Finanzen

52,6 Milliarden Euro Gewinn – doch die Industriekrise bleibt

DAX-Konzerne melden Rekordzahlen, während Autohersteller sparen und Jobs abbauen. Für Anleger ist genau diese Spaltung entscheidend

5 Min.

14.08.2026

Rekordumsatz, Rekordgewinn – und gleichzeitig Zehntausende Stellen weniger. Die jüngsten Zahlen der DAX-Konzerne wirken zunächst widersprüchlich. Tatsächlich zeigen sie ziemlich genau, warum Börse und Gesamtwirtschaft derzeit so weit auseinanderliegen können: Der DAX misst den Erfolg internationaler Großkonzerne. Er ist kein Gesundheitscheck für den Standort Deutschland.

Die 40 DAX-Unternehmen erzielten im zweiten Quartal 2026 nach einer aktuellen Auswertung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zusammen einen operativen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 52,6 Milliarden Euro. Das waren knapp 16 Prozent mehr als im Vorjahresquartal und zugleich der höchste jemals für ein zweiten Quartal gemessene Wert. Der Umsatz stieg um 4,6 Prozent auf rund 463 Milliarden Euro und erreichte ebenfalls einen Rekord. Grundlage der EY-Analyse sind die Quartalszahlen und Unternehmensmeldungen der DAX-Konzerne.

Der Rekord verdeckt enorme Unterschiede

Wer nur die Gesamtsumme betrachtet, könnte daraus eine überraschende Erholung der deutschen Wirtschaft ableiten.

Genau das wäre allerdings falsch.

Das Wachstum konzentriert sich auf Branchen, die derzeit von besonderen Entwicklungen profitieren: Rüstung, KI und Rechenzentren, Teile der Chemie sowie Banken und Versicherungen. Die höchsten operativen Gewinne erzielten Deutsche Telekom mit 6,9 Milliarden Euro, Allianz mit 4,9 Milliarden Euro, Volkswagen mit 3,5 Milliarden Euro und Siemens mit 3,4 Milliarden Euro.

Bei den klassischen Autokonzernen zeigt die Richtung dagegen weiter nach unten. Ihre Umsätze sanken im Quartal zusammen um 1,2 Prozent, der operative Gewinn um zwölf Prozent. Besonders stark traf es BMW mit einem EBIT-Rückgang von 39 Prozent. Bei Volkswagen und Daimler Truck lag das Minus jeweils bei neun Prozent.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon zum Jahresauftakt sichtbar war. Im ersten Quartal war der Gesamtgewinn der DAX-Konzerne zwar um 4,4 Prozent gestiegen, die Industrieunternehmen hatten aber lediglich 0,5 Prozent zugelegt. Getragen wurde das Ergebnis damals vor allem von den Finanzkonzernen.

Der DAX verdient längst nicht hauptsächlich in Deutschland

Der entscheidende Punkt liegt in der Internationalität der Konzerne.

EY weist darauf hin, dass das aktuelle Umsatz- und Gewinnwachstum vor allem außerhalb Deutschlands entsteht, während die Nachfrage am Heimatmarkt schwach bleibt.

Für Anleger ist das nichts Neues – für die öffentliche Wahrnehmung aber entscheidend.

Ein amerikanisches Mobilfunkgeschäft der Deutschen Telekom, ein internationaler Versicherungskonzern wie Allianz oder globale Aktivitäten von Siemens können starke Ergebnisse liefern, selbst wenn Industrieproduktion und Investitionen in Deutschland unter Druck stehen.

Der Erfolg einer DAX-Aktie und die wirtschaftliche Lage Deutschlands sind deshalb zwei unterschiedliche Größen.

Das zeigt sich auch europaweit. Die Unternehmen des Stoxx Europe 600 steuern derzeit auf eine der stärksten Berichtssaisons seit Jahren zu. Nach LSEG-Daten werden für das zweiten Quartal insgesamt 23,4 Prozent mehr Gewinne erwartet. Besonders Energie- und Rohstoffkonzerne tragen zu diesem Anstieg bei.

Warum Rekordgewinne und Stellenabbau zusammenpassen

Noch auffälliger ist die Beschäftigung.

Zum 30. Juni beschäftigten die DAX-Konzerne, die entsprechende Angaben veröffentlichten, zusammen rund 3,49 Millionen Menschen. Das waren 41.000 beziehungsweise 1,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. 21 von 37 Unternehmen mit Beschäftigtenzahlen bauten Personal auf, 16 reduzierten ihre Belegschaften.

Auch das ist kein echter Widerspruch zu steigenden Gewinnen.

Unternehmen können ihre Profitabilität gerade dadurch erhöhen, dass sie Kosten senken, Strukturen vereinfachen, Produktion verlagern oder mit weniger Personal dieselbe Leistung erzielen.

EY - eine der weltweit größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften - hatte diesen Mechanismus bereits im Frühjahr beschrieben. Als Reaktion auf hohe Standortkosten bauten Industrieunternehmen Hierarchien ab, verlagerten Produktion in günstigere Länder und reduzierten Beschäftigung. Hinzu kommen Effizienzsteigerungen durch Digitalisierung und KI.

Besonders sichtbar wird der Strukturwandel im Vergleich zwischen Branchen: Während die Autoindustrie Stellen verliert, baut Rheinmetall Beschäftigung auf. Schon 2025 hatte der Rüstungskonzern unter den DAX-Unternehmen mit einem Plus von 13 Prozent das stärkste Beschäftigungswachstum gemeldet, während Mercedes-Benz besonders deutlich Personal reduzierte.

Für Anleger ist die Spaltung wichtiger als der Rekord

An der Börse zählt deshalb weniger die Frage, ob »der DAX« Rekordgewinne erzielt. Entscheidend ist, welche Unternehmen diese Gewinne erwirtschaften und warum.

Ein Rüstungskonzern profitiert von steigenden Verteidigungsausgaben. Unternehmen rund um Stromnetze und Rechenzentren profitieren vom KI- und Infrastrukturboom. Banken und Versicherer können unter bestimmten Markt- und Zinsbedingungen hohe Gewinne erzielen.

Autobauer kämpfen dagegen gleichzeitig mit chinesischer Konkurrenz, hohen Transformationskosten und schwächerer Nachfrage.

Damit findet innerhalb desselben Index ein Kapital- und Ertragswechsel zwischen Geschäftsmodellen statt.

Das ist für Investoren womöglich die interessantere Botschaft als der Rekord selbst.

Was daraus folgt

Der DAX bildet nicht die deutsche Volkswirtschaft ab. Er bildet 40 große, überwiegend international tätige börsennotierte Konzerne ab – und deren Fähigkeit, weltweit Geld zu verdienen.

Genau deshalb können zwei Nachrichten gleichzeitig stimmen:

Deutschlands größte börsennotierte Unternehmen erzielen Rekordgewinne.

Und Teile der deutschen Industrie stecken weiterhin in einer tiefen strukturellen Krise.

Die aktuellen Zahlen zeigen sogar noch etwas Drittes: Der Umbau der Wirtschaft ist längst innerhalb des DAX angekommen. Kapital, Gewinne und Beschäftigung verschieben sich zwischen Branchen – weg von Teilen des traditionellen Automodells, hin zu Verteidigung, Energie- und Digitalinfrastruktur sowie Finanzdienstleistungen.

Für Anleger ist das ein wichtiger Unterschied.

Ein neuer Gewinnrekord im DAX bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die deutsche Wirtschaft gesundet.

Er zeigt zunächst nur, dass Deutschlands größte Unternehmen erfolgreich genug sind, ihre Erträge dort zu erwirtschaften, wo Wachstum gerade stattfindet.

Und genau darin liegt möglicherweise die bemerkenswerteste Botschaft dieser Zahlen: Der DAX kann immer erfolgreicher aussehen, während der Standort Deutschland gleichzeitig weiter um seine Wettbewerbsfähigkeit kämpft.

Stefanie S. Klief

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