Frauen in Führungspositionen: Eine neue US-Studie zeigt, wie verbreitet traditionelle Geschlechterbilder im Berufsleben immer noch sind.
Tradwives inszenieren das traditionelle Familienleben, in Teilen der sogenannten Manosphere werden männliche Dominanz und klassische Rollenverteilungen propagiert. Solche Vorstellungen verbreiten sich über soziale Netzwerke – und sind nach einer neuen amerikanischen Untersuchung auch im Berufsleben präsent. Doch zwischen dem Konsum entsprechender Inhalte und einer tatsächlichen Benachteiligung von Frauen liegt ein wichtiger Unterschied. Was die Zahlen belegen, welche Fragen offenbleiben und warum auch der deutsche Arbeitsmarkt in den Blick gerät.
Alte Vorstellungen in einer neuen digitalen Umgebung
Frauen kümmern sich um Familie und Haushalt, Männer verdienen das Geld und übernehmen die Führung. Vorstellungen dieser Art sind keineswegs neu. In sozialen Netzwerken werden sie jedoch zunehmend in neuen Formen dargestellt, diskutiert und verbreitet.
Eine Untersuchung der amerikanischen Organisation Lean In beschäftigt sich mit der Frage, wie häufig Menschen solchen Inhalten begegnen und ob entsprechende Einstellungen auch im Berufsleben eine Rolle spielen.
Die am 20. Oktober 2026 veröffentlichten Ergebnisse beruhen auf einer Befragung von 2.984 Erwachsenen in den Vereinigten Staaten. Besonders auffällig ist die Verbreitung traditioneller Vorstellungen über Führung und berufliche Fähigkeiten.
42 Prozent der befragten Männer stimmen der Aussage zu, Männer seien von Natur aus besser für Führungspositionen geeignet. Unter den Frauen liegt der Anteil bei 22 Prozent.
Auch die Behauptung, Frauen seien zu emotional für anspruchsvolle Positionen unter hohem Druck, findet Zustimmung: bei 34 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen.
Solche Aussagen beschreiben keine nachgewiesenen Unterschiede in der tatsächlichen Leistungsfähigkeit. Sie zeigen vielmehr, welche Überzeugungen die Befragten über Frauen und Männer vertreten.
Die Untersuchung wirft damit die Frage auf, welche Rolle tradierte Geschlechterbilder heute noch spielen – und ob digitale Inhalte bestehende Vorstellungen verstärken können.
Was ist die Manosphere?
Der Begriff Manosphere bezeichnet kein einheitliches Netzwerk mit einer gemeinsamen Organisation oder verbindlichen Weltanschauung.
Er dient vielmehr als Sammelbegriff für unterschiedliche Online-Gemeinschaften, in denen sich Männer über Beziehungen, Geschlechterrollen, persönliche Probleme und gesellschaftliche Erwartungen austauschen.
Ein Teil dieser Angebote konzentriert sich auf Themen wie Männergesundheit, Einsamkeit oder Erfahrungen mit Trennung und Scheidung.
Andere Gruppen vertreten stark hierarchische Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Dazu gehören beispielsweise die Überzeugung, Männer seien Frauen grundsätzlich überlegen, oder die Behauptung, gesellschaftliche Gleichberechtigung benachteilige Männer.
Häufig werden solche Positionen mit Vorstellungen über männliche Dominanz, finanzielle Unabhängigkeit oder die traditionelle Ernährerrolle verbunden. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen allgemeinen Fragen zu männlichen Lebensrealitäten und Positionen, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Fähigkeiten oder Rechte absprechen.
Nicht jede Diskussion über Männerrollen gehört automatisch zu einer frauenfeindlichen Ideologie.
Was steckt hinter dem Tradwife-Trend?
Auch der Begriff Tradwife beschreibt zunächst ein gesellschaftliches Phänomen, nicht eine eindeutig abgrenzbare politische Bewegung.
Er setzt sich aus den englischen Wörtern Traditional und Wife zusammen und bezeichnet meist Frauen, die in sozialen Netzwerken ein traditionelles Ehe- und Familienmodell darstellen.
In entsprechenden Videos und Bildern stehen häufig Kindererziehung, Hausarbeit, Kochen, die Organisation des Familienlebens und die Unterstützung des berufstätigen Partners im Mittelpunkt.
Die Inszenierungen sind teilweise ausgesprochen aufwendig produziert und vermitteln ein idealisiertes Bild traditioneller Häuslichkeit.
Eine Entscheidung, vorübergehend oder dauerhaft die eigene Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie aufzugeben, ist für sich genommen jedoch keine Aussage über die Fähigkeiten anderer Frauen.
Problematisch wird die Verallgemeinerung, wenn aus einem freiwillig gewählten Lebensmodell die Behauptung entsteht, Frauen seien grundsätzlich besser für Hausarbeit und Kindererziehung geeignet und Männer sollten deshalb auch im Beruf die Führungsrollen übernehmen.
Solche übergreifenden Vorstellungen stehen im Zentrum der Lean-In-Untersuchung.
Warum die Zahl von 90 Prozent vorsichtig gelesen werden muss
Eine besonders spektakuläre Angabe der Untersuchung lautet, dass rund neun von zehn Amerikanern bereits Manosphere- oder Tradwife-Inhalte gesehen hätten.
91 Prozent der befragten Männer und 88 Prozent der Frauen gaben an, innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate entsprechende Inhalte wahrgenommen zu haben.
Der hohe Wert erklärt sich allerdings auch aus der Befragungsmethode. Lean In fragte nicht ausschließlich danach, ob jemand Videos bestimmter frauenfeindlicher Influencer gesehen oder Beiträge einer konkreten Online-Gemeinschaft verfolgt hatte. Stattdessen wurden die Teilnehmer allgemein nach Inhalten gefragt, die traditionelle Rollen von Frauen und Männern betonen, etwa die Frau als Mutter und Unterstützerin der Karriere ihres Partners oder den Mann als hauptsächlichen Ernährer.
Bereits wer angab, solchen Darstellungen selten begegnet zu sein, wurde bei der Zahl der erreichten Personen mitgezählt.
Die 90-Prozent-Angabe bedeutet deshalb nicht, dass nahezu alle Amerikaner regelmäßig frauenfeindliche Inhalte konsumieren. Sie zeigt vielmehr, dass Darstellungen traditioneller Geschlechterrollen im amerikanischen Online-Alltag sehr verbreitet sind.
Wie viele dieser Kontakte auf eindeutig frauenfeindliche Botschaften entfielen und wie viele eher gewöhnliche Darstellungen traditioneller Familienmodelle betrafen, lässt sich aus dieser Gesamtzahl nicht bestimmen.
Häufiger Medienkontakt geht mit traditionelleren Ansichten einher
Deutlicher werden die Ergebnisse, wenn die Häufigkeit des Medienkontakts berücksichtigt wird.
Von den Männern, die oft oder sehr oft entsprechende Inhalte sehen, stimmen 58 Prozent der Aussage zu, Männer seien von Natur aus die besseren Führungskräfte. Bei Männern, die solche Inhalte selten oder nie sehen, sind es nur 19 Prozent.
Ein ähnlicher Unterschied zeigt sich bei der Vorstellung, Frauen seien für besonders anspruchsvolle berufliche Aufgaben zu emotional. Unter den häufigen Nutzern entsprechender Inhalte stimmen 50 Prozent zu, unter den seltenen Nutzern 14 Prozent. Bemerkenswert ist zudem, dass solche Zusammenhänge auch bei Männern auftreten, die angeben, Tradwife-Inhalte persönlich nicht besonders ansprechend zu finden.
Unter diesen Männern halten 38 Prozent der häufigen Betrachter Männer für grundsätzlich bessere Führungskräfte, verglichen mit 17 Prozent jener, die solche Inhalte selten sehen.
Daraus ergibt sich allerdings noch kein Nachweis für eine Beeinflussung durch die Inhalte. Es könnte sein, dass häufige Kontakte bestimmte Überzeugungen verstärken. Ebenso könnten Menschen mit bereits vorhandenen traditionellen Einstellungen solche Angebote häufiger auswählen oder ihnen in ihren persönlichen Online-Umgebungen häufiger begegnen.
Die Untersuchung erfasst Einstellungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie zeigt nicht, welche Meinung einzelne Befragte vor dem Kontakt mit entsprechenden Inhalten vertreten haben.
Ob die Manosphere Einstellungen tatsächlich verändert oder vor allem bereits vorhandene Überzeugungen sichtbar macht, bleibt deshalb eine offene Forschungsfrage.
Wenn Vorstellungen über Geschlechterrollen im Arbeitsalltag auftauchen
Ein weiterer Teil der Untersuchung beschäftigt sich mit der Situation in Unternehmen. Lean In fragte berufstätige Teilnehmer, ob sie in den zurückliegenden zwölf Monaten bei der Arbeit bestimmte Aussagen über Frauen und Männer gehört hätten.
Rund sechs von zehn Befragten bejahten mindestens eine von sieben abgefragten Aussagen. Dazu gehörten unter anderem die Vorstellung, Männer seien von Natur aus besser für Führungspositionen geeignet, Frauen seien für anspruchsvolle Aufgaben zu emotional oder berufliche Erfolge von Frauen gingen zulasten von Männern.
Andere abgefragte Aussagen bezogen sich auf traditionelle Ernährerrollen, Gleichstellungsmaßnahmen oder eine wahrgenommene Benachteiligung von Männern. Die Antworten zeigen somit, dass gesellschaftliche Debatten über Geschlechterrollen auch in beruflichen Gesprächen stattfinden. Sie erlauben jedoch nicht, jede einzelne Erwähnung als persönliche Zustimmung oder diskriminierendes Verhalten zu werten.
Lean In untersuchte außerdem, ob Frauen in solchen Arbeitsumgebungen häufiger von geschlechtsbezogenen Bewertungen ihrer eigenen Person berichten. Unter Frauen, die mindestens drei der abgefragten Aussagen gehört hatten, gaben 26 Prozent an, selbst schon als zu emotional bezeichnet worden zu sein. Bei Frauen ohne entsprechende Erfahrungen waren es vier Prozent.
Die Rückmeldung, nicht als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden, erhielten in den beiden Vergleichsgruppen 21 beziehungsweise fünf Prozent. Die Befragung zeigt damit einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten traditioneller Rollenbilder und bestimmten negativen beruflichen Bewertungen.
Sie beweist aber nicht, dass einzelne Online-Inhalte diese Bewertungen ausgelöst haben.
Deutschland: Viele berufstätige Frauen, vergleichsweise wenige Chefinnen
Ob sich die amerikanischen Einstellungen unmittelbar auf Deutschland übertragen lassen, ist nicht bekannt. Allerdings zeigen aktuelle europäische Daten, dass Frauen hierzulande in Führungspositionen weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2025 lediglich 30,3 Prozent der Führungskräfte in Deutschland weiblich. Im Durchschnitt der Europäischen Union lag der Anteil bei 35,9 Prozent.
Schweden erreichte mit 44,4 Prozent einen erheblich höheren Wert. Dabei machen Frauen in Deutschland 47,1 Prozent aller Erwerbstätigen aus.
Der Unterschied zwischen ihrer allgemeinen Beteiligung am Arbeitsmarkt und ihrem Anteil an Führungspositionen ist damit erheblich.
Zwar hat sich die Situation innerhalb eines Jahrzehnts leicht verbessert. Zwischen 2015 und 2025 stieg der Frauenanteil in deutschen Führungspositionen jedoch nur von 29,3 auf 30,3 Prozent.
Welche Ursachen hinter dieser Entwicklung stehen, lässt sich aus der Statistik allein nicht ablesen. Eine Rolle können unter anderem Unterschiede bei Arbeitszeiten, Branchen, Karriereunterbrechungen, Betreuungsaufgaben und betrieblichen Beförderungsstrukturen spielen. Auch geschlechtsbezogene Erwartungen können ein Einflussfaktor sein.
Die deutschen Zahlen belegen deshalb keinen Einfluss der amerikanischen Manosphere auf die hiesige Arbeitswelt. Sie verdeutlichen aber, dass die Frage nach beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen keineswegs nur für die Vereinigten Staaten relevant ist.
Was traditionelle Rollenbilder wirtschaftlich bedeuten können
Über die gesellschaftliche Debatte hinaus besitzt das Thema eine wirtschaftliche Dimension.
Unternehmen sind darauf angewiesen, qualifizierte Fach- und Führungskräfte zu gewinnen. Werden berufliche Möglichkeiten unabhängig von der individuellen Eignung durch geschlechtsbezogene Erwartungen eingeschränkt, kann verfügbares Personalpotenzial ungenutzt bleiben.
Ein Beispiel wäre die Annahme, eine qualifizierte Mitarbeiterin werde wegen möglicher familiärer Verpflichtungen ohnehin keine Führungsposition anstreben. Wird sie deshalb bei der Karriereplanung nicht berücksichtigt, kann dem Unternehmen eine geeignete Besetzung entgehen.
Umgekehrt können traditionelle Vorstellungen auch Männer unter Druck setzen, beispielsweise wenn von ihnen grundsätzlich erwartet wird, den überwiegenden Teil des Familieneinkommens zu erwirtschaften oder berufliche Entscheidungen stets über familiäre Aufgaben zu stellen.
Für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ist deshalb nicht entscheidend, ob Beschäftigte privat traditionelle oder moderne Familienmodelle bevorzugen.
Entscheidend ist, ob ihre beruflichen Fähigkeiten unabhängig davon erkannt und eingesetzt werden.
Die neue Lean-In-Untersuchung beziffert keine konkreten wirtschaftlichen Verluste durch Manosphere-Inhalte. Auch aus den deutschen Führungsstatistiken lässt sich kein unmittelbar verursachter Produktivitätsverlust berechnen.
Dennoch gibt es einen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Zusammenhang: Werden qualifizierte Mitarbeiter aufgrund pauschaler Rollenerwartungen nicht entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt, kann dies die Personalentwicklung und die Nutzung vorhandener Kompetenzen beeinträchtigen.
Was weitere internationale Daten zeigen
Die amerikanische Befragung steht nicht allein.
Eine internationale Ipsos-Untersuchung zu Geschlechterrollen aus dem Frühjahr 2026 kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass traditionelle Vorstellungen trotz breiter Zustimmung zu Gleichberechtigung weiterhin verbreitet sind.
In den untersuchten Ländern befürwortet eine Mehrheit grundsätzlich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt.
Gleichzeitig unterscheiden sich die wahrgenommenen gesellschaftlichen Erwartungen weiterhin deutlich: Kinderbetreuung und Hausarbeit werden stärker mit Frauen verbunden, die Verantwortung für das Einkommen stärker mit Männern.
Die Ipsos-Ergebnisse beruhen auf einer anderen Stichprobe und einem anderen Fragebogen. Sie können die konkreten Lean-In-Zahlen deshalb nicht bestätigen oder ersetzen.
Sie zeigen aber, dass traditionelle Vorstellungen über Familie und Beruf auch jenseits einzelner Online-Trends gesellschaftlich relevant bleiben.
Der digitale Raum ist somit nicht die einzige mögliche Quelle solcher Vorstellungen. Er bietet ihnen lediglich zusätzliche Verbreitungswege.