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Sieben Grenzen nachhaltig überschritten – das Wirtschaftsrisiko steigt

Warum der Zustand von Wasser, Böden, Wäldern und Meeren zunehmend in Unternehmensbilanzen und Kreditrisiken auftaucht

8 Min.

24.09.2026

Abholzung im Amazonasgebiet: Wo Regenwald gerodet wird, gehen nicht nur Lebensräume verloren – auch Böden, Wasserhaushalt und Kohlenstoffspeicherung verändern sich dauerhaft.

Wasser aus dem Fluss, Kohlenstoffspeicherung im Wald, fruchtbare Böden, Bestäubung oder Schutz vor Überschwemmungen tauchen in keiner klassischen Lieferantenrechnung auf. Für Unternehmen können diese Leistungen trotzdem ähnlich wichtig sein wie Energie, Rohstoffe oder Infrastruktur. Der neue Planetary Health Check 2026 zeigt, dass sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen inzwischen überschritten sind – und bei allen sieben nimmt der Druck weiter zu. Für die Wirtschaft wird damit etwas zum Risiko, das lange kaum bilanziert wurde: die Verlässlichkeit natürlicher Produktionsgrundlagen.

Sieben von neun Grenzen liegen außerhalb des sicheren Bereichs

Der am 21. September veröffentlichte Planetary Health Check des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung untersucht neun Prozesse, die nach dem Konzept der planetaren Belastungsgrenzen für Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Erdsystems wesentlich sind.

Sieben davon gelten inzwischen als überschritten: Klimawandel, Biosphärenintegrität, Landnutzungsänderungen, Veränderungen des Süßwasserkreislaufs, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, neuartige Stoffe wie synthetische Chemikalien und Kunststoffe sowie die Versauerung der Ozeane. Nur der Zustand der Ozonschicht und die globale Aerosolbelastung befinden sich derzeit innerhalb der definierten Grenzen. Bei sämtlichen sieben überschrittenen Bereichen registrieren die Autoren weiter zunehmenden Druck.

Eine überschrittene Grenze bedeutet dabei nicht, dass ein bestimmtes System unmittelbar kollabiert. Das Konzept beschreibt vielmehr Bereiche, in denen Risiken für Instabilität und nichtlineare Veränderungen zunehmen.

Für Unternehmen stellt sich deshalb eine andere Frage: Wann wird aus einem ökologischen Risiko ein ökonomisches?

Für Banken ist Natur längst kein Randthema mehr

Bei der Europäischen Zentralbank ist diese Frage inzwischen angekommen.

Fast 75 Prozent der Unternehmenskredite von Banken im Euroraum entfallen nach EZB-Berechnungen auf Unternehmen, die stark von mindestens einer sogenannten Ökosystemleistung abhängig sind. Dazu gehören beispielsweise Wasserverfügbarkeit, Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung, Holz, Fischbestände oder natürliche Regulierung von Überschwemmungen und Klima.

Damit kann die Verschlechterung natürlicher Systeme über Unternehmen letztlich auch in Bankbilanzen gelangen.

Wenn ein Betrieb weniger produzieren kann, Rohstoffe teurer werden oder Standorte häufiger ausfallen, sinken Umsätze und Margen. Das wiederum kann Kreditrisiken erhöhen.

Eine aktuelle EZB-Untersuchung zeigt bereits, dass Unternehmen mit höheren Biodiversitätsrisiken bei bestimmten Krediten höhere Zinsaufschläge zahlen. Banken beginnen damit, solche Risiken zumindest teilweise einzupreisen.

Wasser könnte zum größten unmittelbaren Wirtschaftsrisiko werden

Besonders konkret wird dieser Zusammenhang beim Wasser.

Der Planetary Health Check sieht die globale Süßwassergrenze deutlich überschritten. Abweichungen von normalen Fluss- und Bodenfeuchtebedingungen treten inzwischen auf ungefähr doppelt so großer Fläche auf wie unter weitgehend vorindustriellen Bedingungen. Dürren, Starkregen, sinkende Grundwasserstände und veränderte Flussläufe verändern die Verfügbarkeit von Wasser regional erheblich.

Die EZB beziffert die wirtschaftliche Größenordnung inzwischen ebenfalls.

Allein die Knappheit von Oberflächenwasser könnte bis zu 24 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum betreffen. Von rund 4,4 Billionen Euro analysierten Bankkrediten waren 19 Prozent Unternehmen ausgesetzt, die von Oberflächenwasserknappheit betroffen sein können. Werden Grundwasserrisiken hinzugerechnet, steigt der Anteil auf 22 Prozent. Besonders betroffen sind Immobilienwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe und Handel.

Wasser ist damit längst nicht nur ein Problem für Landwirtschaft.

Halbleiterfabriken brauchen große Mengen hochreinen Wassers. Chemie-, Papier-, Lebensmittel- und Metallindustrie sind davon abhängig. Kraftwerke benötigen Wasser zur Kühlung. Niedrige Flusspegel können zugleich Binnenschifffahrt und damit Rohstofftransporte verteuern.

Was früher als nahezu selbstverständlich verfügbarer Standortfaktor galt, kann damit zum Engpass werden.

Auch kostenlose Kohlenstoffspeicherung hat einen wirtschaftlichen Wert

Einen Schwerpunkt legt der diesjährige Planetary Health Check auf natürliche Kohlenstoffsenken.

Wälder, Böden und Meere nehmen einen erheblichen Teil des Kohlendioxids auf, das durch menschliche Aktivitäten zusätzlich in die Atmosphäre gelangt. Land- und Meeresökosysteme absorbieren zusammen ungefähr die Hälfte der anthropogenen CO₂-Emissionen.

Der Bericht bezeichnet insbesondere die Kohlenstoffsenke an Land als fragil und untersucht, wie Entwaldung, Brände, Dürren und andere Störungen ihre Funktion beeinflussen können.

Aus ökonomischer Sicht ist diese Funktion enorm wichtig: Sie wird bislang weitgehend kostenlos erbracht.

Schwächt sich eine natürliche Senke, bleibt bei gleichen Emissionen mehr CO₂ in der Atmosphäre. Soll ein bestimmtes Klimaziel dennoch erreicht werden, muss an anderer Stelle stärker reduziert oder Kohlendioxid technisch beziehungsweise durch zusätzliche natürliche Senken gebunden werden.

Damit besitzt die Stabilität von Wäldern und anderen Ökosystemen einen wirtschaftlichen Wert, selbst wenn dafür bislang keine Rechnung ausgestellt wird.

Die Weltbank hat den möglichen Ausfall bereits durchgerechnet

Wie groß solche versteckten Werte werden können, zeigt eine Modellrechnung der Weltbank.

Sie untersuchte ausgewählte Leistungen der Natur – darunter Bestäubung, Fischerei, Holzproduktion sowie Speicherung und Aufnahme von Kohlenstoff. Bei einem teilweisen Zusammenbruch dieser Leistungen könnte die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 dem Modell zufolge um 2,7 Billionen Dollar niedriger ausfallen als im Basisszenario.

Die Berechnung modelliert ein Risikoszenario und umfasst zudem nur einige ausgewählte Ökosystemleistungen. Sie zeigt aber, warum ökonomische Modelle zunehmend versuchen, Natur nicht mehr ausschließlich als externe Rahmenbedingung zu behandeln. Denn wenn eine Leistung bislang keinen Marktpreis besitzt, bedeutet das nicht, dass ihr Ausfall kostenlos wäre.

Naturverlust kann sogar die Inflation beeinflussen

Für Zentralbanken ist das Thema deshalb nicht nur wegen der Bankenaufsicht interessant. Es betrifft auch Preise.

Die EZB verweist auf eine Untersuchung der Banque de France, wonach Störungen von Ökosystemleistungen in Frankreich die Nahrungsmittelpreise um mehr als zwei Prozent erhöhen und rund 0,5 Prozentpunkte zur Inflation beitragen könnten.

Die Mechanik dahinter ist klassisch wirtschaftlich.

Sinken Erträge, fehlt Wasser oder werden Fischbestände kleiner, wird Angebot knapper. Müssen Unternehmen zusätzliche Kühlung, Bewässerung, Wasseraufbereitung oder alternative Rohstoffe finanzieren, steigen Produktionskosten.

Nicht jede Umweltveränderung schlägt unmittelbar auf Verbraucherpreise durch. Aber Naturverlust kann wie ein anderer Angebotsschock wirken: Die gleiche Produktion benötigt mehr Kapital, mehr Energie oder mehr technische Ersatzlösungen.

Chemikalien werden zum zweiten unterschätzten Kostenfaktor

Der zweite Schwerpunkt des Planetary Health Check 2026 betrifft sogenannte »Novel Entities«.

Darunter versteht der Bericht menschengemachte Chemikalien und Materialien sowie Stoffe, die durch menschliche Aktivitäten in ungewöhnlich großen Mengen in die Umwelt gelangen. Dazu gehören unter anderem Kunststoffe und langlebige Schadstoffe. Die Wissenschaftler sehen diese Grenze deutlich überschritten; zugleich weisen sie darauf hin, dass bei einem erheblichen Teil der weltweit verwendeten Stoffe ausreichende Daten über langfristige Auswirkungen fehlen.

Für Unternehmen entsteht daraus eine andere Form wirtschaftlichen Risikos.

Produkte oder Produktionsverfahren können später reguliert werden. Ersatzstoffe müssen entwickelt, Produktionslinien angepasst und Altlasten saniert werden. Unternehmen können Haftungsrisiken entstehen, wenn Stoffe erst Jahre nach ihrer Einführung als problematisch erkannt werden.

Der ökonomische Wert frühzeitiger Prüfung liegt damit auch darin, spätere Umbaukosten zu begrenzen.

Das eigentliche Problem ist ein falscher Preis von Natur

Viele dieser Risiken haben eine gemeinsame Ursache: Leistungen der Natur tauchen in klassischen Unternehmensrechnungen nur dann auf, wenn bereits ein Marktpreis existiert.

  • Ein Kubikmeter gekauftes Wasser hat einen Preis.
  • Ein stabiler regionaler Wasserkreislauf nicht.
  • Holz besitzt einen Preis.
  • Die Fähigkeit eines Waldes, Kohlenstoff zu speichern, Wasser zurückzuhalten oder Erosion zu verhindern, häufig nicht.

Die Weltbank spricht deshalb von »Naturkapital« und versucht, natürliche Ressourcen und Ökosystemleistungen stärker in volkswirtschaftliche Vermögensrechnungen einzubeziehen. Ihre Berechnungen gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der globalen Wirtschaftsleistung unmittelbar oder mittelbar von natürlichen Systemen abhängt.

Das bedeutet nicht, jedem Baum oder jedem Fluss einen Börsenkurs geben zu müssen. Es bedeutet zunächst, Abhängigkeiten sichtbar zu machen, die in konventionellen Kostenrechnungen oft fehlen.

Planetare Grenzen sind inzwischen auch ein Wirtschaftsthema

Für Unternehmen verschiebt sich damit die Perspektive.

  • Wo ist auch in zwanzig Jahren ausreichend Wasser verfügbar? 
  • Wie stabil sind Lieferketten für landwirtschaftliche Rohstoffe? 
  • Welche Standorte sind von Überschwemmungen, Hitze oder Bodendegradation betroffen? 
  • Welche Materialien könnten künftig höhere regulatorische oder Haftungskosten verursachen? 
  • Wie stark hängt ein Unternehmen von Leistungen ab, für die es bislang keinen Liefervertrag gibt?

Solche Fragen sind näher an klassischem Risikomanagement als an Umweltkommunikation.

Der Planetary Health Check beziffert die wirtschaftlichen Folgen seiner sieben überschrittenen Grenzen nicht. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Dass sie für die Wirtschaft relevant sind, zeigen inzwischen andere Institutionen.

Wenn die EZB untersucht, welche Naturabhängigkeiten in 4,4 Billionen Euro Bankkrediten stecken, geht es nicht um Symbolpolitik.

Es geht um die Frage, ob Unternehmen ihre Kredite zurückzahlen können. weshalb die  sind.

Stefanie S. Klief

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