäre.
2025 untersuchte der norwegische Politikwissenschaftler Gunnar Thesen einen Teil dieser Daten erneut – und ergänzte eine Variable, die zuvor kaum berücksichtigt worden war: die politische Berichterstattung.
Wie häufig berichteten Medien über Migration? Wie sichtbar waren radikal rechte Parteien in dieser Berichterstattung?
Thesen analysierte 22 Wahlzyklen in fünf Ländern. Sobald er diese Faktoren berücksichtigte, änderte sich das Ergebnis bemerkenswert: In seiner Analyse konnte eine Annäherung etablierter Parteien an restriktivere Migrationspositionen das Wachstum der radikalen Rechten bremsen oder deren Unterstützung sogar verringern.
Der Autor selbst warnt allerdings davor, daraus einen endgültigen Gegenbeweis abzuleiten.
Seine Untersuchung umfasst weniger Länder und einen kürzeren Zeitraum als die ursprüngliche große Analyse. Sie zeigt vor allem, wie empfindlich das Ergebnis davon abhängen kann, welche politischen Rahmenbedingungen ein statistisches Modell berücksichtigt.
Damit haben wir bereits zwei wissenschaftlich plausible Befunde, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen.
Eine neue Studie von 2026 wird wieder skeptischer
Noch komplizierter wird das Bild durch eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung von 14 Wahlen in elf westeuropäischen Ländern.
Die Forscher wählten bewusst Situationen aus, in denen Migration beziehungsweise Terrorismus für die Wähler besonders wichtig waren.
Eigentlich müssten dies besonders günstige Bedingungen für eine Accommodation-Strategie sein: Wenn sehr viele Menschen über Migration sprechen, müsste eine etablierte Partei mit einer härteren Migrationspolitik theoretisch besonders viele Wähler zurückgewinnen können.
Das ließ sich jedoch nicht beobachten.
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass etablierte Parteien selbst bei hoher Bedeutung des Migrationsthemas nicht erkennbar von einer Verschiebung nach rechts profitierten. Das Ausbleiben eines solchen Rechtsrucks war in ihrer Analyse dagegen ausreichend, um größere Verluste an radikal rechte Parteien zu vermeiden.
Auch diese Studie ist kein endgültiger Beweis. Sie untersucht lediglich 37 Parteien und verwendet mit der Qualitative Comparative Analysis eine andere Methode als klassische Regressionsstudien. Aber sie verstärkt den Zweifel daran, dass »einfach härter werden« eine zuverlässige Wahlstrategie ist.
Deutschland liefert inzwischen sogar experimentelle Daten
Besonders interessant für die deutsche Debatte ist eine Untersuchung mit 4.042 deutschen Wählern.
Die Teilnehmer bekamen fiktive politische Auseinandersetzungen zwischen der AfD und entweder CDU/CSU oder SPD vorgelegt. Es ging um Migration, den Krieg in der Ukraine und Inflation.
Die Forscher variierten anschließend zwei Dinge:
Übernimmt die etablierte Partei eine radikalere politische Position?
Und übernimmt sie zusätzlich eine stärker populistische Sprache?
Das Ergebnis zeigt ziemlich gut, warum sich aus der Forschung keine einfache Handlungsanweisung ableiten lässt.
Damit kann dieselbe Strategie gleichzeitig Wähler gewinnen und andere verlieren. Ob sie sich am Ende lohnt, hängt deshalb entscheidend davon ab, wie groß diese verschiedenen Gruppen innerhalb des jeweiligen Elektorats sind.
Härtere Sprache allein half überhaupt nicht
Noch interessanter ist das zweite Ergebnis des deutschen Experiments.
Die Forscher testeten nicht nur politische Positionen, sondern auch populistische Rhetorik: Angriffe auf »Eliten«, die Gegenüberstellung von »Volk« und »Elite« und eine entsprechend zugespitzte Sprache.
Hier fand sich praktisch kein messbarer Wahleffekt.
Weder rechte noch linke, weder populistisch eingestellte noch andere Wähler bewerteten CDU/CSU oder SPD deshalb systematisch besser. Die Teilnehmer erkannten die populistische Sprache durchaus – belohnten sie aber nicht.
Das ist für die politische Debatte möglicherweise mindestens ebenso relevant wie die Frage nach einzelnen Sachpositionen. Eine etablierte Partei kann versuchen, Positionen eines populistischen Konkurrenten zu übernehmen. Daraus folgt noch lange nicht, dass es ihr hilft, auch dessen Kommunikationsstil zu kopieren.
Auch »Normalisierung« ist nicht dasselbe wie Wahlerfolg
Hinzu kommt eine zweite Ebene, die häufig mit der Wahlstrategie vermischt wird.
Eine etablierte Partei kann eine radikal rechte Position übernehmen und damit möglicherweise selbst Stimmen gewinnen – während sie gleichzeitig dazu beiträgt, dass diese Position gesellschaftlich selbstverständlicher erscheint.
Das sind zwei unterschiedliche Fragen.
Forschung zur Parteikonkurrenz zeigt, dass radikal rechte Parteien die Aufmerksamkeit etablierter Parteien auf Migration erhöhen können. Eine Untersuchung von rund 120.000 Pressemitteilungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fand während der Flüchtlingskrise eine starke Zunahme der Aufmerksamkeit für Migration bei nahezu allen Parteien; hohe Aufmerksamkeit der radikalen Rechten zog zusätzliche Aufmerksamkeit etablierter Parteien nach sich.
Eine Strategie kann also auf Wahlebene funktionieren oder scheitern und trotzdem den politischen Diskurs verändern. Deshalb reicht es nicht, allein die Stimmenanteile der beteiligten Parteien zu betrachten.
Und was beweist Sachsen-Anhalt? Zunächst erstaunlich wenig
Nach dem jüngsten Wahlergebnis liegt die Versuchung nahe, daraus unmittelbar ein Urteil über die Strategie der Union abzuleiten.
Die AfD erreichte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 17,2 Prozent. Gegenüber 2021 gewann die AfD damit 23 Prozentpunkte hinzu, während die CDU 19,9 Prozentpunkte verlor.
Das ist politisch ein dramatisches Ergebnis.
Wissenschaftlich beweist es aber nicht, dass eine bestimmte Strategie von CDU, CSU, Friedrich Merz oder einzelnen Landespolitikern ursächlich dafür verantwortlich war. Wahlen werden durch Spitzenkandidaten, regionale Bedingungen, Bundespolitik, wirtschaftliche Entwicklungen, Themenkonjunkturen, Wahlbeteiligung und zahlreiche weitere Faktoren beeinflusst.
Aus einem Wahlergebnis lässt sich deshalb keine kontrollierte Versuchsanordnung machen.
Wer Sachsen-Anhalt als endgültigen Beweis dafür verwendet, dass Accommodation funktioniert oder nicht funktioniert, verlangt von einer einzelnen Wahl mehr, als sie leisten kann.
Die Forschung liefert trotzdem eine ziemlich klare Warnung
Eine Garantie, dass die Übernahme radikal rechter Positionen deren Erfolg schwächt, gibt es nicht. Mehrere große Untersuchungen finden gar keinen positiven Effekt oder sogar Nachteile für etablierte Parteien. Andere Arbeiten zeigen, dass Accommodation unter bestimmten Bedingungen durchaus funktionieren kann. Und Experimente mit deutschen Wählern machen deutlich, warum sich beide Befunde nicht zwingend widersprechen: Dieselbe Positionsverschiebung kann unterschiedliche Wählergruppen in entgegengesetzte Richtungen bewegen.
Die politikwissenschaftlich sauberste Antwort lautet deshalb weder:
»Die Kopie verliert immer gegen das Original.«
Noch:
»Man muss nur weit genug nach rechts rücken, dann kommen die Wähler zurück.«
Beides ist für den Stand der Forschung zu simpel.
Was sich dagegen ziemlich gut sagen lässt: Wer die Position eines politischen Herausforderers übernimmt, verändert damit nicht nur die eigene Partei.
Er verändert zugleich, welche Themen wichtig erscheinen, welche Positionen als normal gelten und zwischen welchen politischen Angeboten die Wähler anschließend überhaupt noch unterscheiden können.
Daher ist Accommodation keine einfache Methode zur Rückgewinnung von Stimmen. Sie ist eine Wette auf das gesamte politische Spielfeld.
Stefanie S. Klief