Deutschland als eines der weltweit besten Länder für den Ruhestand? Angesichts der Diskussion über Rentenlücken, demografischen Wandel und steigende Sozialbeiträge klingt das zunächst überraschend. Im neuen Global Retirement Index erreicht die Bundesrepublik tatsächlich Rang sieben. Der Blick hinter die Gesamtnote zeigt allerdings ein wesentlich differenzierteres Bild: Deutschland punktet bei Lebensqualität und materiellem Wohlstand – beim finanziellen Umfeld für den Ruhestand liegt es dagegen nur im Mittelfeld.
Norwegen bleibt an der Spitze
Der Global Retirement Index 2026 von Natixis Investment Managers und CoreData Research vergleicht 44 Länder danach, welche Voraussetzungen sie für einen finanziell und gesellschaftlich abgesicherten Ruhestand bieten.
Norwegen führt das Ranking mit 83 Prozent erneut an. Dahinter folgen Irland mit 81 Prozent sowie die Niederlande und die Schweiz mit jeweils 79 Prozent. Dänemark erreicht 78 Prozent, Australien 77 Prozent. Deutschland folgt mit 75 Prozent auf Rang sieben und verbessert sich damit gegenüber dem Vorjahr um einen Platz.
Die Top Ten:
Dass Deutschland dabei als einziges großes Industrieland so weit vorn liegt, fällt besonders auf. Schon im Vorjahr hatte Natixis darauf hingewiesen, dass Staaten mit großen Bevölkerungen häufig stärkeren Belastungen durch Staatsverschuldung, Ungleichheit und komplexere Sozialsysteme ausgesetzt sind.
Das Ranking misst weit mehr als die Höhe der Rente
Der Name kann leicht zu einem Missverständnis führen.
Der Global Retirement Index vergleicht weder ausschließlich gesetzliche Rentensysteme noch die durchschnittliche Höhe von Rentenzahlungen. Ebenso wenig beantwortet er die Frage, in welches Land deutsche Rentner am besten auswandern sollten.
Untersucht werden vielmehr 18 Indikatoren aus vier Bereichen: Gesundheit, Lebensqualität, materieller Wohlstand und Finanzen im Ruhestand. Dazu gehören unter anderem Lebenserwartung, Gesundheitsausgaben, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Einkommensverteilung, Umweltbedingungen, Inflation, Staatsverschuldung, Steuerbelastung und die demografische Altersstruktur. Natixis versteht den Index als Instrument, um die strukturellen Voraussetzungen für Alterssicherheit zwischen Ländern zu vergleichen.
Damit kann ein Land bei der finanziellen Altersvorsorge Schwächen haben und insgesamt trotzdem gut abschneiden, wenn andere Lebensbedingungen stark sind.
Deutschland ist dafür 2026 ein gutes Beispiel.
Deutschland punktet dort, wo die Rentendebatte selten hinschaut
Besonders gut schneidet die Bundesrepublik beim materiellen Wohlstand und bei der Lebensqualität ab.
Im Teilbereich Lebensqualität erreicht Deutschland Rang sieben, beim materiellen Wohlstand Rang acht. In die Bewertung fließen dabei unter anderem Einkommen, Beschäftigung, Einkommensverteilung, Umweltbedingungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ein.
Auch das Gesundheitssystem trägt zur guten Gesamtposition bei. Der Index berücksichtigt sowohl die Lebenserwartung als auch Gesundheitsausgaben und den Anteil versicherter Gesundheitsleistungen.
Schon die Ergebnisse der vergangenen Jahre zeigten dabei ein ungewöhnliches deutsches Muster: Deutschland gibt im internationalen Vergleich sehr viel für Gesundheit aus, erreicht bei der Lebenserwartung aber keine entsprechende Spitzenposition. 2025 lag das Land bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf auf Rang vier, bei der Lebenserwartung dagegen lediglich auf Rang 27.
Der gute Gesamtrang bedeutet deshalb nicht, dass Deutschland in jedem einzelnen Bereich zur Weltspitze gehört.
Bei den Finanzen fällt Deutschland weit zurück
Der größte Kontrast zeigt sich beim Teilindex »Finanzen im Ruhestand«.
Hier erreicht Deutschland 2026 lediglich Rang 23. Zu diesem Teilindex gehören unter anderem Inflation, Zinsen, Steuerbelastung, Staatsverschuldung, Regierungsführung und der sogenannte Altenquotient – also das Verhältnis älterer Menschen zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
Die Platzierung ist kein kurzfristiger Ausrutscher.
Bereits 2024 lag Deutschland in diesem Bereich auf Rang 22, 2025 sogar nur auf Rang 25. Der entsprechende Wert sank damals von 64 auf 63 Prozent. Besonders problematisch bewertete Natixis die demografische Entwicklung und die Steuerbelastung.
Damit wird der scheinbare Widerspruch des Rankings verständlicher.
Deutschland kann ein gutes Land sein, um alt zu werden – und zugleich strukturelle Schwierigkeiten bei der Finanzierung dieses Alters haben.
Die Demografie bleibt die empfindliche Stelle
Ein entscheidender Faktor ist das Verhältnis von Beitragszahlern und älteren Menschen.
Deutschland gehört zu den Staaten, in denen der Altenquotient seit Jahrzehnten stark steigt. Natixis hatte Deutschland bereits im Vorjahr bei diesem Indikator unter den fünf schwächsten Ländern des Vergleichs eingeordnet.
Das Problem trifft klassische umlagefinanzierte Rentensysteme besonders direkt: Wenn weniger Erwerbstätige für mehr Rentner aufkommen müssen, steigt der Druck auf Beiträge, Bundeszuschüsse oder Leistungsniveau.
Der hohe Gesamtrang im Retirement Index löst dieses Problem nicht auf.
Er zeigt vielmehr, dass Alterssicherheit aus mehreren Komponenten besteht. Eine funktionierende Gesundheitsversorgung, hohe Lebensqualität, gesellschaftliche Stabilität und materieller Wohlstand können strukturelle Schwächen der Rentenfinanzierung in einem Gesamtindex teilweise ausgleichen.
Für den einzelnen Rentner tun sie das auf dem Konto allerdings nicht automatisch.
Mehr Eigenverantwortung wird weltweit zum Thema
Der Bericht beschreibt zugleich eine Entwicklung, die weit über Deutschland hinausgeht.
78 Prozent der in 21 Ländern befragten Anleger haben inzwischen das Gefühl, zunehmend selbst für die Finanzierung ihres Ruhestands verantwortlich zu sein. Vor zehn Jahren waren es 67 Prozent.
68 Prozent sorgen sich darum, dass Inflation den zukünftigen Wert ihrer Ersparnisse schmälert. 66 Prozent geben an, aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten weniger sparen zu können. 72 Prozent befürchten, dass wachsende Staatsschulden künftig zu niedrigeren Altersleistungen führen könnten. Und 43 Prozent sagen sogar, für einen finanziell sicheren Ruhestand sei inzwischen beinahe ein »Wunder« nötig.
Natixis sieht deshalb drei zentrale Stellschrauben für moderne Alterssicherungssysteme: mehr Menschen überhaupt in Vorsorgesysteme einzubeziehen, ausreichende Sparbeträge zu ermöglichen und Sparprozesse stärker zu automatisieren.
Deutschland setzt stärker auf den Kapitalmarkt
Auch die deutsche Altersvorsorge bewegt sich in diese Richtung.
Ab 2027 soll die staatlich geförderte private Vorsorge neu aufgestellt und die bisherige Riester-Systematik ersetzt werden. Vorgesehen ist unter anderem ein gefördertes Altersvorsorgedepot, über das Sparer stärker in Fonds und ETFs investieren können. Die bisher übliche Beitragsgarantie soll dabei entfallen, wodurch höhere Aktienquoten und damit langfristig höhere Renditechancen möglich werden.
Das passt zur grundsätzlichen Herausforderung, die der Global Retirement Index beschreibt: Je stärker der demografische Druck auf staatliche Systeme wächst, desto wichtiger wird die Frage, wie zusätzliches privates Vermögen für den Ruhestand aufgebaut werden kann.
Der siebte Platz Deutschlands ist deshalb weniger eine Entwarnung für das Rentensystem als eine Erinnerung daran, zwei Dinge auseinanderzuhalten.
Deutschland bietet im internationalen Vergleich gute Bedingungen, um alt zu werden.
Wie komfortabel man sich dieses Alter finanziell leisten kann, bleibt eine andere Frage.
Stefanie S. Klief