Finanzen

100-Dollar-Öl trifft 24-Jahres-Zins

Warum der gefährlichste Mix für Aktien plötzlich zurück ist

9 Min.

08.10.2026

Offshore Erdölbohrinsel im Golf von Mexiko. Symbolbild.

Die Börsen haben schon mit hohen Zinsen gelebt. Sie haben sich auch an Ölpreise oberhalb von 100 Dollar gewöhnt. Problematisch wird es, wenn beides gleichzeitig auftritt. Genau das passiert gerade. Neue Eskalationsrisiken im Nahen Osten treiben Brent am Donnerstag zeitweise über 105 Dollar. Gleichzeitig liegen die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen auf dem höchsten Niveau seit mehr als zwei Jahrzehnten. Für Aktien entsteht daraus eine unangenehme Gleichung: Je teurer Energie wird, desto schwieriger wird der Kampf gegen die Inflation – und desto länger bleiben sichere Anleihen eine attraktive Konkurrenz.

Brent springt innerhalb weniger Stunden um fünf Prozent

Am Donnerstag beschleunigte sich die Bewegung am Ölmarkt deutlich.

Die Nordseesorte Brent verteuerte sich am Vormittag um rund fünf Prozent auf mehr als 105 Dollar je Barrel. US-Öl der Sorte WTI stieg ebenfalls um rund fünf Prozent auf knapp 93 Dollar.

Auslöser ist eine ungewöhnliche Kombination mehrerer Angebotsrisiken.

US-Medien berichten, dass Washington neue größere Militärschläge gegen Iran erwägen könnte. Ob solche Angriffe tatsächlich beschlossen werden, ist nicht bestätigt. Allein die Möglichkeit reicht jedoch aus, um die Risikoprämie am Ölmarkt wieder deutlich steigen zu lassen.

Hinzu kommen zunehmende Angriffe auf Tanker im Persischen Golf und in der Straße von Hormus. Vor dem Krieg liefen durch diese Route Öl- und Produktlieferungen im Umfang von rund einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs.

Schon die Gefahr weiterer Störungen besitzt deshalb erhebliches Preispotenzial.

Dann kommt auch noch ein Hurrikan

Als wäre der Nahe Osten nicht genug, fällt gleichzeitig Produktion in den USA aus. Wegen Hurrikan Isaias haben Ölkonzerne Plattformen im Golf von Mexiko heruntergefahren. Rund ein Viertel der dortigen Ölförderung war zuletzt vorübergehend stillgelegt, ebenso mehr als 16 Prozent der Erdgasproduktion.

Das ist voraussichtlich ein zeitlich begrenzter Effekt. Doch Märkte reagieren nicht nur auf die langfristige Angebotslage, sondern auf die Frage, wie viel Öl heute und in den kommenden Wochen verfügbar ist.

Auch die jüngsten US-Lagerdaten verstärken den Eindruck eines angespannten Marktes: Die Rohölbestände gingen stärker zurück als erwartet. Damit bekommt jeder neue geopolitische Zwischenfall sofort ein Preisschild.

325 Millionen Barrel reichen nicht für Entwarnung

Die Internationale Energieagentur versucht bereits gegenzusteuern. Seit dem Frühjahr haben ihre Mitgliedstaaten rund 325 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben. Weitere etwa 100 Millionen Barrel aus bereits zugesagten Beständen könnten noch folgen.

Am Mittwoch verständigten sich die Mitgliedsländer darauf, die Freigaben zu beschleunigen und besonders Diesel auf den Markt zu bringen, weil dort die Versorgung angespannt ist. Außerdem stehen nach Angaben der IEA weiterhin etwa 1,1 Milliarden Barrel öffentliche Notreserven zur Verfügung.

Das ist beträchtlich. Aber strategische Reserven können vorübergehende Engpässe überbrücken. Sie können keinen dauerhaft gestörten Welthandel ersetzen. Daher springt Öl trotz der angekündigten zusätzlichen Freigaben wieder kräftig nach oben.

Das eigentliche Problem beginnt bei der Inflation

Für die Börse wäre ein höherer Ölpreis allein noch kein Grund zur Panik.

Energieaktien können davon sogar profitieren. Raffinerien erzielen derzeit teilweise außergewöhnlich hohe Margen. Gefährlicher wird der zweite Effekt.

Teureres Öl erhöht Transport-, Produktions- und Heizkosten. Unternehmen versuchen zumindest einen Teil dieser Belastungen an Kunden weiterzugeben. Damit kann aus einem Energiepreisschock wieder allgemeiner Inflationsdruck entstehen. Diese Erfahrung haben die Zentralbanken in den vergangenen Monaten gemacht.

Die Federal Reserve erhöhte ihren Leitzins im September erstmals seit 2023 wieder auf 3,75 bis vier Prozent. Und die gestern veröffentlichten Sitzungsprotokolle machen deutlich: Die Mehrheit der Währungshüter hält eine weitere Erhöhung bis Jahresende grundsätzlich für wahrscheinlich.

Die Fed fürchtet, dass der Ölpreis hängen bleibt

Bemerkenswert ist dabei, wie ausdrücklich die Notenbank den Energiemarkt inzwischen in ihre Überlegungen einbezieht. Fast alle Mitglieder sahen im September die Inflationsrisiken weiterhin eher auf der Oberseite.

Mehrere plädierten für einen höheren Zinspfad als Versicherung gegen neue Angebotsschocks. Einzelne warnten ausdrücklich davor, dass Energiepreissteigerungen auf andere Bereiche der Wirtschaft überspringen und sich dadurch dauerhaft in der Inflation festsetzen könnten. Diese Gefahr wird mit jedem neuen Ölpreissprung wieder konkreter.

Eine Zinspause Ende Oktober bleibt derzeit zwar das wahrscheinlichere Szenario. Für Dezember preisen die Märkte aber inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Erhöhung ein. Die Diskussion lautet also nicht mehr: Wann senkt die Fed? Sie lautet: Wie oft muss sie noch erhöhen?

5,7 Prozent für dreißig Jahre

Diese Verschiebung ist längst am Anleihemarkt angekommen. Die Rendite dreißigjähriger US-Staatsanleihen erreichte zuletzt rund 5,7 Prozent – den höchsten Stand seit 24 Jahren. Auch zehnjährige Treasuries stiegen zeitweise auf etwa 5,36 Prozent und damit ebenfalls auf ein Niveau wie seit 2002 nicht mehr.

Für Aktien ist das doppelt unangenehm.

Erstens können Anleger wieder attraktive nominale Renditen mit Staatsanleihen erzielen. Aktien müssen also eine deutlich höhere erwartete Rendite bieten, um dieses zusätzliche Risiko zu rechtfertigen.

Zweitens verteuern höhere Kapitalmarktzinsen die Finanzierung von Unternehmen.

Besonders hart trifft das Geschäftsmodelle, deren Gewinne erst weit in der Zukunft erwartet werden. Deshalb reagieren hoch bewertete Wachstumsaktien traditionell besonders sensibel auf steigende Langfristzinsen.

Der KI-Boom verschärft ausgerechnet das Zinsproblem

Hier entsteht eine neue Verbindung. Die Unternehmen, die den Aktienmarkt in den vergangenen Jahren nach oben gezogen haben, benötigen inzwischen gigantische Kapitalmengen für ihre KI-Infrastruktur. Neue Rechenzentren, Chips, Energieversorgung und Netzwerke kosten Milliarden. Bislang finanzierten viele Techunternehmen einen großen Teil ihrer Expansion aus enormen Cashflows.

Das verändert sich.

Nach aktuellen Berichten wollen unter anderem SpaceX, Broadcom und Oracle zusätzliche zweistellige Milliardenbeträge am Kredit- und Anleihemarkt aufnehmen, um KI-Hardware zu finanzieren.

Broadcom soll Finanzierungen von rund 50 Milliarden Dollar prüfen. Bei SpaceX geht es Berichten zufolge um 30 Milliarden Dollar Anleihen plus zehn Milliarden Dollar Kredite.

Damit konkurriert der KI-Boom zunehmend mit Staaten und anderen Unternehmen um Kapital. Und das ausgerechnet in einem Moment, in dem Regierungen ohnehin immer größere Schulden refinanzieren müssen.

Kapital wird plötzlich wieder knapp und teuer

Das ist für Anleger ein grundlegender Wechsel. Über viele Jahre sorgten niedrige Zinsen dafür, dass praktisch jedes erfolgversprechende Wachstumsprojekt billig finanziert werden konnte.

Heute müssen Staaten, Unternehmen und private Kreditnehmer gleichzeitig deutlich höhere Zinsen zahlen. Wenn zusätzliche Milliardenanleihen auf einen bereits angespannten Markt treffen, können die Renditen weiter steigen. Die Anleger betrachten den Übergang vom cashfinanzierten zum stärker kreditfinanzierten KI-Boom zunehmend kritisch.

Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr nur, wie groß der KI-Markt irgendwann wird. Die Unternehmen müssen beweisen, dass die künftigen Erträge ausreichen, um die heutigen gigantischen Investitionen zu rechtfertigen.

Selbst Rekordgewinne reichen plötzlich nicht mehr

Wie anspruchsvoll der Markt geworden ist, zeigt Asien. Samsung stellte für das dritte Quartal einen operativen Gewinnsprung um fast 800 Prozent in Aussicht. TSMC meldete einen neuen Rekordumsatz.

Normalerweise wären solche Zahlen Treibstoff für einen Technologiesektor, dessen Aufstieg praktisch ununterbrochen von der KI-Nachfrage getragen wird. Trotzdem fielen beide Aktien. Samsung verlor mehr als zwei Prozent, TSMC ebenfalls. Das ist kein Beweis für das Ende des KI-Booms.

Es zeigt vielmehr, wie hoch die Erwartungen mittlerweile liegen. Wenn gute Nachrichten bereits eingepreist sind, braucht es immer bessere Nachrichten, um die Kurse weiter steigen zu lassen.

Der DAX fällt unter 25.000 Punkte

Auch Deutschland bekommt den neuen Risiko-Mix zu spüren.

Der DAX hatte gerade drei Gewinntage hintereinander absolviert und am Dienstag zeitweise wieder über 25.500 Punkten gestanden.

Am Mittwoch verlor er 1,35 Prozent. Am Donnerstag fiel er im Vormittagshandel unter die Marke von 25.000 Punkten. Dabei kommt Europas eigenes Zinsproblem hinzu.

Frankreichs Haushaltskrise drückt auf die Staatsanleihemärkte mehrerer Eurostaaten. Anleger verlangen höhere Risikoaufschläge, Banken geraten unter Druck und Kapital wandert teilweise in deutsche Bundesanleihen.

Europa kämpft damit gleichzeitig mit steigenden Energiepreisen, staatlicher Verschuldung und der Frage, wie weit die EZB ihre Geldpolitik noch straffen muss.

Wall Street kommt von Rekorden herunter

Auch in New York ist die Stimmung gekippt. Noch am Dienstag hatten S&P 500 und Nasdaq neue Rekordstände erreicht. Nur einen Tag später verlor der Dow Jones 0,7 Prozent. S&P 500 und Nasdaq gaben jeweils 0,2 Prozent nach. Das sieht zunächst nach einer kleinen Korrektur aus.

Interessanter ist die Ursache.

Anleger verkaufen nicht wegen eines überraschenden Einbruchs der Unternehmensgewinne oder einer Rezession. Im Gegenteil: Die amerikanische Wirtschaft bleibt robust. Die Fed kann die Zinsen höher halten und die Renditen steigen.

Eine starke Wirtschaft ist für Aktien plötzlich nicht ausschließlich eine gute Nachricht.

Der gefährliche Kreislauf

Das vielleicht wichtigste Börsenthema liegt derzeit nicht in einer einzelnen Zahl. Es ist die Verbindung mehrerer Märkte.

  • Krieg und Lieferausfälle treiben Öl.
  • Teures Öl hält die Inflation hoch.
  • Hohe Inflation zwingt die Notenbanken zu höheren Zinsen.
  • Höhere Zinsen treiben die Renditen von Staatsanleihen.
  • Gleichzeitig benötigen Staaten und Unternehmen immer mehr Kapital.
  • Steigende Renditen drücken wiederum die Bewertungen von Aktien.

Jeder einzelne Faktor wäre beherrschbar. Zusammen können sie sich gegenseitig verstärken. Die Börse schaut derzeit nervös auf jedes Fass Öl und auf jeden Basispunkt am Anleiahemarkt.

Doch ist die gefährlichste Zahl möglicherweise weder 105 Dollar noch 5,7 Prozent. Es ist die Frage, wie lange beide gleichzeitig so hoch bleiben.

Stefanie S. Klief

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