Deutschland diskutiert über Fachkräftemangel, längere Lebensarbeitszeiten und die Aktivierung zusätzlicher Erwerbspotenziale. Gleichzeitig rückt eine Gruppe erst allmählich in den Fokus der Arbeitsmarktforschung: Millionen Frauen, die mitten im Berufsleben durch die Wechseljahre gehen. Neue Daten zeigen einen auffälligen Zusammenhang zwischen Beschwerdelast und Erwerbsbeteiligung.
Die Wechseljahre galten lange vor allem als medizinisches oder privates Thema. Für den Arbeitsmarkt könnte diese Sicht zu kurz greifen.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat erstmals umfassende Daten dazu erhoben, wie verbreitet wechseljahrestypische Beschwerden bei Frauen im erwerbsfähigen Alter sind – und wie sie mit der Erwerbsbeteiligung zusammenhängen. Die im Juni veröffentlichten Ergebnisse sind repräsentativ für rund 6,5 Millionen erwerbsfähige Frauen zwischen 40 und 55 Jahren.
Gerade diese Altersgruppe ist wirtschaftlich relevant: Viele Frauen verfügen in dieser Lebensphase über jahrzehntelange Berufserfahrung, Fachwissen und zunehmend auch Führungsverantwortung. Gleichzeitig muss Deutschland sein vorhandenes Arbeitskräftepotenzial stärker nutzen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts werden innerhalb der kommenden 15 Jahre rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter erreichen. Bereits 2025 war mehr als jede vierte Erwerbsperson 55 Jahre oder älter.
Je mehr Beschwerden, desto geringer die Erwerbsbeteiligung
Die IAB-Daten zeigen zunächst, wie verbreitet die Beschwerden sind. Rund die Hälfte der befragten Frauen zwischen 40 und 55 Jahren ordnet sich selbst den Wechseljahren zu. Fast zwei von drei dieser Frauen berichten von sechs oder mehr gleichzeitig auftretenden Beschwerden innerhalb der vergangenen vier Wochen. Besonders häufig genannt wurden Gelenk- und Muskelschmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen.
Bemerkenswert ist, dass auch Frauen betroffen sind, die sich selbst noch nicht in den Wechseljahren sehen. Fast die Hälfte dieser Gruppe berichtete ebenfalls von mindestens 6 wechseljahrestypischen Beschwerden. Das IAB hatte die Symptome deshalb bewusst zunächst ohne ausdrücklichen Bezug zur Menopause abgefragt, um auch Frauen zu erfassen, die ihre Beschwerden selbst nicht damit verbinden.
Wirtschaftlich entscheidend ist ein anderer Befund: Bei Frauen mit höchstens drei Beschwerden liegt die statistisch geschätzte Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, bei etwa 76 Prozent. Bei Frauen mit neun oder mehr Beschwerden sinkt sie auf rund 59 Prozent. Der Unterschied ist statistisch signifikant und bleibt auch bestehen, wenn unter anderem Alter, Bildungsniveau, Kinder im Haushalt, Haushaltstyp und Ost-West-Wohnort berücksichtigt werden.
Ein Zusammenhang ist noch keine Ursache
Gerade diese Zahl verlangt allerdings eine sorgfältige Einordnung.
Das IAB weist keinen kausalen Effekt nach. Aus den Daten lässt sich also nicht ableiten, dass die Wechseljahre selbst dafür verantwortlich sind, dass eine Frau nicht erwerbstätig ist. Erkrankungen oder andere Belastungen können zugleich Beschwerden verursachen und die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen. Auch die reine Zahl der Symptome sagt zunächst wenig darüber aus, wie schwer einzelne Beschwerden tatsächlich sind.
Die Untersuchung zeigt aber einen belastbaren Zusammenhang, der arbeitsmarktpolitisch relevant genug ist, um genauer erforscht zu werden. Die IAB-Autorinnen wollen deshalb künftig unter anderem untersuchen, welche Beschwerdekombinationen besonders stark mit dem Erwerbsverhalten zusammenhängen und wie Betriebe bislang mit dem Thema umgehen.
Auch die Datengrundlage hat Grenzen: Befragt wurden Frauen zwischen 40 und 55 Jahren aus dem IAB-Online-Panel »Arbeiten und Leben in Deutschland«. Selbstständige und Beamtinnen gehören nicht zur Grundgesamtheit. Für die Analyse wurden 1.580 Frauen befragt und die Ergebnisse anschließend auf rund 6,5 Millionen Frauen hochgerechnet.
»WECHSELZEIT« erweitert den Blick über Krankheit hinaus
Dass das Thema gerade wissenschaftlich breiter betrachtet wird, zeigt ein weiteres aktuelles Forschungsprojekt der Dualen Hochschule Gera-Eisenach.
Die Studie »WECHSELZEIT« untersucht Frauen zwischen 40 und 65 Jahren und richtet den Blick ausdrücklich nicht nur auf hormonelle oder medizinische Veränderungen. Erforscht werden auch Selbstbild und Identität, gesellschaftliche Sichtbarkeit, Partnerschaft, Sinnorientierung und berufliche Teilhabe. Nach Angaben der Hochschule betrifft die untersuchte Lebensphase mehr als neun Millionen Frauen in Deutschland.
Ergebnisse dieser Studie sind bislang noch nicht veröffentlicht; die Befragung läuft weiterhin. Der Ansatz zeigt jedoch, wie sich die Perspektive verschiebt: von der Frage, welche medizinischen Beschwerden Wechseljahre verursachen, hin zu der Frage, was diese Lebensphase mit der gesellschaftlichen und beruflichen Position von Frauen macht.
Das Projekt soll zugleich eine Grundlage für das geplante Forschungsvorhaben »MENOPAUS+« schaffen. Dort ist ein betrieblicher »Menopausen-Kompass« vorgesehen, der Unternehmen bei einer teilhabe- und geschlechtergerechteren Arbeitsgestaltung unterstützen soll.
Aus einem Frauenthema wird eine Unternehmensfrage
Für Arbeitgeber liegt darin ein Perspektivwechsel.
Beschwerden wie Schlafstörungen, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme verschwinden nicht am Werkstor. Werden sie ausschließlich als private Angelegenheit behandelt, können Unternehmen im ungünstigsten Fall genau jene Beschäftigten verlieren oder weniger einsetzen, deren Erfahrung sie angesichts des demografischen Wandels dringend benötigen.
Das bedeutet nicht, dass jede Frau in den Wechseljahren besondere Arbeitsbedingungen benötigt. Ein erheblicher Teil erlebt diese Phase ohne starke Einschränkungen. Pauschale Zuschreibungen könnten sogar das Gegenteil bewirken und Frauen in einem Alter, in dem Karrieren häufig ihren Höhepunkt erreichen, erst recht als vermeintlich weniger belastbar erscheinen lassen.
Die wirtschaftlich sinnvolle Konsequenz wäre deshalb keine Sonderbehandlung aufgrund des Alters, sondern ein Arbeitsumfeld, in dem konkrete Belastungen angesprochen und – wo erforderlich – pragmatisch reduziert werden können.
Flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, Rückzugsmöglichkeiten oder eine Führungskultur, in der gesundheitliche Einschränkungen nicht automatisch zum Karriereproblem werden, sind dabei keine ausschließlich menopausenspezifischen Instrumente. Viele davon können auch anderen Beschäftigten zugutekommen.
Deutschland kann auf diese Erwerbsjahre kaum verzichten
Die Debatte erhält durch die demografische Entwicklung zusätzliche Dringlichkeit.
2025 waren 27 Prozent der Erwerbspersonen in Deutschland bereits mindestens 55 Jahre alt. Gleichzeitig steigt die Erwerbsbeteiligung gerade in den höheren Altersgruppen: Bei den 60- bis 64-Jährigen erhöhte sie sich innerhalb von 10 Jahren von 53 auf 68 Prozent. Politik und Wirtschaft setzen also längst darauf, dass Menschen länger im Erwerbsleben bleiben.
Bei Frauen besteht gleichzeitig weiterhin zusätzliches Erwerbspotenzial. 2025 arbeitete gut jede 2. abhängig beschäftigte Frau in Teilzeit, bei Männern waren es 14,3 Prozent. Teilzeit hat sehr unterschiedliche Ursachen und lässt sich keineswegs beliebig in Vollzeit umwandeln. Dennoch zeigt die Zahl, warum die Erwerbsbeteiligung von Frauen in der Fachkräftedebatte eine zentrale Rolle spielt.
Vor diesem Hintergrund wäre es widersprüchlich, einerseits zusätzliche Arbeitsstunden und längere Erwerbsbiografien einzufordern und andererseits gesundheitliche oder betriebliche Faktoren kaum zu untersuchen, die einem Teil der Beschäftigten genau diese längere Erwerbstätigkeit erschweren könnten.
Was bleibt
Die Wechseljahre sind nicht plötzlich ein neues volkswirtschaftliches Problem. Neu ist vielmehr, dass ihr möglicher Einfluss auf den Arbeitsmarkt zunehmend messbar wird.
Die aktuellen IAB-Daten beweisen nicht, dass wechseljahrestypische Beschwerden Frauen aus dem Arbeitsmarkt drängen. Sie zeigen aber einen deutlichen Zusammenhang: Je höher die Beschwerdelast, desto geringer ist die statistische Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit. Für rund 6,5 Millionen Frauen im untersuchten Alter ist das keine Randfrage.
Gleichzeitig beginnt die Forschung mit Projekten wie »WECHSELZEIT«, den Blick über Hormone und Symptome hinaus auf Beruf, Rollenbilder und gesellschaftliche Teilhabe zu richten.
In einer alternden Gesellschaft bekommt diese Perspektive eine wirtschaftliche Dimension. Wer länger arbeiten und vorhandene Fachkräfte besser nutzen will, muss auch verstehen, warum Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren, aussteigen oder berufliche Möglichkeiten nicht ausschöpfen können.
Die Wechseljahre gehören damit nicht nur in die Arztpraxis. Sie gehören zunehmend auch auf die Agenda von Unternehmen und Arbeitsmarktpolitik.
Stefanie S. Klief